Vom Dach aufs große Darts-Podest: Carl Wilson will endlich die Bestie entfesseln

MODUS
Sonntag, 12 Juli 2026 um 10:45
Carl Wilson
Carl Wilson steht vor Wochen, die sein Leben verändern könnten. In Kürze erwartet der 37-Jährige mit seiner Partnerin Hayley sein erstes Kind. Gleichzeitig jagt er in der MODUS Super Series weiter dem bislang größten Erfolg seiner Darts-Karriere hinterher.
„Ich lebe mit meiner Partnerin Hayley zusammen. In sechs Wochen erwarten wir unser erstes Kind. Es wird ein Junge, und wir werden ihn Koby nennen“, erzählt Wilson.
Damit erhält sein sportlicher Ehrgeiz noch einmal eine neue Bedeutung. Er spielt längst nicht mehr nur für sich selbst.
„Wenn ich eine MODUS Super Series und vielleicht einen Titel auf der Challenge Tour gewinnen würde, könnte das die Bestie in mir wecken. Denn mittlerweile spiele ich nicht mehr nur für Hayley und mich, sondern auch für unseren Sohn.“
Die Voraussetzungen dafür bringt Wilson zweifellos mit. Immer wieder zeigt er, dass er auch gegen namhafte Gegner auf hohem Niveau bestehen kann. Noch fehlt jedoch der eine große Erfolg, der aus guten Leistungen dauerhaftes Selbstvertrauen machen könnte.

Der Dachdecker, dem niemand seinen Beruf glaubt

Abseits des Oches führt Wilson ein deutlich bodenständigeres Leben. Seit rund 15 Jahren arbeitet er als Dachdecker. Offenbar passt dieser Beruf jedoch nicht zu dem Bild, das manche seiner Kollegen von ihm haben.
„Viele Leute glauben mir das nicht, wenn ich ihnen erzähle, was ich beruflich mache. Tom Lonsdale gehörte auch dazu. Er meinte: ‚Auf keinen Fall, du bist doch ein Bürotyp.‘ Ich musste ihm tatsächlich Fotos schicken, um es zu beweisen.“
Ein bemerkenswerter Aufwand für einen vergleichsweise glaubwürdigen Beruf. Schließlich hatte Wilson nicht behauptet, gerade von einer Weltraummission zurückgekehrt zu sein.
Wer Carl Wilson nur unter seinem Spitznamen kennt, könnte ohnehin auf eine andere berufliche Richtung schließen. „Gok“ erinnert unweigerlich an den britischen Fernsehmoderator und Kochbuchautor Gok Wan. Die Entstehungsgeschichte des Namens reicht allerdings bis in Wilsons Jugend zurück.
„Das ist eigentlich eine lustige Geschichte. Sie geht auf meine Teenagerzeit zurück, als ich aus einem Urlaub auf Kreta zurückkam. Ich war extrem braun gebrannt und hatte meine Brille kaputtgemacht. Jemand hatte in meinem Stammlokal eine Brille hinter der Bar liegen lassen. Also setzte ich sie auf, und plötzlich sagten alle, ich würde genauso aussehen wie Gok Wan. Der Name ist einfach hängen geblieben.“
Und er hält sich bis heute hartnäckig. Kochkünste sind damit allerdings nicht automatisch verbunden. Auf die Frage, ob er tatsächlich kochen könne, antwortet Wilson denkbar knapp:
„Nein.“
Damit dürfte auch geklärt sein, wer im Hause Wilson besser nicht für das vollständige englische Frühstück verantwortlich sein sollte.

