Beim Medientag des prestigeträchtigen
Winmau World Masters strahlte
Gian van Veen Ruhe, Selbstvertrauen und vor allem Freude aus. Der Niederländer, inzwischen fest in der Weltspitze angekommen, wirkt noch immer ein wenig überrascht davon, wie rasant seine Karriere Fahrt aufgenommen hat. Beliebig ist seine Haltung jedoch keineswegs: Van Veen genießt den Moment, weiß aber besser als viele andere, wie schmal der Grat zwischen Erfolg und Niedergang im modernen Top-Darts verläuft.
„Es ist wirklich ein Traum, der wahr wird“,
sagte van Veen im Gespräch mit Tungsten Tales. „Als Kind habe ich davon geträumt, das machen zu dürfen. Auf diesem Niveau zu spielen, bei diesen Turnieren, gegen die besten Spieler der Welt. Und jetzt lebe ich dieses Leben. Davon versuche ich jeden Tag zu profitieren.“
Genuss als Notwendigkeit
Die vergangenen Wochen lieferten Höhepunkt an Höhepunkt. Das WM-Finale liegt noch frisch in der Erinnerung, dazu kamen
World-Series-Turniere in Bahrain und Saudi-Arabien. Viel Zeit zum Innehalten oder Verarbeiten blieb Van Veen nicht. Offensichtlich fällt ihm genau das aber leicht. Im Gegenteil: Mit dem
Winmau World Masters steht bereits das nächste große Kapitel der neuen Saison an – und das stimmt ihn sichtbar zuversichtlich.
„Die WM war natürlich großartig, aber an diesem Wochenende beginnt schon das nächste Kapitel. Darauf freue ich mich riesig“, sagt er nüchtern.
In der Dartswelt ist oft vom „Leben im Traum“ die Rede. Van Veen macht jedoch klar, dass Genießen keine Luxusfrage, sondern eine Notwendigkeit ist. An der Spitze ist die Konkurrenz gnadenlos, Stillstand bedeutet unweigerlich Rückschritt.
„Das Niveau ist so hoch“, erklärt er. „Wenn du ein paar Wochen nicht gut spielst, steht sofort jemand bereit, um deinen Platz einzunehmen. Deshalb ist es wichtig, zu genießen, solange es geht. Premier League Darts,
World Series of Darts, Majors – das kann plötzlich vorbei sein.“
Diese Bodenhaftung prägt van Veens Auftreten. Trotz seines Status als gesetzter Spieler und Top-Vier-Mann der Weltrangliste fühlt sich seine neue Position für ihn mitunter noch unwirklich an. Besonders beim World Masters, einem Turnier, an dem er erstmals teilnimmt. „Hier plötzlich als drittgesetzter Spieler zu stehen, daran muss ich mich erst gewöhnen“, gibt er offen zu. „Es fühlt sich noch etwas seltsam an, aber das wird häufiger passieren. Hoffentlich gewöhne ich mich daran.“
Ein Format, das keine Fehler verzeiht
Das
Winmau World Masters wird im Setformat mit kurzen Sets ausgetragen – ein Modus, der van Veen entgegenkommt. Kaum Raum für Korrekturen, permanenter Druck von Beginn an. „Ich mag dieses Format“, sagt er. „Es ist schnell, intensiv, und du stehst in jedem Moment unter Druck. Eine schlechte Set-Zwischenphase, und es kann sofort kippen.“
Bislang spielte van Veen dieses Format erst einmal, bei der Qualifikation im vergangenen Jahr. Damals schied er früh aus, nahm daraus aber dennoch ein positives Gefühl mit. „Es sorgt für zusätzliche Spannung, auch in der Vorbereitung. Es ist nichts, was man täglich spielt, aber genau das macht es spannend.“
In der ersten Runde wartet Ryan Joyce. Kein einfacher Gegner, auch wenn dieser zuletzt länger kein Match auf der großen Bühne bestritten hat. „Es ist gut, dass ich weiß, gegen wen ich spiele“, sagt van Veen. „Ryan ist natürlich ein gefährlicher Spieler, das wissen wir alle. Aber seit der WM hat er wenig Matchpraxis. Ich habe in Bahrain und Saudi-Arabien gespielt, vielleicht ist das ein kleiner Vorteil. Aber unterschätzen? Auf keinen Fall.“
Clevere Kalender-Planung
Premier League Darts, European Tours, Players Championships und Majors – der PDC-Kalender ist voller denn je. Van Veen macht deutlich, dass er nicht jedes Turnier absolvieren wird. „Ich werde sicher nicht alle 34 Players Championships bestreiten“, sagt er entschlossen. „Ich schaue es mir Monat für Monat an. Wie fühle ich mich? Wo stehe ich im Ranking? Wenn ich mich früh für die Finals qualifizieren kann, hilft das enorm.“
Erstmals gehörte van Veen bei der World Series im Nahen Osten zur exklusiven PDC-Achtergruppe. Das brachte eine neue Form von Druck mit sich. „Du bist kein Außenseiter mehr“, erklärt er. „In den späteren Runden wird erwartet, dass du gewinnst. Das ist eine andere Art von Spannung, aber ich denke, ich bin gut damit umgegangen. Ich habe es genossen.“
Zur Zukunft des Darts in Ländern wie Saudi-Arabien äußert sich van Veen realistisch. „Der Sport muss dort beim Publikum noch wachsen. Aber man muss irgendwo anfangen. Vielleicht sehen wir in drei bis fünf Jahren dort ein Major.“
Ein ikonisches World-Cup-Doppel?
Viel Gesprächsstoff liefert die mögliche Zusammenarbeit mit Michael van Gerwen beim World Cup of Darts. Van Veen bestätigt den Kontakt. „Michael hat gesagt, dass er es gern einmal mit mir probieren möchte“, erzählt er. „Nichts ist sicher, aber im Moment sieht es gut aus.“
Auch mit Danny Noppert, mit dem er im vergangenen Jahr spielte, wurde offen gesprochen. „Danny und ich sind gute Freunde. Wenn Michael absagt, spiele ich sehr gerne wieder mit ihm. Aber mit Michael zu spielen, ist für jeden Niederländer eine Ehre.“
Obwohl van Veen in der Rangliste inzwischen vor Van Gerwen steht, lehnt er die Rolle des „Kapitäns“ klar ab. „Für mich bleibt Michael immer die niederländische Nummer eins.“
Ambitionen mit Bodenhaftung
Nach einem Jahr, in dem er nach eigener Aussage „überperformt“ hat, bremst van Veen bewusst die Erwartungen. Große Ankündigungen vermeidet er, klare Ziele formuliert er dennoch. „Ich werde nicht sagen, dass ich dies oder das gewinnen werde. Ich möchte bei Majors konstant Viertel- und Halbfinals erreichen. Und wenn dabei ein Titel herausspringt, fantastisch.“
Einen Wunsch spricht er allerdings offen aus: „Ich möchte sehr gern meinen ersten European-Tour-Titel gewinnen. Wenn das gelingt, ist mein Jahr gelungen.“