RIcky Evans steht in der Dartswelt wie ein Synonym für Tempo, Show und Emotionen. Der Engländer zählt seit Jahren zu den markantesten Figuren auf der PDC-Tour. Nicht wegen einer langen Titelliste, sondern wegen seiner ausgeprägten Persönlichkeit, seiner farbenfrohen Walk-ons und seiner besonderen Fähigkeit, eine Halle in Bewegung zu bringen. Auch die jüngste
Darts WM spiegelte seine bisherige Karriere wider: Höhepunkte, Enttäuschungen, Emotionen und ehrliche Selbstreflexion.
Abseits des Oches gibt es zunächst positive Nachrichten. Evans hat seine Zusammenarbeit mit der Managementagentur MDA unter der Leitung von Matt Devenish verlängert. Die Partnerschaft begann während der Corona-Pandemie und besteht bis heute. „Es ist einfach gut, diesen Teil sauber geregelt zu haben“,
sagt Evans in einem Interview mit Oche180. „Das gibt Ruhe und ein Fundament, auf dem man aufbauen kann. Matt macht seinen Job, jetzt muss ich meinen machen.“
Achterbahnfahrt bei der Darts WM
Diese Ruhe ist für einen Spieler wie Evans kein Luxus. Die jüngste
Darts WM im Alexandra Palace entwickelte sich erneut zur Achterbahnfahrt. In der zweiten Runde bezwang Evans
James Wade in einem hochklassigen Match und hatte das Publikum klar auf seiner Seite. In der dritten Runde folgte jedoch das Aus gegen
Charlie Manby. Nicht nur die Niederlage selbst, vor allem ihre Art sorgte für intensive Diskussionen.
Ricky Evans steht derzeit auf Rang 40 der Weltrangliste
„Es ist jedes Jahr dieselbe Geschichte“, seufzt Evans. „Ich lande als Außenseiter einen schönen Sieg und zeige, was ich kann. Und sobald ich Favorit bin, scheint etwas zu blockieren. Diese Runde der letzten 32 bei der WM… da steckt etwas Mentales dahinter.“ In diesem Jahr kam noch ein weiterer Faktor hinzu: Emotionen, die er nicht länger zurückhalten konnte. „Ich habe zu viel gezeigt. Meine Verletzung, mein Körper, alles kam heraus. Das hätte ich besser hinter verschlossenen Türen gelassen.“
Die Niederlage traf ihn hart. Evans entschied sich bewusst für Abstand vom Darts. Keine Pfeile, kein Zurückblicken, einfach gar nichts. „Es hat mich persönlich enorm belastet“, gibt er offen zu. „Erst in Milton Keynes, beim ersten Turnier des neuen Jahres, starte ich wieder richtig.“
Emotionen auf der Bühne
Dass Evans im „Ally Pally“ so sichtbar getroffen war, hatte mehrere Ursachen. Der Verlust seiner Schwester, körperliche Beschwerden und die Anwesenheit seiner Mutter auf den Rängen – alles kam zusammen. „Es war ein Cocktail“, sagt er. „Die Pfeile gingen nicht dahin, wo ich wollte, und dann ist es einfach gebrochen.“
Gleichzeitig stellt Evans klar, dass seine Körpersprache nichts mit Desinteresse zu tun hatte. „Es wirkte, als hätte ich aufgegeben, aber das war nicht so. Ich habe so auch gegen Luke Woodhouse beim Grand Slam of Darts gespielt und dieses Match gewonnen. Manchmal funktioniert das bei mir. Nur: Wenn es nicht funktioniert, sieht es furchtbar aus.“
Dieses Bild verstärkten die Kommentare von Analyst Wayne Mardle, der Evans’ Verhalten als „unprofessionell“ bezeichnete. Evans zeigt Verständnis. „Ja, das kann ich nachvollziehen. Ich habe einen Wurf und eine Ausstrahlung, die so wirken, als würde ich es nicht ernst nehmen. Aber glauben Sie mir: Ich will immer gewinnen. Ich muss nur lernen, mit Niederlagen würdevoller umzugehen.“
