„Alles, was ich tue, tue ich für meine Tochter“ – Ryan Searle über den Umgang mit seiner Sehbehinderung bei der Darts WM

PDC
durch Nic Gayer
Donnerstag, 29 Januar 2026 um 14:15
Ryan Searle (2)
Ryan Searle gehörte bei der vergangenen Darts WM zu den prägendsten Figuren des Turniers. Für viele kam sein Lauf bis ins Halbfinale überraschend, für aufmerksame Beobachter der Pro Tour dagegen weniger. Seit Jahren zählt „Heavy Metal“ zu den konstant gefährlichsten Akteuren auf dem Circuit, produziert Woche für Woche hohe Averages und bringt selbst absolute Topnamen regelmäßig in Bedrängnis. Was ihm bislang fehlte, war der Durchbruch auf den größten Bühnen des Sports. Genau diesen Nachweis lieferte Ryan Searle nun eindrucksvoll.
Ein entscheidender Faktor für den Durchbruch lag abseits der Bühne – genauer gesagt im Setup. Kurz vor der WM entschied sich Searle für einen Materialwechsel. Es war kein radikaler Schnitt, sondern eine bewusst gesetzte Veränderung mit Signalwirkung an sich selbst. Die neuen Darts sollten kein Allheilmittel sein, sondern einen mentalen Neustart ermöglichen. Eine kleine Anpassung mit großer Wirkung.

Ein bewusster Schnitt vor dem größten Turnier

„Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich nicht genug machte“, erklärt Searle nüchtern im Gespräch mit seinem Ausrüster Harrows. „Also dachte ich: Die Standardreaktion ist, etwas zu verändern. In meinem Fall waren es neue Darts.“ Bemerkenswert war vor allem der Zeitpunkt dieser Entscheidung. Normalerweise nimmt der Engländer Änderungen am Material erst nach dem Jahreswechsel vor. Vor dieser Weltmeisterschaft wich er erstmals bewusst von seiner gewohnten Routine ab.

Das Halbfinale: aus dem Moment lernen

Das Halbfinale markierte den besten WM-Lauf in Searles Karriere. Gegen Luke Littler wirkte alles größer als sonst, dennoch versuchte Searle, seiner Routine treu zu bleiben. „Du spielst gegen Luke, also ist es ohnehin ein riesiges Spiel. Ich habe versucht, es wie jedes andere zu behandeln.“
Das gelang nur teilweise. „Ich war wirklich enttäuscht von meinem Niveau. Ich weiß, dass ich viel mehr draufhabe.“ Trotzdem bewertet Searle diese Erfahrung heute vor allem als wertvoll. „Das war wichtig. Ich weiß jetzt, wie mein Körper in so einem Moment reagieren kann.“
Die Nervosität setzte unmittelbar ein. „Hinter der Bühne habe ich 180 nach 180 geworfen. Ich dachte wirklich: Ich werde ihm ein Match liefern. Aber auf der Bühne spürte ich Spannung im Arm. Und wenn die erst mal drin ist und du es merkst, wird es schwer, sie wieder loszuwerden.“
Dass er den ersten Satz „geschenkt bekam“, erwies sich im Nachhinein als großes Glück. „Wenn er mir den ersten Satz nicht gegeben hätte, hätte ich wahrscheinlich 0:6 verloren“, sagt Searle trocken.
Trotzdem lieferte das Halbfinale einen ikonischen Moment: das 170er-Finish, während Littler bereits auf Kurs zum 9-Darter war. „Das ist eigentlich das Einzige, was ich wirklich aus dem Match mitnehme“, sagt Searle. Der Clip ging online viral. „Als ich zuletzt nachsah, stand er bei viereinhalb Millionen Views. Das ist einfach irre.“
Searles überragender WM-Lauf erwies sich später aus einem ganz anderen Grund als besonders wertvoll. Während der WM ging es nicht nur um das, was Searle auf der Bühne zeigte. In Interviews sprach er offen über sein Engagement für die Cure ADOA Foundation. Die Stiftung unterstützt die Forschung zur autosomal-dominanten Optikusatrophie (ADOA), einer erblichen Augenerkrankung, mit der Searle selbst lebt.
„Es ist etwas, womit ich selbst zu kämpfen habe“, erklärt er. „Aber es wurde bei mir erst kürzlich offiziell festgestellt, nach der Diagnose meiner Tochter. Alles, was ich tue, mache ich eigentlich für sie. Nicht für mich.“
Seine Motivation formuliert Searle klar. „Wenn sie ein Heilmittel finden und ihr helfen können, wäre das fantastisch. Für mich? Ich bin wahrscheinlich zu alt, um noch an eine Heilung zu denken. Ich habe immer damit gelebt, und ich glaube, ich habe es gar nicht so schlecht gemacht.“

Unterstützung aus unerwarteter Richtung

Die Aufmerksamkeit, die Searle der Stiftung verschaffte, blieb nicht unbemerkt. Während der Weltmeisterschaft entschied sich Paddy Power, Sponsorenlogos zu verwischen, um zusätzliche Aufmerksamkeit für die Stiftung zu erzeugen – inklusive einer Spende. „Ehrlich gesagt: alle Anerkennung an Paddy Power“, sagt Searle. „Sie hätten das überhaupt nicht tun müssen. Es ist ein gigantisches Unternehmen. Aber sie haben es getan.“
Bewusst unscharf: Im WM-Halbfinale verzichtete Paddy Power auf klar erkennbare Werbetafeln und setzte stattdessen gezielt verschwommene Logos ein – ein starkes Zeichen, um Aufmerksamkeit für die Augenerkrankung ADOA und das Engagement von Ryan Searle zu schaffen
Bewusst unscharf: Im WM-Halbfinale verzichtete Paddy Power auf klar erkennbare Werbetafeln und setzte stattdessen gezielt verschwommene Logos ein – ein starkes Zeichen, um Aufmerksamkeit für die Augenerkrankung ADOA und das Engagement von Ryan Searle zu schaffen
Die Entscheidung fiel kurzfristig. „Ich bekam am Abend zuvor eine Nachricht von Dave Allen von der Professional Darts Corporation mit der Frage, ob es für mich okay sei, die Tafeln anzupassen. Für mich machte das keinen Unterschied. Wenn es hilft, mehr Aufmerksamkeit zu schaffen, umso besser.“
Nach Einschätzung des Interviewers ist Searle damit ungewollt zu einem Vorbild geworden. Viele wussten nichts von seiner Sehbeeinträchtigung – und erst recht nicht, dass es möglich ist, mit einer solchen Erkrankung auf diesem Niveau Darts zu spielen. Die Botschaft ist klar und stark: Einschränkungen müssen kein Hindernis sein, um anzufangen oder dranzubleiben.
Für Searle steht fest, dass es sich dabei nicht um eine einmalige Aktion handelt. Hinter den Kulissen arbeitet er bereits an weiteren Initiativen rund um Bewusstseinsbildung und Inklusion in der Dartswelt.
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