„Wenn ich YouTube schaue, dann sehe ich mir japanische Tischler an“ – Gary Anderson blickt mit einem Augenzwinkern auf frühere Influencer-Aussagen zurück

PDC
Samstag, 04 April 2026 um 10:30
Gary Anderson (3)
Im englischen Taunton, beim Somerset County Cricket Club, nahm Gary Anderson jüngst vor der Kamera von Online Darts Platz. Der zweifache Weltmeister war zuletzt nicht auf der European Tour zu sehen – verschwunden ist er deshalb aber keineswegs. Im Gegenteil: Anderson ist beschäftigt, manchmal zu beschäftigt, und genau das steht aktuell im Konflikt mit dem überladenen Darts-Kalender.
„Es ist alles in Ordnung“, sagt der Schotte nüchtern. „Ich war ein paar Wochen weg, aber ich hatte einfach andere Dinge im Kopf. Trotzdem ist es schön, wieder zurück zu sein und Pfeile zu werfen.“

Volle Agenda, volle Nerven

Andersons Abwesenheit blieb nicht unbemerkt. Unter Fans kursierte schnell die Frage, ob er das Interesse an der European Tour verloren habe. Doch das verneint der 55-Jährige entschieden. „Eigentlich hat es mir Spaß gemacht“, sagt er. „Bis ich nach Polen kam und wir dreieinhalb Stunden beim Zoll standen. Da war für mich Schluss.“
Der Frust sitzt tief. Schon früher war das Reisen für Profis mühsam, mittlerweile sei es laut Anderson nahezu unerträglich. „Reisen ist schwer genug. Aber dreieinhalb Stunden an der Grenze zu stehen – das ist einfach zu viel. Pass kurz prüfen, durchwinken, weiter geht’s – so sollte es laufen. Wenn das nochmal passiert, sehen sie mich dort nicht wieder.“
Mit dieser Kritik steht er nicht allein. Auch Jonny Clayton und andere Topspieler haben die organisatorischen Probleme offen angesprochen. Anderson versteht sie gut – zu oft habe die Verwaltung das Sporterlebnis überlagert. Trotz aller Widrigkeiten lieferte der Schotte zuletzt starke Ergebnisse. Bei der Darts-WM schaffte er erneut den Sprung ins Halbfinale. Für viele überraschend, für ihn fast Routine. „Es ist das größte Turnier des Jahres. Irgendwie fügt sich dort immer alles. Frag mich nicht warum – vielleicht ist es einfach Glück. Aber genau da willst du deinen Höhepunkt haben.“

Keine Premier League, kein Bedauern

In der Premier League Darts steht Anderson 2026 nicht im Line-up, und das ist ganz bewusst so. „Sie hätten mich höchstens fragen können, damit ich ‚Nein‘ sagen kann“, lacht er. „Aber ich glaube, ich war deutlich genug.“ Der Grund liegt in der schieren Belastung. „Der Spielplan ist mörderisch. Schau dir die Jungs an, die mitmachen – selbst sie lassen Turniere aus, weil es zu viel wird. Das sagt alles. In meinem Alter musst du entscheiden, was du durchziehst.“
Ganz abschreiben will er die Premier League trotzdem nicht. Mit einem Augenzwinkern warnt er junge Spieler vor ihren Tücken. „Wenn du in den ersten Wochen nicht punktest, gerätst du schnell in eine Negativspirale. Das ist ein Alptraum – ich war da auch schon drin.“
Gary Anderson winkt dem Publikum zu
Anderson hatte bereits vor der Bekanntgabe der Premier-League-Auswahl für 2026 entschieden, dass er ohnehin nicht teilnehmen würde.
Sein Blick richtet sich lieber auf den Nachwuchs. Besonders Josh Rock imponiert ihm. „Er wird sehr schnell zu den besten Vier gehören“, sagt Anderson überzeugt. Auch ein junger Landsmann hat es ihm angetan: der 15-jährige Mitchell Lawrie. „Er will irgendwann gegen mich spielen – dann sollte er sich aber beeilen“, scherzt Anderson. „Ich mache nicht ewig weiter.“

