„Mit meinem Niveau gehöre ich jedes Jahr ins Premier-League-Finale“ – Michael van Gerwen über Formkrise, neue Prioritäten und seinen großen Neustart 2026
PDCMichael van Gerwen beginnt 2026 ein für ihn ungewohntes Kapitel in seiner imposanten Darts-Karriere. Nicht, weil er der Premier League Darts den Rücken kehrt – im Gegenteil –, sondern weil er offen einräumt, dass das prestigeträchtige Turnier in diesem Jahr nicht ganz oben auf seiner Prioritätenliste steht. Der 36-jährige Niederländer will in erster Linie zurück auf sein absolutes Topniveau, um wieder dauerhaft mit den allerbesten Spielern der Welt mitzuhalten.
Für einen Spieler, der die Premier League Darts häufiger gewonnen hat als jeder andere, ist das eine bemerkenswerte Aussage. Van Gerwen gewann mehr als die Hälfte der Ausgaben, an denen er teilgenommen hat, und verpasste in seiner gesamten Laufbahn nur zweimal die Play-offs. Zudem ist er in diesem Wettbewerb noch nie drei Jahre in Folge ohne Trophäe geblieben. Nach einem enttäuschenden Jahr 2025 steht der Druck 2026 also entsprechend hoch.
Neue Reize im vertrauten Format
Von Panik ist dennoch keine Spur. Bei seiner Pressekonferenz vor dem Eröffnungsabend in Newcastle am heutigen Donnerstag vermittelte van Gerwen vor allem Realismus – und eine auffällige Portion Selbstreflexion.
Die Premier League Darts ist für van Gerwen längst keine Entdeckungsreise mehr. Woche für Woche auf der größten Bühne, in vollen Arenen, gegen dieselbe Elitegruppe spielen: Er hat all das schon erlebt. Das heißt aber nicht, dass ihm der Wettbewerb gleichgültig ist.
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„Ja und nein“, antwortete er im Rahmen der Pressekonferenz, als er gefragt wurde, ob das Kribbeln noch so stark sei wie früher. „Natürlich finde ich es großartig, Woche für Woche auf der großen Bühne abzuliefern. Aber ich habe alles schon erlebt – es ist nichts Neues mehr für mich.“
Was ihn jedoch kitzelt, ist die Zusammensetzung des Teilnehmerfeldes. „Jetzt spielen wir wieder mit ein paar neuen Spielern, und das triggert mich schon“, erklärte er. „Das Verpassen der Play-offs im letzten Jahr macht auch etwas mit dir. Das bleibt hängen.“
Wieder etwas zu beweisen
Dass van Gerwen etwas gutzumachen hat, bestreitet er selbst nicht. Die vergangenen anderthalb Jahre waren wechselhaft. Nicht nur in der Premier League Darts, sondern auch auf anderen großen Bühnen konnte er seine frühere, kompromisslose Dominanz nicht durchgängig zeigen. Für Fans und Konkurrenten war das Anlass zur Frage: Ist „Mighty Mike“ noch der unangefochtene Weltklassemann von einst?
„Ja, das ist schnell gesagt, ne“, reagierte er auf die Anspielung, er sei bereit, Kritiker zum Schweigen zu bringen. „Die Premier League Darts vom letzten Jahr war wirklich eine Achterbahn, besonders gegen Ende.“
Dabei ging es um mehr als nur Form. „Ich hatte zuhause ein paar Probleme, und ehrlich gesagt hat das nicht wirklich geholfen“, gab er offen zu. „Das nimmst du mit. Aber dieses Jahr packen wir es an und gehen wieder voll drauf.“
Die Messlatte liegt bei Littler und Humphries
Wer im Jahr 2026 die Messlatte im modernen Darts setzt, ist kein Geheimnis. Luke Littler und Luke Humphries haben sich vom Rest des Feldes abgesetzt und wirken vorerst wie eine Klasse für sich. Van Gerwen erkennt das ohne Umschweife an.
„Du musst liefern“, sagte er. „Ich bin noch nicht da – ich kann es noch nicht vollständig überblicken. Sie machen es wirklich fantastisch, aber ich muss darauf eine Antwort geben.“
Gleichzeitig warnt er vor unrealistischen Erwartungen. „Das wirst du nicht in einem Monat, zwei Monaten oder drei Monaten schaffen. Es braucht Zeit. Wie ich immer sage: Darts ist kein Sprint, es ist ein Marathon. Wir werden sehen, was dieses Jahr passiert.“
Inkonstanz als roter Faden
Diese Marathon-Metapher passt zum zentralen Thema in van Gerwens jüngerer Karriere: Inkonstanz. Seine Saison 2026 begann vielversprechend mit zwei aufeinanderfolgenden Finals auf der World Series of Darts, wurde jedoch abrupt von einer schmerzhaften Niederlage gegen Damon Heta in seinem Auftaktmatch beim Winmau World Masters unterbrochen.
