Gerwyn Price ist bekannt für seine Energie auf der Bühne – doch im Podcast
Tops & Tales von PDC-Schiedsrichter
Huw Ware zeigt sich der „Iceman“ von seiner nachdenklichen Seite. Offen spricht er über seine unerwartete Reise ins Profidarts, den Sprung vom Rugbyspieler zum Weltmeister und über das, was ihn heute antreibt. Dabei wirkt der Waliser, der seit Jahren zur Weltelite gehört, erstaunlich bodenständig. Geld, Ruhm und Ehrgeiz betrachtet er mit der Ruhe eines Mannes, der seinen Platz gefunden hat.
Als Price vor über zehn Jahren seine Tour Card gewann, kannte ihn kaum jemand in der Dartswelt. Anders als viele Kollegen kam er nicht aus der BDO- oder WDF-Szene, sondern kämpfte sich ohne große Vorerfahrung direkt in den PDC-Zirkus. Selbst seine Teilnahme an der
Q-School war ursprünglich gar nicht geplant.
Vom Kneipenspieler zur Tour Card
„Ich bin nur hingegangen, weil Barrie Bates mich zwei Jahre lang bearbeitet hat“, erzählt Price mit einem Schmunzeln. „Ich hatte null Erwartungen. Eigentlich war es nur ein Wochenendtrip mit Barrie und Jonathan Worsley.“ Dass am Ende ausgerechnet er die begehrte Tour Card holen würde, kam völlig überraschend. „Ich wusste nicht mal, worauf ich mich finanziell einlasse“, sagt er rückblickend. „Hätte ich gewusst, dass man Startgeld, Markergebühren, Hotelkosten und alles andere selbst zahlt, wäre ich nicht gegangen. Zum Glück wusste ich es nicht."
2014 sicherte sich Gerwyn Price bei der Q-School seine Tour Card, die er seitdem nicht mehr verloren hat.
Das erste Aufeinandertreffen mit Barrie Bates beschreibt Price als Wendepunkt. In einem Pub in Aberbargoed, nur wenige Monate nachdem er zum ersten Mal Darts gespielt hatte, traf er auf den erfahrenen Waliser. „Ich spielte noch Rugby und hatte gerade erst ein Set Darts gekauft“, erinnert er sich. „Wir haben in The George gespielt – und ich habe ihn komplett vom Board gefegt.“ Bates reagierte damals mit einem Lachen: „Er sagte: ‘Geh zurück zum Rugby!‘“ Doch aus diesem Duell entstand eine Freundschaft, die Prices sportliche Laufbahn für immer verändern sollte.
Bates ließ nicht locker und drängte ihn weiter, zur Q School zu fahren. Price winkte lange ab. „Ich war überzeugt davon, dass ich Rugbyspieler bin. Darts war für mich ein Hobby, nichts weiter.“
County-Darts, Rugby und Tony O’Shea
Der Übergang vom Hobbyspieler zum ernsthaften Wettkämpfer kam schrittweise. Zunächst spielte Price in lokalen Freitagabend-Ligen, dann Super League am Mittwoch – bis er schließlich beim County-Darts landete. Doch der Rugby-Spielplan machte ihm oft einen Strich durch die Rechnung. „Um im A-Team zu spielen, musstest du samstags im B-Team aktiv sein. Aber samstags war Rugby – also fiel das flach“, erklärt er.