Vom lokalen Ligaspieler auf die große Bühne

Wilson stammt aus Tunbridge Wells in Kent und begann seine Laufbahn im Rusthall Club. Darts war für ihn schon früh mehr als ein gelegentlicher Abend im Pub.
„Ich habe im Rusthall Club in Kent angefangen. Ab meinem 18. Lebensjahr spielte ich in lokalen Ligen und danach ungefähr 15 Jahre lang für die Grafschaft. Als ich jünger war, bedeutete County Darts alles für mich.“
Der Schritt auf die größere Bühne erfolgte dennoch vergleichsweise spät. Entscheidend war nicht nur seine sportliche Entwicklung, sondern auch die Unterstützung eines Freundes.
„Ein Freund von mir hat mir finanziell sehr geholfen. Er gab mir den entscheidenden Schub. Etwa Mitte 2023 wurde mir klar, dass ich ein deutlich besseres B-Game brauchte, wenn ich auch dann mithalten wollte, wenn ich nicht mein bestes Darts spielte. Vorher hatte ich das eigentlich nie. Mein Freund finanzierte mir außerdem die Q-School 2024 und verschaffte mir damit diese Chance.“
Gerade dieses B-Game beschäftigt Wilson bis heute. Seine besten Leistungen reichen aus, um starke Gegner zu schlagen. An weniger guten Tagen fehlt ihm jedoch noch die Konstanz.
Auf der Challenge Tour war er in dieser Saison regelmäßig am Start, kam aber bislang nur einmal bis in die Runde der letzten 32. Für einen Spieler mit seinen Fähigkeiten ist das eine enttäuschende Bilanz.
„Ehrlich gesagt weiß ich es selbst nicht genau. Manchmal liegt es an der Konzentration, manchmal am Fokus. Wenn ich in einen Rhythmus komme, weiß ich, dass ich spielen kann. Ich hatte einen richtig starken Sieg gegen Nathan Potter, bei dem wir beide einen Average um die 100 gespielt haben. Danach war ich angesichts meiner Form überrascht, dass ich das Turnier nicht gewonnen habe.
Auf der anderen Seite gab es Spiele, in denen ich meine Leistung einfach nicht abrufen konnte. Ich habe außerdem Matches verloren, obwohl ich eigentlich gut gespielt habe. Dann reicht eine einzige schlechte Aufnahme im falschen Moment, und das kostet dich den Sieg.“
Im Darts kann eine schwache Aufnahme tatsächlich den Unterschied machen. Bei Hobbyspielern sind es häufig eher mehrere Dutzend pro Abend. Wilson bewegt sich allerdings in einer anderen Welt.

Die MODUS Super Series als Wendepunkt

Besonders wohl fühlt sich Wilson inzwischen in der MODUS Live Lounge. Während der Lockdowns spielte er zahlreiche Online-Turniere und trat dabei gegen etablierte Profis an. Diese Erfahrungen gaben ihm das Gefühl, auch auf diesem Niveau bestehen zu können.
„Während des Lockdowns habe ich unglaublich viel Online-Darts gespielt. Ich war in Ligen mit Spielern wie Kim Huybrechts, Jermaine Wattimena und Simon Whitlock. Obwohl ich aus meinem Schlafzimmer heraus spielte, wurde mir dadurch klar, dass ich auf diesem Niveau mithalten kann.“
Die MODUS Super Series entwickelte sich deshalb schnell zu einem seiner wichtigsten Ziele.
„Die MODUS Super Series war immer ein Ort, an dem ich unbedingt spielen wollte. Bei meinem ersten Auftritt dort hatte ich richtig die Hosen voll. Ich war extrem nervös. Aber jeder dort sorgt dafür, dass du dich willkommen fühlst.“
Trotz dieser Nervosität gewann Wilson bei seinem Debüt direkt Gruppe A. Das Teilnehmerfeld war alles andere als schwach.
„In dieser Woche gewann ich Gruppe A, in der auch Neil Duff, Steve West und Darius Labanauskas spielten. Danach fuhr ich nach Hause, entspannte mich am Donnerstag und Freitag und kam am Samstag zurück.“
An dieser Stelle hätte die Erzählung beinahe wie der Beginn eines Songs von Craig David klingen können. Das sportliche Ende fiel jedoch deutlich weniger entspannt aus.
„Ich habe das Finale der Series 13 gegen Radek Szaganski verloren.“
Damit fehlte Wilson nur ein Sieg zum Wochentitel. Szaganski, der neben seiner Darts-Karriere als Busfahrer in Irland arbeitet, zerstörte damals seinen Traum vom Triumph.
Wilson kehrt nun erneut in die Live Lounge zurück. Der Wochensieg ist längst zu einem persönlichen Fixpunkt geworden. Er weiß, dass ein Titel vieles verändern könnte.
„Definitiv“, antwortet er auf die Frage, ob er bislang unter seinen Möglichkeiten geblieben sei. „Wenn ich mir anschaue, wie ich bei den Vault-Events und auf dem ADC-Circuit gespielt habe, habe ich das Gefühl, einige Chancen verpasst zu haben. Ich hätte mehr gewinnen müssen. Das ist frustrierend, weil ich weiß, dass mein Spiel vorhanden ist. Ich muss nur alles zusammenbringen.“