„Das ist eigentlich meine Geschichte der letzten ein bis zwei Jahre“, räumte er ein. „Du musst dafür sorgen, dass du immer konstant bist. Und das ist nicht immer einfach – aber so ist es nun mal.“
Manchmal wirkt das Problem fast schwer greifbar. „Dann spiele ich großartig, das Scoring läuft fantastisch, und ich verfehle drei, sechs oder neun Darts auf die Doppel. Im nächsten Match ist mein Scoring plötzlich mäßig, aber ich checke alles mit dem ersten Dart. Dann denkst du: Was ist hier los?“
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Kein Urteil zur Auswahl der Premier League Darts
Wie jedes Jahr sorgte auch das Teilnehmerfeld der Premier League Darts für Diskussionen. Der auffälligste Name ist Stephen Bunting, der trotz einer Formdelle in der zweiten Hälfte von 2025 nominiert wurde – zulasten unter anderem von James Wade, Danny Noppert und Nathan Aspinall.
Van Gerwen weigert sich, dazu Stellung zu beziehen. „Jeder hat dazu seine Meinung“, sagte er. „Aber es ist nicht an mir, zu urteilen, verstehst du, was ich meine?“
Mit einem Lächeln fügte er hinzu: „Ich bin ausgewählt worden – oder ich war ohnehin gesetzt. Für mich ist es nicht wirklich wichtig, wer sonst noch dabei ist. Sie hätten genauso gut die Nummer 126 der Weltrangliste nehmen können.“
‚Bester Spieler aller Zeiten‘? Noch nicht
Nach dem Masters-Finale sorgte Luke Humphries für Aufsehen, indem er erklärte, dass Luke Littler schon jetzt der beste Spieler aller Zeiten sei. Van Gerwen dämpfte diese Euphorie. „Vielleicht hat er das in der Emotion des Moments gesagt“, stellte er fest. „Natürlich ist Luke Littler ohne jeden Zweifel ein fantastischer Spieler und einer der besten, die ich je gesehen habe.“
Doch er fügte sofort eine Einschränkung hinzu. „Zu sagen, dass er der beste Spieler aller Zeiten ist… Wenn er das noch zehn oder fünfzehn Jahre so durchziehen kann, dann sage ich: ja, er hat recht. Aber zuerst muss er es zeigen.“
Der Kern von van Gerwens Botschaft wurde erst richtig deutlich, als er über seine Prioritäten sprach. Zum ersten Mal seit Jahren steht für ihn die Premier League Darts nicht an erster Stelle.
„Für mich sind Ranglistenturniere dieses Jahr wichtiger als die Premier League Darts“, sagte er entschlossen. „Ich habe immer gesagt, dass die Premier League Darts nach der WM das größte Turnier ist — und das finde ich immer noch. Aber persönlich sind Ranglistenturniere dieses Jahr wichtiger für mich.“
Der Grund liegt auf der Hand: Van Gerwen will in der Weltrangliste wieder Boden gutmachen. „Wenn ich wieder näher an diese Top drei heran will, muss ich meinen Fokus dorthin legen.“
Kritik am Format
Auch mit dem aktuellen Premier-League-Format geht van Gerwen hart ins Gericht. „Ich mag das derzeitige Format wirklich nicht“, gab er zu. „Ich habe immer das alte Format bevorzugt.“
Dennoch denkt er konstruktiv mit. „Man könnte auch etwas mit Eliminierungen machen oder in den ersten Wochen ein Format spielen und danach zurückschalten. Es gibt genug Optionen, aber das liegt nicht an mir, oder?“
Dass er in jedem Format bestehen kann, hat er bereits bewiesen. Van Gerwen gewann die ersten beiden Ausgaben im Turnier-System. „Mit meinen Fähigkeiten gehöre ich eigentlich jedes Jahr ins Finale“, sagte er selbstbewusst. „Aber manchmal lässt du dich fallen. Das habe ich einmal während COVID getan und letztes Jahr wieder.“
Balance zwischen Darts und Familie
Ein wichtiger Faktor auf der Suche nach Konstanz ist seine private Situation. Van Gerwen ist Vater von zwei kleinen Kindern, und das verändert alles. „Wenn ich jetzt zu Hause bin, habe ich auch Kinder“, sagte er. „Die Balance ist einfach eine andere. Früher konnte ich trainieren, wann ich wollte. Jetzt habe ich einen anderen Zeitplan und muss darum herum arbeiten.“
Er sieht das nicht als Ausrede, sondern als Realität. „Wenn ich diese richtige Balance finden kann, fügt sich alles.“
Trotz aller Ambitionen, Analysen und Ziele schloss van Gerwen mit einer überraschend einfachen Erkenntnis. „Das ist mein Plan“, sagte er. „Genießen. Manchmal passieren Dinge, die du nicht kontrollieren kannst. Ich bin in einer völlig neuen Situation, aber für mich ist das Genießen am wichtigsten.“
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Nic GayerRedakteur
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Heute berichtet er für Dartsnews.de über den professionellen Dartsport und ordnet das aktuelle Geschehen ein – von großen Turnieren bis zu Entwicklungen abseits der Bühne.
