Mit 55 Jahren überrascht
Andrew Gilding weiterhin sich selbst und die Dartswelt. Der Engländer mit dem Spitznamen „Goldfinger“ lieferte bei den Poland Darts Open einen seiner besten Auftritte der Karriere ab. Mit einem beeindruckenden Average – seinem bislang höchsten auf einer European-Tour-Bühne – startete er seine Kampagne überzeugend. Und das, obwohl er sich kurz vor seinem Walk-on noch einen Muskel im Bein gezerrt hatte.
Gilding war in der Auftaktrunde der
Poland Darts Open 2026 mit 6-3 zu stark für Jeffrey de Graaf und spielte dabei einen Average von 106,55. „Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wo das herkam“,
lächelte Gilding anschließend. „Kurz bevor ich im Practiceraum auf Bull warf, schoss es mir ins Bein. Ich hatte ziemlich Schmerzen und dachte, das würde mich beeinträchtigen. Aber offenbar nicht.“
Das ist typisch für den nüchternen Briten, der selten große Töne spuckt. Selbst nach einer Spitzenleistung zeigt er sich erstaunt über sein eigenes Niveau.
Muskelkater und Scoringlust
Wer Gilding kennt, weiß, dass er nicht schnell klagt. Dennoch gab er zu, dass ihn die Blessur beschäftigte. „Es ist immer noch ein bisschen empfindlich. Aber wenn ich so weiterspiele, nehme ich diese Schmerzen gerne in Kauf.“
Auf der Bühne war von Unbehagen wenig zu sehen. Seine Scoring-Power war beeindruckend, die Doppel fielen zum richtigen Zeitpunkt, und sein Tempo blieb gewohnt entschlossen. Der Average, den er notierte, gehört zu den höchsten, die er je auf einer European-Tour-Bühne gespielt hat. „Das muss mein höchster Average sein. Da bin ich mir fast sicher“, sagte er mit einer Mischung aus Stolz und Verwunderung.
Auf die Frage, ob er dieses Niveau in der Vorbereitung hatte kommen sehen, fiel seine Antwort eindeutig aus: „Überhaupt nicht. Ich erwarte nie viel, schon gar nicht mit meiner Energie von heute.“
Die Bedeutung der European Tour
Für Gilding sind die Turniere der
European Tour derzeit von großer Bedeutung. Preisgeld und Ranglistenpunkte sind entscheidend für die Setzliste bei TV-Turnieren und Majors. Im vergangenen Jahr erreichte er auf in Sindelfingen sogar das Finale – ein Beleg dafür, dass er auch abseits der Floor-Turniere glänzen kann.
„Im Moment sind diese Turniere sehr wichtig für mich“, erklärte er. „Ich liege an der Grenze zur Qualifikation für die European Tour und Majorturniere. Vor ein paar Tagen musste ich noch ein Qualifikationsturnier spielen, und das lief nicht gut. Dieser Sieg hilft enorm.“
Die Qualifikationsturniere gelten als zermürbend: lange Tage, viele Matches, wenig Spielraum für Fehler. „Es ist lange her, dass ich so eine Quali spielen musste. Ich hatte fast vergessen, wie hart sie sind. Es ist ein langer Tag, und jeder ist hungrig.“
Sein Ziel ist klar: die automatische Qualifikation für die European Tour sichern und so die kräftezehrenden Vorrunden vermeiden.
Andrew Gilding ist die aktuelle Nummer 31 der Welt
Ein Spätzünder mit Hunger
Bei der vergangenen Weltmeisterschaft sprach Gilding bereits über seinen Status als „Spätzünder“. Mit 55 Jahren mischt er weiterhin in der Weltspitze mit und zeigt Spielern, die Jahrzehnte jünger sind, regelmäßig die Fersen. „Ich habe ein paar Jahre vergeudet“, gab er offen zu. „Ich habe nicht wirklich Geld gespart, also muss ich es jetzt richten.“
Diese Bemerkung sagt viel über seine Motivation. Während manche Altersgenossen die Karriere ausklingen lassen, scheint Gilding eine zweite Luft gefunden zu haben. Der Leistungsdrang ist nicht nur sportlich, sondern auch pragmatisch. Preisgeld bedeutet Sicherheit – vielleicht sogar jenes heiß begehrte Haus nebenan, auf das er zuvor scherzhaft anspielte.
Als man ihn fragte, wie viele European-Tour-Siege nötig wären, um das Bungalow nebenan zu kaufen, witzelte er: „Wie viel bringt ein Sieg aktuell? 35.000 Pfund? Dann wahrscheinlich so zehn Stück.“ Um gleich hinzuzufügen, dass er das Geld wohl ohnehin in eine Pensionskasse stecken würde.
Ein holpriger Start
Auffällig war, dass sein Match alles andere als überzeugend begann. De Graaf kam blitzschnell aus den Startlöchern und setzte Gilding sofort unter Druck. „Er hat wirklich stark angefangen“, analysierte Gilding. „Ich glaube nicht, dass ich viel falsch gemacht habe. Aber ich dachte schon: Er wird mich mit 6-0 abschießen.“
Dieser Gedanke unterstreicht seinen Realismus. Keine Panik, keine drastischen Änderungen, sondern weiterspielen und auf Chancen warten. Und die kamen. Mit fortschreitendem Match kippte das Momentum. Gilding fand seinen Rhythmus, die Triples fielen konstanter, und seine Erfahrung setzte sich durch.
Das Ziel: die EDC und die Bühne
Was ist das große Ziel für diese Saison? Keine großen Sprüche, keine Titelfantasien – auch wenn er sie nicht ausschließt. „Mein Ziel ist, in den Qualifikationsplätzen für die Euro Tours zu bleiben“, sagte er nüchtern. „Da liegt das Geld. Und so kommt man zu den TV-Turnieren.“
Es ist eine klare Strategie: Konstanz über alles. Regelmäßig die späten Runden erreichen, Ranglistenpunkte sammeln und so eine stabile Position an der Spitze der Order of Merit aufbauen.
Dennoch wurde er auch gefragt, ob er in dieser Form noch einmal einen großen TV-Titel gewinnen kann. Seine Antwort fiel kurz und bündig aus: „Wenn ich so weiterspiele, ja.“
Krakau als Bühne
Das Turnier fand im polnischen Krakau statt, eine Stadt, die beim Engländer Eindruck hinterließ. „Wunderschöne Stadt. Schöne Gebäude, die Landschaft, der Schnee. Ich liebe Schnee.“
Auch über die Stimmung zeigte er sich begeistert. „Die Atmosphäre ist fantastisch. Selbst backstage habe ich die Fans schon gehört. Ich konnte nicht glauben, wie laut sie waren. Und als ich auf die Bühne kam und sah, wie viele Menschen dort standen … unglaublich.“
Obwohl er kein Lokalmatador ist, erhielt er merklich Unterstützung. „Da waren ein paar Leute, die meinen Namen skandierten. Ich habe ihnen den Daumen gezeigt.“
Kulinarisch hielt er es schlicht: keine traditionellen polnischen Gerichte, sondern chinesisches Essen – mit Dumplings, die seiner Meinung nach „ziemlich polnisch“ waren.