In dieser Rubrik blicken wir regelmäßig auf einen Dartspieler aus der Vergangenheit zurück. Heute ist der Belgier Erik Clarys an der Reihe – jener Spieler, der 1995 Geschichte schrieb, als er nicht nur als erster Belgier, sondern auch als erster Nicht-Brite das Winmau World Masters gewann. Danach schien Clarys bereit, die Weltspitze anzugreifen, bis ein Arbeitsunfall seine Karriere abrupt beendete. Dennoch spielt Clarys auch heute noch eine Rolle in der Dartswelt.
Sensation beim Winmau World Masters: Erster Belgier gewinnt prestigeträchtiges Turnier
Erik Clarys wurde am 18. Oktober 1968 im belgischen Deurne geboren. 1995 machte der Antwerpener erstmals international auf sich aufmerksam. Und wie. Nach Siegen gegen Andy Fordham im Viertelfinale und Martin Adams im Halbfinale erreichte Clarys tatsächlich das Finale des Winmau World Masters. Damit war er der erste und bis heute einzige Belgier, dem das gelang. Doch Clarys hatte noch nicht genug: Er gewann das Turnier letztendlich, indem er im Finale den amtierenden BDO-Weltmeister Richie Burnett klar mit 3:0 besiegte. Clarys wurde damit der erste Nicht-Brite, der das prestigeträchtige Winmau World Masters gewinnen konnte, und kehrte mit einem Scheck über 7.000 Pfund nach Hause zurück.
Das Winmau World Masters war damals nach der BDO-Weltmeisterschaft das größte Turnier im Darts-Kalender. Mit ruhmreichen Namen wie Eric Bristow, Phil Taylor, Dennis Priestley, John Lowe sowie den Niederländern Raymond van Barneveld und Michael van Gerwen in der Siegerliste ist die Bedeutung dieses Turniers nicht zu unterschätzen.
Zwei Jahre später durfte Clarys sein Debüt bei der BDO-WM geben. Im legendären Lakeside Country Club in Frimley Green verlor er in der ersten Runde knapp mit 2:3 gegen den Engländer Paul Williams. Auch bei seinen nächsten drei Teilnahmen an der BDO-WM scheiterte er jeweils in der ersten Runde – gegen Kevin Painter, Tony Littleton und Martin Adams.
Clarys erarbeitete sich jedoch nach und nach seinen Platz in der erweiterten Spitze der BDO. So gewann er 1998, 1999 und 2002 die Dortmund Open sowie 1999 die Swedish Open. In seinem Heimatland krönte er sich mehrfach zum belgischen Meister. Bekannt war Clarys außerdem als echtes Rechengenie: Immer wieder überraschte er die Kameraleute mit besonderen Finishwegen.
Bei seiner fünften Teilnahme an der BDO-WM konnte Erik Clarys im Jahr 2002 seine Negativserie schließlich durchbrechen. Diesmal überstand er die Auftaktrunde dank eines 3:1-Erfolgs gegen den Deutschen Andree Welge. In der zweiten Runde war Raymond van Barneveld mit 3:0 jedoch zu stark.
Ein Jahr später machte es der Mann mit dem Spitznamen „The Sheriff“ sogar noch besser. Nach Siegen in den ersten beiden Runden gegen Tony Eccles (3:1) und Robert Wagner (3:0) traf Clarys im Viertelfinale erneut auf van Barneveld. Diesmal konnte Clarys zwar einen Satz gewinnen, am Ende erwies sich der Niederländer mit 5:1 jedoch erneut als zu stark.
Wechsel zur PDC
Danach beendete Erik Clarys seine Zeit bei der BDO und wechselte zur Professional Darts Corporation, jener Organisation, die nach und nach die führende Rolle der BDO übernahm und bei der die Spieler mehr Geld verdienen konnten. Dort etablierte er sich recht schnell als feste Größe innerhalb der Top-32 der Weltrangliste. 2004 erreichte er bei seinem WM-Debüt dank Siegen gegen Dan Lauby (3:0) und Mark Walsh (ebenfalls 3:0) die dritte Runde. Dort war Ronnie Baxter mit 4:2 zu stark.
Später in diesem Jahr erreichte Clarys sogar das Viertelfinale der UK Open, seine beste Leistung bei einem PDC-Major. Dort unterlag er Walsh schließlich deutlich mit 2:11. 2006 spielte Clarys seine letzte WM. Nach einem klaren 3:0-Sieg in der Auftaktrunde gegen Winston Cadogan beendete Wayne Mardle in der zweiten Runde mit 4:1 die Hoffnungen des Belgiers.
Im selben Jahr ereilte Clarys ein verhängnisvoller Schicksalsschlag, als er bei seiner Arbeit als Dachdecker von einer Leiter stürzte. Clarys brach sich den Arm an mehreren Stellen, und trotz mehrerer Operationen konnte er seinen rechten Arm nie wieder vollständig nutzen. Wie ernst die Lage war, begriff er damals nicht sofort. „Ich dachte, dass ich innerhalb von drei Wochen wieder werfen könnte. Aber drei Wochen später war ich bereits fünfmal operiert worden. Mein Arm sprang immer wieder aus der Schulter, deshalb haben sie mich an einen Spezialisten überwiesen. Da wurde mir klar, dass es nicht gut aussah“, sagte Clarys später im Podcast Double Top.
Clarys versuchte es danach noch eine Zeit lang mit links, erreichte jedoch nie wieder sein früheres Niveau und entschied sich schließlich, seine Karriere zu beenden.