Eines Tages brauchte sein Team dringend einen Sieg – und setzte auf Price. Der bislang kaum erprobte Darter sprang ein, spielte direkt im A-Team und gewann am Sonntag mit einem Average von 84 gegen niemand Geringeren als Tony O'Shea. „Das war mein einziges County-Spiel überhaupt“, erzählt er lachend. „Ich habe nie wieder für sie gespielt.“
Gefragt, ob er nervös war, schüttelt Price den Kopf. „Ich erinnere mich kaum, aber nervös war ich wohl nicht. Es war einfach ein weiteres Spiel.“ Anspannung kennt der Weltmeister jedoch aus einem anderen Moment: dem Start in ein Turnier. „Wenn mich jemand schlagen kann, dann in der ersten Runde. Danach finde ich schnell meinen Rhythmus.“
Am liebsten spielt Price früh am Abend. „19 Uhr ist perfekt. 22:30 Uhr ist schrecklich. Wenn du ewig auf deinen Einsatz wartest, weißt du nie genau, wann es losgeht – das macht die Vorbereitung schwierig.“
Vom Nachtleben ins Fitnessstudio
Inzwischen hat Price eine Routine entwickelt, die seinem Erfolg Grundlage gibt. Training, Regeneration und Disziplin stehen im Mittelpunkt. „Früher ging ich nach der
Pro Tour in Barnsley noch aus“, sagt er. „Heute gehe ich früh ins Bett, stehe früh auf und gehe ins Gym. Ich bin langweilig geworden.“
Er betont, dass jeder Profi seinen eigenen Weg finden muss. „Für mich funktioniert das. Aber ich sage keinem anderen Spieler, was er tun soll. Manche müssen ständig in Bewegung sein, andere gewinnen direkt von der Couch.“
Mit 40 Jahren spürt Price, dass sich Prioritäten verschoben haben. „Vielleicht werde ich einfach älter. Früher war ich nach Turnieren immer unterwegs – heute sitze ich lieber zu Hause und entspanne.“
Der stille Mann hinter dem Iceman
Auf der Bühne gilt
Gerwyn Price als einer der emotionalsten Akteure im Circuit – abseits davon ist er das Gegenteil. „Wenn 30 Leute in einem Raum sitzen, bin ich wahrscheinlich der, den man am wenigsten hört“, beschreibt er sich selbst. Schon im Rugby habe er das Rampenlicht gemieden. „Bei Videoanalysen saß ich immer hinten, damit mir keiner Fragen stellt.“
Der Medienrummel war anfangs eine Herausforderung. „Ich wusste nicht, wie man damit umgeht. Jetzt ist es Routine, aber ich bleibe lieber im Hintergrund.“ Einen wichtigen Halt gibt ihm seine Partnerin Bethan. Kennengelernt haben sich die beiden, als Price mit 17 im Markham Rugby Club arbeitete – als Aushilfe, die Böden wischte und Gläser spülte. „Ohne sie wäre vieles schwerer. Ich bekomme Rückhalt, kein Genörgel. Das ist Gold wert.“
Er weiß, wie entscheidend familiäre Unterstützung sein kann. „Manche verlieren ihre Tour Card, weil sie zu Hause keinen Rückhalt haben. Wenn du nach einer Niederlage Vorwürfe bekommst statt Zuspruch, hast du keine Chance.“
Wenn Bethan bei Turnieren dabei ist, merkt er den Unterschied sofort. „Pete sagt immer: Wenn sie dabei ist, gewinnst du. Sie ist mein Glücksbringer.“
Zwischen Fish & Chips und Farmarbeit
Neben Darts hat sich Price ein beachtliches Imperium aufgebaut. Er investiert in Dartakademien, betreibt einen Fish-&-Chips-Laden und hat sich erst kürzlich einen Bauernhof gekauft. „Ein neues Geschäft aufzubauen, ist richtig harte Arbeit – besonders, wenn man keine Ahnung hat, was man tut“, gibt er ehrlich zu. „Jetzt wissen wir mehr, aber einfach bleibt es nicht. Wenn ich unterwegs bin und daheim etwas schiefläuft, stresst mich das.“
Sogar das Haus seines Vaters hat er umgebaut, um Platz für seine Großmutter zu schaffen. „Sie hat sich dann aber doch für ein Pflegeheim entschieden – also steht der Anbau jetzt leer“, witzelt er. Trotzdem sehnt sich Price nach Ruhe. „Ich wollte immer einen kleinen Hof, Privatleben, Abstand. Aber wenn du dein Geschäft direkt zu Hause hast, kommen ständig Leute den Weg hoch. Das mag ich gar nicht.“
"Ich spiele noch zehn Jahre – mindestens"
Von Rücktritt ist bei
Gerwyn Price keine Rede. Der Waliser hat gerade seinen Vertrag mit Red Dragon verlängert – für die nächsten zehn Jahre. „Ich bin bis 50 dabei“, sagt er überzeugt. „Vielleicht pausiere ich irgendwann bei den Pro Tours, aber komplett aufhören? Niemals. Ich werde immer Exhibitions spielen.“
Auch der wachsende finanzielle Reiz im Darts verändert ihn nicht. Das Preisgeld für den Weltmeistertitel liegt mittlerweile bei einer Million Pfund, doch Price bleibt gelassen. „Eine Million ist viel Geld, klar. Aber ich würde nichts Verrücktes damit machen. Es geht einfach in den Pott. Mein Leben bleibt dasselbe.“
Diesen Pragmatismus sieht er auch bei anderen Topspielern. „Es verändert Luke nicht, es verändert Michael nicht. Geld ist schön, aber es macht dich nicht zu einem anderen Menschen.“
Gerwyn Price hat in den vergangenen Jahren Höhen und Tiefen erlebt – sportlich, medial und privat. Doch wer ihm heute zuhört, erkennt: Der frühere Rugbyspieler ist angekommen. Bodenständig, reflektiert und mit klarem Blick auf das, was zählt – das Spiel, die Familie, und vielleicht ein bisschen Ruhe auf dem eigenen kleinen Bauernhof.