„Ich weiß nicht mal, wo ich stehe“

Während viele Profis akribisch auf Ranglisten und Order of Merit achten, hält sich Anderson davon fern. „Ich habe keine Ahnung, was in den Rankings passiert“, gesteht er. „Es ist ein Zahlenspiel. Die Jungen werden ihren Weg ohnehin gehen.“Er selbst betrachtet sich mittlerweile als Teil einer Generation, die langsam den Staffelstab übergibt. „Ich werde wohl als Dinosaurier bezeichnet“, sagt er lachend. „Das gehört einfach dazu.“
Dass er privat ganz andere Interessen hat, zeigt ein weiterer Moment des Interviews. Auf seinen unerwartet viralen Auftritt beim Winmau World Masters angesprochen, reagiert Anderson gewohnt bodenständig. „Ich habe von diesem ganzen Influencer-Zeug keine Ahnung“, gibt er zu. „Wenn ich YouTube schaue, dann sehe ich mir japanische Tischler an, die Dinge aus Holz bauen. Oder wie man Angelknoten macht. Das war’s so ziemlich.“

Schottische Mission beim World Cup

Für den PDC World Cup of Darts plant Anderson ein Comeback im schottischen Doppel mit Cameron Menzies. „Im Moment ja. Wir werden es versuchen – und ein bisschen auf ihn aufpassen“, sagt er mit einem Schmunzeln.Einen festen Turnierplan hat er für den Rest des Jahres nicht. „Ich könnte es dir nicht sagen. Außerhalb des Darts bin ich beschäftigt. Wenn ich Zeit habe, spiele ich.“
Besonders ans Herz gewachsen ist ihm ein Event: der Grand Slam of Darts. „Vor allem früher, in der Civic Hall“, erinnert er sich mit leuchtenden Augen. „Diese Atmosphäre, diese Halle – das war perfekt. Das Turnier hat einfach zu mir gepasst.“

Noch einmal ganz nach oben?

Trotz seiner gelassenen Haltung ist Anderson weiterhin konkurrenzfähig – und das auf hohem Niveau. „Es gibt Tage, da läuft es richtig gut“, erzählt er. „Ich habe vor einiger Zeit gegen Ryan Searle gespielt: Er bei 116 im Schnitt, ich bei 128 – und ich lag 2:4 hinten. Am Ende gewann ich 6:4. Da weißt du, dass das Feuer noch da ist.“
Auch das Phänomen Luke Littler sieht er mit Respekt. „Er ist unglaublich. Er gewinnt Turniere so, wie Van Gerwen das getan hat, wie Taylor das getan hat.“ Ein Vergleich, der für Anderson nur logisch ist. „Wenn er das 15 Jahre lang durchzieht, jedes Jahr gewinnt – dann kann er Rekorde brechen. Die Frage ist nur: Wie lange will er das durchhalten?“

„Für ihn bin ich einfach ein alter Mann“

Am Ende zeigt sich Anderson von seiner humorvollen Seite. Sein Sohn Ty sieht die Legende Gary Anderson nämlich ganz entspannt. „Er wollte lieber Paul Lim schauen“, erzählt der stolze Vater. „Ich fragte, warum. Er sagte: ‚Er ist eine Legende, Papa.‘“ Anderson lacht. „Für ihn bin ich einfach ein alter Mann.“
Trotz dieser Selbstironie bleibt eines klar: Gary Anderson ist noch lange kein Relikt. Er steht für eine Generation, die den Sport geprägt hat – mit Leidenschaft, Direktheit und unnachahmlicher Authentizität. Und selbst wenn er wirklich „nicht ewig weitermacht“, wird sein Einfluss auf die Darts-Welt noch lange nachhallen.
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