„Manchmal musst du Leute enttäuschen“ – Phil Taylor gibt Luke Littler einen entscheidenden Rat aus eigener Erfahrung

PDC
durch Nic Gayer
Mittwoch, 16 September 2026 um 11:30
luke littler phil taylor 3 credit target darts
Phil Taylor hat sich zwar schon vor Jahren aus dem professionellen Darts-Zirkus verabschiedet, verfolgt die Entwicklung seines Sports aber weiterhin ganz genau. Der inzwischen 66 Jahre alte Engländer genießt heute vor allem jene Ruhe, die während seiner imposanten Karriere nur selten Teil seines Lebens war. Gleichzeitig blickt der 16-fache Weltmeister mit großer Bewunderung auf Luke Littler. Aus Taylors Sicht besitzt der junge Engländer sogar die Klasse, eines Tages seine legendären Rekorde anzugreifen.
Nach mehr als drei Jahrzehnten, in denen das Reisen von Turnier zu Turnier fester Bestandteil seines Lebens war, sieht Taylors Alltag inzwischen grundlegend anders aus. Der Engländer muss nicht mehr ständig unterwegs sein – und genießt diese neue Freiheit offensichtlich in vollen Zügen.

Taylor genießt sein neues Leben: „Ich lebe den Traum“

„Ich finde es großartig. Ich lebe den Traum“, sagt Taylor im Gespräch mit Oche180. „Ich bin inzwischen viel zu Hause und das gefällt mir. Ein Ort, an dem ich eigentlich sehr lange kaum war. Ich genieße es also, dass ich nicht mehr so viel reisen muss. Ich reise noch, aber bei Weitem nicht so viel wie früher.“
Phil Taylor posiert mit seiner Trophäe.
Phil Taylor prägte den Dartsport wie kaum ein anderer und gewann 16 WM-Titel. Ausgerechnet Luke Littler traut „The Power“ zu, seinen legendären Rekord eines Tages zu brechen.
Mittlerweile hat „The Power“ einen festen Tagesrhythmus gefunden. Morgens stehen zunächst die Einkäufe an, anschließend verbringt Taylor weiterhin regelmäßig Zeit am Board. „Wir mögen frische Lebensmittel, also gehen wir jeden Morgen einkaufen. Gegen elf Uhr trainiere ich ein bisschen und am Nachmittag gehe ich ins Fitnessstudio. Wenn ich damit fertig bin, ist es fast schon wieder Zeit fürs Abendessen.“
Auch Taylors Schlafrhythmus hat sich seit seinem Karriereende deutlich verändert. Der Rekordweltmeister geht mittlerweile früh zu Bett und steht entsprechend häufig schon vor Sonnenaufgang auf. Die ruhigen Morgenstunden nutzt er unter anderem dazu, über YouTube nachzuholen, was er am Vorabend in der Sportwelt verpasst hat. „Wenn es Fußball- oder Darts-Partien gegeben hat, schaue ich mir morgens die Highlights an. Statt 90 Minuten Fußball schaue ich es in zehn Minuten. Herrlich, denn so sehe ich nur die besten Momente.“