Zwei ADC-Titel, zwei verpasste Neun-Darter

Völlig ohne Erfolge ist Wilson keineswegs. Auf dem ADC-Circuit gewann er bereits zwei Turniere auf der Bradmoor Farm.
„Bei einem davon schlug ich Jonny Haines. Lustigerweise waren wir beide auf einem Neun-Darter, verfehlten aber jeweils das 141er-Finish. Beim anderen Turnier besiegte ich Christian Perez im Finale.“
Zwei Spieler im selben Match auf Kurs zum perfekten Leg, beide scheitern am identischen Finish: Hätte Wayne Mardle kommentiert, wäre seine Stimme vermutlich erneut an ihre Belastungsgrenze geraten.
Zusätzlich gewann Wilson im Mai 2025 den South East London Belt. Diesen Titel verteidigte er anschließend mehrfach.
„Ich habe den South East London Belt gewonnen und dabei Jason Heaver besiegt. Anschließend verteidigte ich ihn gegen Lloyd Walker und qualifizierte mich damit für die ADC Global Championship. Später verteidigte ich den Titel erneut gegen Luke Stallwood. Dadurch bekam ich automatisch einen Startplatz für die MODUS Super Series in dieser Saison.“
Es bieten sich ihm somit gleich mehrere Möglichkeiten, seine Karriere auf die nächste Stufe zu heben.

Wilson fordert mehr Tour Cards

Wilson macht sich nicht nur Gedanken über sein eigenes Spiel. Auch das System der PDC würde er an einigen Stellen verändern. Über die Challenge Tour und die Development Tour werden derzeit jeweils zwei Tour Cards vergeben. Nach Ansicht des Engländers ist das zu wenig.
„Auf der Challenge Tour sollten sich meiner Meinung nach die besten vier Spieler direkt eine Tour Card sichern. Das Thema kam schon auf, nachdem ich dort 2024 zwei Halbfinals in Folge erreicht hatte.“
Seine Argumentation sorgte offenbar auch unter etablierten Profis für Gesprächsstoff.
„Bei einem Players Championship saß ich mit George Killington, Gary Anderson und Jim Williams an einem Tisch. Killer wurde irgendwann regelrecht zurechtgewiesen, weil ich offenbar zu viel Sinnvolles gesagt hatte.“
Auch bei der Teilnahme von Tour-Card-Inhabern an der Development Tour vertritt Wilson eine klare Position.
„Wenn du eine Tour Card gewinnst, solltest du meiner Meinung nach nur im ersten Jahr weiterhin auf der Development Tour spielen dürfen. Danach sollte es nicht mehr möglich sein, beides zu kombinieren. Dann musst du dich voll reinhängen und auf die ProTour konzentrieren.“
Das klingt streng, folgt aber einer nachvollziehbaren Logik: Wer den Sprung auf die ProTour geschafft hat, sollte seinen Fokus anschließend vollständig auf die neue Aufgabe richten.
Andreas Harrysson (2)

Besonderes Lob für Andreas Harrysson

Bei der Frage, welcher starke Spieler überraschenderweise noch nie eine Tour Card gewonnen habe, fällt Wilson sofort ein Name ein.
„Andreas Harrysson. Ich habe ein paarmal gegen ihn gespielt, und sein Finishing ist auf einem anderen Niveau.“
Der Schwede hat sich über Jahre hinweg den Ruf eines gefährlichen Gegners erarbeitet. Neben seinen Qualitäten auf die Doppelfelder besitzt er zudem einen der auffälligsten Bärte im Darts. Optisch erinnert er ein wenig an eine skandinavische Version von Lewis Pryce.
Für Wilson selbst geht es nun darum, nicht länger nur als unangenehmer Gegner und talentierter Außenseiter wahrgenommen zu werden. Die Leistungen sind vorhanden, die Erfahrung wächst und die nächsten Chancen stehen bereits vor der Tür.
Ein Sieg in der MODUS Super Series könnte genau der Moment sein, auf den er gewartet hat. Sportlich würde er einen großen Schritt machen. Persönlich beginnt mit der Geburt seines Sohnes ohnehin bald ein völlig neuer Lebensabschnitt.
Carl Wilson bleibt daher nicht mehr viel Zeit, um Schlaf zu sammeln. Auf dem Dach, am Oche und bald auch zu Hause ist in den kommenden Wochen voller Einsatz gefragt.
Bleibt nur zu hoffen, dass Koby nicht von einem Paketdienst ausgeliefert wird. Andernfalls landet er am Ende noch einige Häuser weiter bei den Nachbarn.
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