Nach seinem Thriller in der Auftaktrunde der
Hungarian Darts Trophy gegen
Beau Greaves hatte
Rob Cross nur Lob für seine junge Gegnerin übrig. Der frühere Weltmeister entschied das historische European-Tour-Duell letztlich für sich, sah dabei aber aus nächster Nähe, warum Greaves als eines der größten Talente im Darts gilt. Cross war tief beeindruckt von der Leistung der Engländerin, die Geschichte schrieb, indem sie als erste Frau überhaupt ein Match auf der European Tour bestritt.
Greaves musste fast fünfzehn Jahre warten, bis sich eine Frau für ein Event der European Tour qualifizierte. Seit Einführung der Serie waren bereits 149 Turniere gespielt, ehe sich die 22-jährige Engländerin über die Qualifikation das Ticket für das Hauptfeld der
Hungarian Darts Trophy sicherte. Ihr Debüt wurde sofort zu einem besonderen Ereignis, doch Greaves wollte sich nicht mit dem reinen Eintrag in die Geschichtsbücher zufriedengeben.
Gegen Cross zeigte sie nämlich auch auf der Bühne, dass sie das Niveau mitgehen kann. Die dreifache Weltmeisterin bei den Frauen spielte lange Zeit auf bemerkenswert hohem Niveau und kratzte an einem average von 105 Punkten. Am Ende hatte Cross die Nase vorn, doch die Art, wie Greaves dagegenhielt, hinterließ großen Eindruck beim Weltmeister von 2018.
„Ich habe enorm viel Respekt vor Beau. Sie ist großartig“, sagte Cross im Anschluss. „Ich traf zwischendurch nur 60 oder 45, während sie einfach weiter konstant tonnen warf. Ich habe sehr viel Wertschätzung für sie.“
Cross wollte damit vor allem deutlich machen, dass Greaves aus seiner Sicht nicht durch die Brille des Frauen-Circuits bewertet werden sollte. Ihre Leistungen verdienen laut dem Ex-Weltmeister Anerkennung allein auf Basis ihrer Qualitäten als Darterin. „Man darf überhaupt nicht schauen, ob sie eine Frau oder ein Mann ist. Was für eine Dartsspielerin sie ist“, betonte Cross. „Sie wird noch sehr weit kommen.“
Spannendes Finale
Das Match hatte ein packendes Ende, bei dem Cross schließlich auf der richtigen Seite des Ergebnisses blieb. Der Engländer hatte das Gefühl, im entscheidenden Moment etwas mehr Glück gehabt zu haben, während Greaves möglicherweise mit den Bedingungen in der Halle haderte. Cross bemerkte, dass die Publikumsreaktion in bestimmten Situationen eine Rolle gespielt haben könnte, auch wenn er dem während der Partie selbst nicht zu viel Beachtung schenken wollte.
„Das Ende war spannend und in der letzten leg kam ich vielleicht ein bisschen glücklich davon“, räumte Cross ein. „Vielleicht verpasste sie ein paar Mal hohe Scores durch die Reaktion des Publikums. Ich achte da selbst nicht drauf, daher weiß ich es nicht genau. Aber sie wird definitiv ihren Weg machen.“
Laut Cross wird vor allem die Erfahrung auf der großen Bühne Greaves in den kommenden Jahren weiterhelfen. Auf dem Floor hat sie in dieser Saison bereits gezeigt, wozu sie fähig ist. Die Women's Series brachte ihr erneut starke Ergebnisse ein, und Cross erwartet, dass ihr Niveau weiter steigt, je häufiger sie gegen die besten Spieler der Welt antritt.
