„Ich spielte für meine Eltern, nicht für mich“ – Wie Gian van Veen seine Dartitis überwand und ein Major-Champion wurde

PDC
Freitag, 12 Dezember 2025 um 19:45
Gian van Veen (2)
Gian van Veen ist das Gesicht eines neuen niederländischen Darts-Jahrgangs – jung, mutig, außergewöhnlich talentiert. Der 23-Jährige aus Poederoijen hat in nur einem Jahr den Sprung von der Talentschmiede in die Weltklasse geschafft. Mit dem Gewinn seines ersten Major-Titels und dem Einzug in die Top Ten der Weltrangliste wird er inzwischen offen als potenzieller Nachfolger von Michael van Gerwen gehandelt. Bemerkenswert ist vor allem, dass dieser Durchbruch ausgerechnet einem Spieler gelang, der jahrelang gegen Dartitis kämpfte – und zeitweise sogar ans Aufhören dachte.
Trotz seines Rufs als größtes niederländisches Talent hinter Luke Littler war Van Veen als Jugendlicher kaum bekannt. Keine Nationalmannschaft, keine Jugendtitel, keine große Bühne. Seine Probleme saßen tiefer – sie spielten sich vor allem im Kopf ab.

Vom Spaß in der Kantine zur lähmenden Blockade

Was als harmloser Spaß in der Vereinskantine von VV Zuilichem begann, wurde mit der Zeit zu einer mentalen Belastung. Aus Freude wurde Druck. „Ich stand in meinem Schlafzimmer und konnte den Pfeil plötzlich nicht mehr loslassen“, erinnert sich Van Veen im Gespräch mit NU.nl. Die Ursache: Schuldgefühle. Seine Eltern hatten jahrelang seine Reisen und Startgelder bezahlt – während er regelmäßig ohne Preisgeld zurückkehrte. „Es fühlte sich an, als würde ich ihr Geld verschwenden“, sagt er.
Gian van Veen hält den EM-Pokal hoch
Gian van Veen gehört nach dem Gewinn des EM-Titels zur Top 10 der Weltrangliste.
Sein Leiden nahm extreme Formen an. Nach Fehlwürfen dachte er nur noch an das investierte Geld seiner Eltern, nicht an den Sport. „Ich spielte für meine Eltern, nicht für mich.“ Der Druck lähmte ihn, das Spielniveau stürzte ab – der Average sank auf 65 Punkte. Van Veen zockte lieber am Computer, als am Board zu trainieren. Nach sechs Turnieren ohne Preisgeld zog er ein erstes Fazit: „Ich dachte, ich bleibe einfach Amateur.“
Doch ausgerechnet in dieser schwierigen Zeit fand seine Karriere neuen Schwung. Während der Pandemie führte die PDC Online-Turniere ein, bei denen Spieler von zu Hause antreten konnten. Für Van Veen war das der Wendepunkt. Kein Publikum, kein Lärm, kein Druck – nur eine Webcam, ein Board und er selbst. In seinem Schlafzimmer besiegte er unter anderem den früheren WM-Finalisten Simon Whitlock. Die Siege gaben Selbstvertrauen. „Es war befreiend, nicht über Reisekosten oder Startgelder nachdenken zu müssen. Ich spielte manchmal bis nach Mitternacht, gegen die Wand, hinter der meine Eltern schliefen.“
Seine Eltern hörten jede Bewegung, ließen ihn aber gewähren. Heute sagt Van Veen mit einem Lächeln: „Ich war vielleicht kein mentales Talent. Aber ich brauchte diese Heimspiele, um zu verstehen, dass ich es schaffen kann.“

Zwischen Luftfahrt und Darts: Wenn Denken zum Gegner wird

Bevor Van Veen sich endgültig für den Profisport entschied, machte er einen Abschluss in Luftfahrttechnologie – ein Studium, das analytisches Denken erfordert. Auf der Bühne aber ist genau das mitunter ein Nachteil. „Intelligenz kann dir auch im Weg stehen“, sagt er. „Im Darts ist es besser, nicht nachzudenken und einfach zu werfen. Das können viele andere besser als ich.“
Dieses analytische Denken hat ihn mehr als einmal blockiert. Doch er lernte, mit seinen Eigenheiten umzugehen. Beim EM-Finale gegen Luke Humphries schüttelte er vor seinem entscheidenden Wurf demonstrativ den Arm aus. „Ich wusste: Wenn ich das mache, geht er rein“, lacht er. Es war nicht nur die Geste eines Technikers, sondern auch die eines Spielers, der das mentale Spiel endlich im Griff hat.
Früher machten ihn Kritik und Missverständnisse zu schaffen. „Bei einem Turnier in Barnsley wurde ich mal des Betrugs verdächtigt, weil ich mir beim Werfen zu viel Zeit ließ. Ich habe damals bitterlich geweint.“ Heute ist davon nichts mehr zu spüren. „Jetzt ist mir egal, was die Leute denken.“

Freiheit statt Druck: Ein Leben nach eigenen Regeln

Um den Leistungsdruck dauerhaft aus seinem Leben zu verbannen, traf Van Veen zusammen mit seiner Freundin eine kluge Entscheidung: eine kleine Hypothek, bewusst unter der finanziellen Schmerzgrenze. „So muss ich nicht performen, um das Haus abzuzahlen“, erklärt er. Diese finanzielle Gelassenheit hat seine Herangehensweise an den Sport verändert. Was früher lähmte, befreit ihn heute – und macht ihn zu einem der gefährlichsten Spieler der Tour.
Bei Buchmachern liegt Van Veen inzwischen vor Van Gerwen, wird als Kronprinz des niederländischen Darts gehandelt. Er selbst bleibt realistisch: „Ich habe keine Angst vor Michael. Aber er hat über hundert PDC-Titel – und ich zwei. Ich muss erst einen Weltmeistertitel gewinnen, um in seine Nähe zu kommen.“
Dass er bei der WM bisher keinen Sieg verbuchen konnte, beschäftigt ihn wenig. Van Veen weiß, dass seine Zeit kommt. „Ein starkes Turnier kann mich direkt unter die Top Fünf bringen“, sagt er. „Aber ich bleibe ruhig. Ich vergesse nie, wo ich herkomme.“
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