Auch online prasselte Kritik auf ihn ein. Evans bleibt gelassen. „Vielleicht war das teilweise berechtigt. Aber wir machen weiter. Ich will wieder der lachende Ricky sein. Wenn ich lache und es genieße, spiele ich besser – und offenbar mögen mich die Leute dann auch lieber.“
Publikumsliebling ohne Trophäenschrank
Genau hier liegt vielleicht der Kern des Phänomens
Ricky Evans. Er sagt selbst, er habe „eine der größten Fanbases der Welt für jemanden, der noch nichts gewonnen hat“. Seine Weihnachts-Walk-ons, sein Humor und seine Ausstrahlung machen ihn zum Publikumsliebling. „Ich liebe es, Menschen zum Lachen zu bringen“, erklärt er. „Es gibt genug Elend in der Welt. Wenn ich mit einem Walk-on oder einem großen Finish jemandem ein Lächeln schenken kann, dann ist das meine Rolle.“
Diesen Status empfindet Evans nicht als zusätzlichen Druck, sondern als Antrieb. „Ich bin ein Showman. Je mehr Leute mich anfeuern, desto besser.“ Gleichzeitig weiß er, dass seine Popularität seinen sportlichen Status teilweise überstrahlt. Er steht aktuell auf Platz 40 der Weltrangliste, glaubt aber fest an sein Potenzial für die Top-16. „Das glaube ich wirklich. Aber es fehlt an Konstanz und vielleicht auch an diesem letzten Quäntchen Selbstvertrauen.“
Evans spielt extrem viel Darts – möglicherweise zu viel. „Ich spiele mehr als 80 Prozent der Tour“, sagt er. „Vielleicht sollte ich eher reduzieren. Wenn jemand die Antwort hat, kann er mich anrufen. Ich bezahle dafür.“
Auffällig ist seine schonungslose Eigenanalyse. Gegen große Namen spielt er häufig stark. Sobald er als Favorit gegen einen vermeintlich kleineren Namen antritt, gerät er ins Straucheln. „Gebt mir Rob Cross oder Damon Heta“, lacht er. „Dann weiß ich, wo ich stehe. Als Außenseiter habe ich keine Angst.“
Dieses Paradox begleitet ihn weiterhin. „Es ergibt keinen Sinn, aber es ist so. Vielleicht muss ich mich in jedem Match als Außenseiter sehen.“
Premier-League-Traum
Evans bleibt realistisch, was seine Position in der aktuellen Darts-Landschaft betrifft. Eine Einladung zur Premier League Darts? „Ich bin dafür nicht gut genug“, sagt er offen. „Die Jungs spielen jede Woche 100 im Schnitt. Ich kann das gelegentlich, sie immer.“
Trotzdem weiß er genau, was er beitragen würde. „Walk-ons. Atmosphäre. Riverdance in Dublin, Lederhosen in Berlin. Ich würde das Zirkusgefühl noch ein Stück größer machen.“ Mit einem Lächeln ergänzt er: „Ich würde auf jeden Fall die Stuhlreihen füllen.“
Neue Stabilität neben der Bühne
Abseits des Oches gibt es einen neuen, wichtigen Faktor in Evans’ Leben: seine Freundin. „Ich habe eine schlechte Phase durchgemacht“, erzählt er. „Ich habe meinen besten Freund verloren, und jetzt habe ich wieder einen.“ Das gibt ihm Ruhe und neue Motivation. „Ich habe jetzt etwas, wofür ich spielen kann. Eine Zukunft, vielleicht zusammenziehen. Aber das geht erst, wenn ich wirklich verdiene.“
Seine Mutter war bei jedem WM-Spiel live dabei. Ein Moment, in dem Evans auf der Bühne auf sie zeigte, ging viral. „Sie fand es großartig“, sagt er. „Obwohl die Leute jetzt noch darüber reden.“ Sogar Sponsoren griffen den Moment auf. Evans erhielt Pasteten und Merchandise von Fray Bentos. „Das gehört dazu“, lacht er.