Rob Cross gewann denkbar knapp gegen Beau Greaves
„Wenn sie ihr Handwerk weiter verfeinert und mehr Erfahrung sammelt, wird sie nur noch besser werden“, prognostizierte Cross. „Auf dem Floor war sie in diesem Jahr phänomenal. Sie hat die Women's Series großartig gespielt. Ich denke, je öfter man sie hier hinstellt, desto höher werden ihre averages und desto mehr wird sie erreichen. Sie wird Plätze erreichen, von denen viele vielleicht noch gar nicht erwarten, dass sie das kann.“
Fantastisches Publikum
Der frühere Weltmeister betonte zudem, dass das Publikum seiner Meinung nach eine wichtige Rolle in diesem historischen Match spielte. Trotz der enormen Aufmerksamkeit rund um Greaves blieb die Atmosphäre laut Cross ausgezeichnet, und auch er selbst erhielt viel Unterstützung aus dem Saal. „Das Publikum war heute Abend fantastisch. Das schätze ich sehr“, sagte er. „Ich bin vor allem froh, dass ich durchgekommen bin.“
Obwohl Cross am Ende den Sieg einfuhr, war klar, dass auch sein eigenes Niveau Eindruck machte. Der 35-jährige Engländer arbeitet in letzter Zeit wieder intensiv an seiner Topform und zeigte gegen Greaves, dass er weiterhin zu beeindruckenden Leistungen fähig ist. Sein Erfolg in einem Match, in dem beide Spielerinnen und Spieler Phasen mit exzellentem Darts hatten, gab ihm zudem Vertrauen.
Auffällig war anschließend ein bemerkenswertes Eingeständnis zu seiner Vorbereitung. Der Ex-Weltmeister gab zu, im August nach eigener Aussage kaum einen Pfeil angefasst zu haben. Während viele Profis nahezu täglich stundenlang trainieren, wählte Cross in den vergangenen Wochen einen deutlich ruhigeren Ansatz. „Der August war wahrscheinlich der faulste Monat, den ich je hatte“, lachte Cross. „Ich habe eigentlich kaum einen Dart in die Hand genommen.“
Erst in der Anlaufphase auf die jüngsten Players Championship-Turniere begann er wieder ernsthaft zu trainieren. Cross nahm sich dafür nur wenige Tage Zeit, merkte aber fast sofort, dass sein Spiel gut genug war, um mitzuhalten. „Ich habe erst vor den Pro Tours in der vergangenen Woche wieder angefangen. Ich habe drei Tage etwas geübt und dann dort ziemlich gut gespielt“, erzählte er.
Seine Vorbereitung wurde danach jedoch erneut durch ein körperliches Problem unterbrochen, woraufhin Cross sich aus einem der Matches zurückzog. Inzwischen scheint der Engländer aber wieder genügend Vertrauen zu haben, um seine Chancen bei den kommenden Turnieren zu nutzen.
Materialwechsel
Eine wichtige Änderung bei seinem Material scheint dabei ebenfalls eine Rolle zu spielen. Cross hat kürzlich sein Setup angepasst und ist nach eigener Aussage auf einen anderen Typ stems und flights umgestiegen. Diese Umstellung habe größere Auswirkungen, als zunächst erwartet. „Ich bin inzwischen auf einen Intermediate-Stem gewechselt, und ich denke, das macht einen enormen Unterschied in meinem Spiel“, erklärte Cross. „Ich fühle mich damit wirklich sehr wohl.“
Für Cross geht es in der kommenden Phase vor allem darum, seine Möglichkeiten konsequent zu nutzen. Der frühere Weltmeister weiß besser als die meisten, wie schnell es im Profidarts gehen kann. 2018 wurde er aus dem Nichts Weltmeister und hat seitdem mehrfach bewiesen, dass er an seinen besten Tagen jeden Spieler der Welt schlagen kann.
Gegen Greaves zeigte er erneut, dass dieses Niveau weiterhin in ihm steckt. Zugleich weiß Cross, dass Material und Talent allein nicht reichen. Er muss die Leistungen liefern, um seine Ziele zu erreichen. „Ich denke, ich kann Großes leisten“, sagte er selbstbewusst. „Aber es liegt an mir, das auch zu beweisen.“
Diese Möglichkeit bekommt er bald erneut. Nach dem Abnutzungskampf gegen Greaves muss Cross nicht lange auf die nächste Chance warten, seine gute Form zu bestätigen. „Ich darf morgen schon wieder ran, das ist das Wichtigste“, schloss er.