Karriere-Rückblick und Platz in der belgischen Darts-Geschichte
Inzwischen sind mehrere Belgier in der Professional Darts Corporation aktiv, doch man darf durchaus festhalten, dass Erik Clarys ein Pionier des belgischen Darts auf professionellem Niveau war. Zwar war Clarys selbst nie Vollzeitprofi, sondern kombinierte seinen Beruf als Dachdecker mit seiner Darts-Karriere. Dennoch war er der erste Belgier, der in der PDC den Sprung in die Top-32 schaffte. Clarys befand sich zudem auf dem aufsteigenden Ast, als seine Entwicklung durch den Arbeitsunfall abrupt gestoppt wurde. Wie weit er in der Weltrangliste noch hätte steigen können, lässt sich schwer einschätzen, doch die Top-16 wirkten damals durchaus wie ein realistisches Ziel.
Aber auch schon vor seiner kurzen PDC-Karriere hatte sich Clarys seinen Platz in der belgischen Darts-Geschichte mehr als verdient. Er war der erste Belgier überhaupt, der ein Major-Turnier gewinnen konnte – etwas, das nach ihm nur Dimitri Van den Bergh mit dem World Matchplay und den UK Open, Andy Baetens mit der WDF-WM sowie Mike De Decker mit dem World Grand Prix gelang.
Clarys hat somit einige seiner Landsleute und Nachfolger inspiriert, den Schritt in den professionellen Dartsport zu wagen. Gerade Anfang der 2000er-Jahre war es deutlich weniger selbstverständlich als heute, den Wechsel von der BDO zur PDC zu wagen. Clarys bewies Mut, diesen Sprung ins Unbekannte dennoch zu machen.
Erik Clarys – WM-Ergebnisse in der Übersicht
Verband
Jahr
Runde/Ergebnis
Gegner
Resultat
BDO
1997
1. Runde
Paul Williams
2–3
BDO
1998
1. Runde
Kevin Painter
1–3
BDO
1999
1. Runde
Tony Littleton
2–3
BDO
2001
1. Runde
Martin Adams
1–3
BDO
2002
2. Runde
Raymond van Barneveld
0–3
BDO
2003
Viertelfinale
Raymond van Barneveld
1–5
PDC
2004
3. Runde
Ronnie Baxter
2–4
PDC
2006
2. Runde
Wayne Mardle
1–4
Co-Kommentator und Coach
Danach war es lange Zeit ruhig um Erik Clarys. Inzwischen ist er regelmäßig beim belgischen Fernsehsender VTM zu hören, wo er die großen Darts-Turniere als Co-Kommentator begleitet. Darüber hinaus gibt Clarys regelmäßig Workshops, um Freizeitspielern die Feinheiten des Sports näherzubringen und mögliche belgische Talente auszubilden und auf eine potenzielle Profikarriere vorzubereiten.
Clarys ist zudem das Gesicht und die treibende Kraft hinter der VTM Darts Academy, in der er junge Talente coacht. DartsNews.de berichtete bereits Anfang dieses Jahres darüber – und dabei wurde deutlich, dass seine Arbeit als Coach langsam Früchte trägt.
Doch Clarys beschränkt sich nicht nur auf junge Talente. So arbeitet er auch als Coach und Begleiter von Kim Huybrechts. „The Hurricane“ erlebte im vergangenen Jahr eine besonders schwierige Phase und hielt sich nur knapp innerhalb der Tour-Card-Ränge. Huybrechts erklärte im Interview mit DartsNews, dass er aufgrund der Zusammenarbeit mit Clarys wieder deutlich härter trainiere – und das führte in diesem Jahr bereits zu einigen starken Ergebnissen.
Belgischer Darts-Hype
Während der Corona-Pandemie begann die Popularität des Dartsports in Belgien zu wachsen – und entwickelte sich schließlich zu einem echten Hype. Immer mehr Menschen legten sich ein Dartboard zu, Vereine schossen wie Pilze aus dem Boden.
Um Einsteigern alle Begriffe und Regeln des Dartsports näherzubringen, entschied sich Erik Clarys dazu, ein Buch zu veröffentlichen. In Zusammenarbeit mit dem Verlag Lannoo brachte er „Just Darts“ auf den Markt. Darin bietet Clarys eine Fülle an Informationen zu Regeln, Darttechniken und Material. Ein Buch für alle, die das Spiel besser verstehen und ihre Fähigkeiten auf ein höheres Niveau bringen möchten.
Mit inzwischen 57 Jahren scheint Clarys nach mehreren Jahren der Abwesenheit seinen Platz in der Dartswelt also wiedergefunden zu haben. Nicht mehr als Spieler, sondern nun als Coach und Begleiter junger Talente sowie anderer Spieler. Mit seinem großen Erfahrungsschatz spielt er damit auch in der modernen Dartswelt eine wichtige Rolle – wie nicht zuletzt die sportliche Wiedergeburt von Kim Huybrechts unter Beweis stellt.
Auch als Kommentator wartet in den kommenden Jahren noch einiges an Arbeit auf den Antwerpener. VTM teilte kürzlich mit, dass der Sender ab dem kommenden Jahr neben den bereits erworbenen Rechten an den Majors auch alle Turniere der European Tour übertragen wird. Mit Clarys als einem der festen Co-Kommentatoren bekommen die belgischen Zuschauer in den kommenden Jahren also noch deutlich mehr Darts im Fernsehen zu sehen.