„Keine Konflikte, aber ich trete zurück, weil ich mit dem, was ich liefern konnte, nicht zufrieden war“ – Glen Durrant offen über seinen Abschied von der Spielergewerkschaft PDPA

PDC
Montag, 06 Juli 2026 um 8:00
Glen Durrant
Laut dem ehemaligen Profi und jetzigen Kommentator Glen Durrant befindet sich die Dartswelt in einer der faszinierendsten Phasen der modernen Sportgeschichte. Mit dem Aufstieg von Luke Littler und der Bestätigung von Luke Humphries an der absoluten Spitze spricht der Engländer von einer „brillanten, aber auch leicht schwindelerregenden Entwicklung“ im Profidarts. Durrant geht auch auf seinen Abschied von der Spielergewerkschaft PDPA ein.
Durrant sieht derzeit vor allem Luke Humphries als komplettesten Spieler der Welt. „Er wird enttäuscht gewesen sein, dass er die Premier League Darts nicht gewonnen hat, aber was er jetzt in Richtung World Matchplay zeigt, ist beeindruckend. Er wirkt fitter, hungriger und vor allem: Er gewinnt wieder die großen Momente. Für mich reist er als Favorit nach Blackpool.“
Die Entwicklung von Humphries steht für Durrant sinnbildlich für den mentalen Aspekt an der Spitze des Darts. Seiner Ansicht nach war es entscheidend, dass Humphries endlich einmal in einem Finale gegen Luke Littler die Oberhand gewann, nachdem er mehrmals in entscheidenden Legs verloren hatte.
„Das war enorm wichtig“, erklärt er. „Wir reden oft über Mentalität im Darts, aber es geht wirklich um diesen einen Moment, in dem du gewinnen musst. In New York zu siegen, in so einem Finale gegen Littler, das gibt Vertrauen. Sie sind nicht da, um mitzumachen, sie wollen gewinnen.“

Die Sensation Luke Littler

Über Luke Littler äußert sich Durrant auffallend begeistert, ordnet seine Bewunderung jedoch in einen größeren Kontext ein. „Ich habe im Darts viel gesehen, aber was er macht, ist außergewöhnlich. Ich habe Phil Taylor in seinen Glanzzeiten vor allem im Fernsehen gesehen und in der Michael-van-Gerwen-Ära selbst noch gespielt. Aber Littler … das ist etwas anderes. Dieses Niveau habe ich live so noch nicht gesehen.“
Laut Durrant ist das Duell zwischen Littler und Humphries genau das, was der Sport braucht. „Wir sind mit diesen beiden gesegnet. Sie vergrößern nicht nur den Sport, sondern stärken auch das Fundament darunter. Ich arbeite viel mit Jugendlichen und man sieht es sofort: Akademien sind voll. Kinder wollen Darts spielen, weil sie das sehen.“
Der Einfluss der jungen Generation reicht seiner Meinung nach weit über die Spitze hinaus. „Es ist nicht nur der Sport selbst, der wächst, sondern auch die Basis. Jeder will dabei sein.“

Explosives Wachstum von Darts weltweit

Das Wachstum von Darts ist laut Durrant inzwischen global, insbesondere durch kommerzielle Entwicklungen und internationale Deals. Er verweist auf die Expansion in den Vereinigten Staaten und die Zusammenarbeit mit großen Sendern.
„Der ESPN-Deal ist gigantisch“, sagt er. „Den Menschen ist nicht bewusst, wie groß diese Plattform in Nordamerika ist. Kombiniere das mit Shows an ikonischen Orten wie dem Madison Square Garden und man erkennt: Das ist kein gewöhnlicher Sport mehr, das ist Entertainment auf Weltniveau.“
Durrant zufolge ist Darts damit endgültig eine hybride Form geworden: Sport und Show zugleich. „Wir hatten 5.000 Menschen in New York, und das wird nur noch größer. Das liegt daran, dass die Spieler es verdienen. Sie liefern Entertainment.“
Diese Balance ist seiner Ansicht nach jedoch nicht einfach. Manche Spieler kämpfen damit, sagt er. „Einige müssen verstehen, dass es nicht mehr nur Sport ist. Man kann nicht komplett Roboter sein, aber auch nicht nur Entertainer. Die Besten finden diese Balance. Luke Littler scheint darin zum Beispiel sehr natürlich zu sein.“
Das Wachstum von Darts als Entertainmentprodukt bringt laut Glen Durrant auch eine neue Realität mit sich: Spieler müssen lernen, zwischen Leistung und Erlebnis zu balancieren. Genau darin sieht er eine der größten Herausforderungen des modernen Circuits.
„Es ist nicht einfach“, sagt er. „Ich war selbst immer ziemlich roboterhaft. Man denkt nicht ans Unterhalten, man ist damit beschäftigt, auf der Bühne zu überleben. Aber heutzutage sieht man Spieler, die das Spiel wirklich leben. Luke Littler ist vielleicht das beste Beispiel dafür. Er hat Spaß, reagiert auf das Publikum, und das steckt an.“
Dennoch bleibt der Kern laut Durrant simpel: Das Board lügt nicht. „Am Ende lassen die Darts die Arbeit sprechen. Wir sehen verrückte Averages, 170-Finishes, enorme Momente. Das ist das echte Entertainment.“
Glen Durrant mit seiner Premier League Darts-Trophäe
Glen Durrant gewann 2020 die Premier League Darts