Große Bewunderung für Littler

Wer das aktuelle Geschehen im Darts verfolgt, kommt an Luke Littler kaum vorbei. Der junge Engländer bricht weiterhin Rekorde – und Taylor erkennt bei der aktuellen Nummer eins der Welt vor allem eine Eigenschaft, die ihn besonders beeindruckt: Littlers entspannte Herangehensweise.
„Er ist sehr relaxed. Er hat ein sehr ruhiges Wesen und zieht es einfach durch“, stellt Taylor fest. „Er ist nicht aufs Geld fokussiert. Das ist ein großer Vorteil für ihn. Er spielt, um Turniere zu gewinnen, und das Geld ist ein Bonus.“
Darin erkennt Taylor durchaus Parallelen zu seiner eigenen Zeit an der Spitze. „Als ich einmal gut verdient habe, war das bei mir genauso. Es gab Turniere, bei denen du nicht einmal wusstest, wie viel Preisgeld du gewonnen hattest, bis das Geld ankam. Das ist also eine gute Eigenschaft von ihm.“
Lange bevor Littler seinen großen Durchbruch vor einem Millionenpublikum feierte, hatte Taylor bereits den Hinweis bekommen, den damals noch weitgehend unbekannten Teenager im Auge zu behalten. Der Tipp kam von Gary Plummer, der Littler zu jener Zeit sponserte.
„Ich war bei Target und Gary sagte zu mir: ‚Behalte diesen jungen Burschen namens Luke Littler im Auge.‘ Ich hatte bis dahin noch nie von ihm gehört, obwohl er wahrscheinlich nur zwanzig oder dreißig Meilen von mir entfernt wohnte. Ich kannte ihn wirklich nicht. Aber Gary hatte recht.“
Inzwischen hat Taylor keinerlei Zweifel mehr an Littlers außergewöhnlichen Fähigkeiten. „Er ist ein Phänomen. Er ist wirklich so gut. Er ist brillant. Und wenn jemand meinen Rekord brechen kann, dann er.“
Gemeint sind selbstverständlich Taylors 16 Weltmeistertitel – eine Bestmarke, die wie kaum eine andere für seine jahrzehntelange Dominanz steht. Gleichzeitig betont „The Power“, wie gewaltig die Herausforderung wäre, diesen Rekord tatsächlich zu übertreffen. Schließlich gehe es nicht nur darum, Weltmeisterschaften zu gewinnen, sondern über viele Jahre hinweg motiviert zu bleiben, sich immer wieder für die WM zu qualifizieren und dauerhaft zur absoluten Weltspitze zu gehören.
„Selbst wenn er 16-mal in Serie gewinnen würde, muss er sich in den nächsten vierzehn oder fünfzehn Jahren jedes Mal wieder qualifizieren. Allein das ist bereits eine Leistung. Ich selbst stand, glaube ich, über zwanzigmal bei einer WM. Es ist schon für sich genommen eine Leistung, motiviert zu bleiben und an der Spitze zu bleiben. Eigentlich musst du zu den besten Fünf gehören, um stets eine gute Auslosung zu bekommen. Es wird also eine gewaltige Leistung sein, wenn er diese 16 übertrifft.“

Taylor gibt der neuen Generation einen wichtigen Rat

Wenn Taylor Littler und anderen jungen Spielern einen Rat für ihre Karriere mit auf den Weg geben könnte, würde dieser überraschenderweise zunächst die eigenen Finanzen betreffen. „Nehmt zwei Bankkonten“, rät der 16-fache Weltmeister. „Sorgt dafür, dass ihr fünfzig Prozent auf das eine und fünfzig Prozent auf das andere für die Steuern legt. Steuern sind wichtig. Wenn ihr sie nicht bezahlt, erzeugt das nur Druck, den ihr gar nicht braucht.“
Darüber hinaus hat Taylor während seiner eigenen Karriere gelernt, dass ein Spitzensportler gelegentlich auch Nein sagen können muss. „Sobald du berühmt wirst, musst du lernen, Nein zu sagen. Du musst manchmal ein bisschen egoistisch sein. Du brauchst Ruhe und musst genug schlafen, denn wenn du müde bist, performst du nicht gut.“
Taylor selbst wurde während seiner Karriere immer wieder mit genau diesem Problem konfrontiert. „Manchmal musst du Leute enttäuschen und sagen: ‚Sorry, aber nein, ich muss mich hierauf vorbereiten.‘ Ich war in meiner Karriere jemand, der überall Ja sagte. Ich habe alles für jeden gemacht. Aber am Ende macht dich das einfach müde. Du musst also gut auswählen, was du tust. Und das macht Luke jetzt.“
Obwohl Taylor zum Zeitpunkt seines Abschieds noch immer zur Weltspitze gehörte, fiel ihm die Entscheidung, seine Karriere zu beenden, überraschend leicht. Seine letzte Saison empfand er vielmehr als einen langen Countdown bis zu jenem Moment, an dem er endgültig einen Schlussstrich ziehen konnte.
„Es war überhaupt nicht schwer. Es bahnte sich schon eine Weile an. Wenn ich einmal eine Entscheidung treffe, dann ist es erledigt. Dieses letzte Jahr dauerte dagegen unglaublich lange. Es war, als würdest du als Kind auf den Urlaub warten: Wie viele Monate noch? Drei Monate? Ich fand es wunderbar, am Ende sagen zu können: Genug ist genug.“
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