Neue Garde

Mit dem nahenden World Matchplay erkennt Durrant eine klare Verschiebung in der Darts-Hierarchie. Namen wie Peter Wright, Raymond van Barneveld, Michael Smith und Dave Chisnall scheinen immer häufiger bei den wichtigsten Turnieren zu fehlen, während neue Spieler wie Wessel Nijman und Cameron Menzies aufstehen. „Es ist absolut eine neue Garde, die nach und nach den Ton angibt“, stellt er fest. „Ich habe zuvor gesagt, dass Wessel Nijman jemand ist, den man im Auge behalten sollte. Wenn er seine Floor-Form auf die Bühne übertragen kann, ist er von Topniveau.“
Über die etablierten Namen spricht er realistisch, aber respektvoll. „Ich erfreue mich nicht daran, dass sie möglicherweise wegbrechen. Aber es ist die Realität des Sports. Neue Spieler kommen nach.“
Durrant zufolge ist die Lücke zwischen den Top 16 und dem Rest zudem kleiner und zugleich gefährlicher geworden. „Zwischen Qualifikation und Verpassen eines Turniers liegen vielleicht vier oder fünf Tausend Pfund. Das kann sich in zwei Pro Tours drehen. Das ist bizarr.“
Er betont auch, dass Spieler wie Michael Smith weiterhin gefährlich sind. „Wenn er in Form ist, hebt er das Niveau des gesamten Feldes an. Aber selbst er steht jetzt unter Druck, sich zu qualifizieren.“

Kritik am modernen Spielplan

Ein wichtiges Diskussionsthema im Interview ist der übervolle Darts-Terminkalender. Immer mehr Spieler lassen Pro Tours und Euro Tours aus, was Durrant Sorgen bereitet. „Es ist nicht so, dass ich es nicht verstehe“, sagt er. „Ich weiß, wie belastend das Reisen ist. Man ist vier Tage weg und dann gleich weiter. Ich sah kürzlich einen Spielplan und dachte: Das ist nicht mehr normal.“
Seiner Meinung nach wählen Spieler deshalb häufiger selektiv ihre Turniere. „Manche gehen lieber in Spanien golfen, als eine Euro Tour zu spielen. Das ist ihre Entscheidung, aber es hat Folgen für den Sport.“

Abgang bei der PDPA: „Ich war nicht gut genug“

Der auffälligste Moment im Gespräch ist Durrants Offenheit über seinen Abschied von der PDPA (Professional Dart Players Association). Er kündigt an, dass er sein Amt als Direktor niedergelegt hat. „Das war meine Entscheidung“, sagt er. „Ich habe es mit vollem Respekt vor allen dort getan. Es ist eine großartige Organisation, aber ich konnte es einfach nicht mehr gut genug machen.“
Er verweist auf die Arbeitsbelastung und die Kommunikationsprobleme innerhalb des Circuits. „Ich hatte ein Heft für Spieler erstellt, ich habe hunderte Stunden zu investieren versucht. Aber trotzdem hörte ich Spieler sagen: ‚Bist du noch immer bei der PDPA?‘ Das sagt genug.“
Durrant ist bemerkenswert ehrlich in seinem eigenen Fazit. „Ich trete nicht zurück, weil ich Konflikte habe. Ich trete zurück, weil ich mit dem, was ich liefern konnte, nicht zufrieden war. Und wenn ich etwas mache, will ich es richtig machen.“

Geld, Struktur und Zukunft des Darts

Auch die finanzielle Seite des Sports kommt zur Sprache. Mit über 1,5 Millionen Pfund auf dem Konto der Spielerorganisation stellt sich die Frage, wie dieses Geld besser eingesetzt werden kann.
Durrant bleibt in seiner Antwort vorsichtig. „Man kann es schnell ausgeben, aber dann? Gibst du jedem Spieler einen Bonus, ist das Geld rasch weg. Man muss strategisch denken.“
Seiner Ansicht nach ist nicht das Geld das Problem, sondern dessen Verwendung. „Frag die Spieler, was sie wollen. Dann bekommst du viele kurzfristige Antworten. Aber strukturell ist das schwierig.“
Er betont, dass die bestehende Unterstützung für Spieler bereits stark ist. „Die Basis ist da. Aber die Diskussion bleibt: Wie macht man es besser, ohne es kaputtzumachen?“

Keine Rückkehr auf die Bühne, aber Frieden mit der Vergangenheit

Zum Schluss blickt Durrant auf seine eigene Karriere und die Frage „was wäre wenn?“ zurück. Er gewann unter anderem die Premier League Darts und hatte eine starke Phase in der PDC, doch seine Form ließ später nach. „Ich bin im Reinen mit meiner Karriere“, sagt er. „Ich habe eine fantastische Laufbahn gehabt. Natürlich denkt man manchmal: Was, wenn es anders gelaufen wäre? Aber das ist nicht der Punkt, an dem ich jetzt bin.“
Sein Fokus liegt vollständig auf seiner neuen Rolle als Kommentator und Coach. „Ich möchte der beste Dartcoach der Welt sein und der beste Kommentator. Das ist jetzt mein Ziel.“
Den Gedanken, eines Tages in eine Führungsrolle zurückzukehren, schließt er nicht völlig aus, allerdings mit Nuancen. „Man sollte niemals nie sagen. Aber es müsste anders sein.“

Schluss: Ein Sport im Wandel

Für Durrant ist das Fazit klar: Darts befindet sich mitten in einer Übergangsphase, die sowohl spannend als auch unausweichlich ist. Neue Stars, veränderte Spielpläne, kommerzielles Wachstum und eine immer größere internationale Ausstrahlung machen den Sport zu einem völlig anderen Umfeld als vor zehn Jahren.
„Es ist brillant zu sehen, wohin es geht“, schließt er. „Aber es verändert sich schnell. Vielleicht schneller, als manche verkraften können.“
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