Regelmäßig ist er bei Events vor Ort und begleitet rund 20 Turniere pro Jahr, wo er Interviews führt, unter anderem mit Luke Littler, Luke Humphries, Michael van Gerwen, Gerwyn Price sowie Martin Schindler, Gian van Veen und Josh Rock.
Zudem ist er eine der prägenden Stimmen im englischsprachigen Dartsnews Podcast und Co-Host des Sport-Podcasts Overtime Takes.
Nic arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus.
In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.
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Aktuelle Kommentare
- Keiner der Spieler darf sich über Pfiffe oder nicht vorhandenen Respekt beschweren. Ich war Donnerstag, Freitag, Samstagabend und Sonntagnachmittag vor Ort. Es war immer ein sehr faires Publikum. Und wenn Littler und seine Mutter jetzt auch noch respektvoll mit anderen Spielern umgehen, sollte den Aussagen von Littler nichts im Wege stehen.
Grobi25-10-2026 - Sorry, Mensur, zu spät. Wer solche Aussagen in tiefer Emotionalität äußert, der meint diese ernst. Denn das rationale Denken funktioniert in solchen (positiven) Stressmomenten seltens. Und wenn die Wahrnehmung so eingeschränkt ist, dass ich als Profispieler nicht mitbekomme, dass mein Gegner Matchdarts hat, dann stimmt in der Wahrnehmung etwas nicht. Also sorry, Mensur. Entschuldigung nicht angenommen, zumindest von mir. Und was vom Inhalt seines Statement ist mit KI geschrieben? Steht ganz oben. NI wäre hier angebracht gewesen.
Grobi12-10-2026 - Weiß man ob es die rechte oder linke Hand ist? In jedem Fall extrem bitter….Robertuil09-10-2026
- Ricke Evans ist Stand jetzt für die WM qualifiziert. Quelle: Dartsrankings In der ProTour Rangliste werden die Personen rausgerechnet, die bereits qualifiziert sind. Das hat der Autor hier nicht berücksichtigt.FabianD24-09-2026
- Aspinall lag 1:3 hinten , nicht 1:4 🎯Pool1809419-09-2026
- Was ein toller Mensch er doch gewesen ist. Der deutsche Dartsport wäre ohne ihn lange nicht da, wo er heute wäre. Super Artikel 👍ArturBoruc24-08-2026
- Und wer ist jetzt für Amsterdam qualifiziert?Julian1122-08-2026
- Er hat keinen Bock auf Deutschland und findet es hier schrecklich, weil er (zwei-)mal bei einem oder zwei Turnieren von einigen "Dartfans" ausgepfiffen wurde. Das mochte er nicht und deswegen bleibt es Deutschland fern. Ausnahme war der World Cup, da siegte sein Patriotismus und der Ehrgeiz, einmal alles gewonnen zu haben. Er hat es auch mal selbst so geschrieben bzw gesagt, dass er Deutschland (gemeint sind wahrscheinlich Turniere in Deutschland) schrecklich findet.
Grobi18-08-2026 - Danke für den ausführlichen Bericht über Jamie. Generell finde ich es klasse das du dich "fast vergessenen Spielern" annimmst. Wäre grundsätzlich bei Dartnews ein interessantes Dauerthema.XJRLion18-08-2026
- „Littler findet Deutschland einfach ein schreckliches Land“Reißerische Überschrift, aber Gründe lieferst du leider keine. Klar kann man verstehen das einige Topspieler, wie kürzlich Gary Anderson, sagten das er "keinen Bock darauf habe" mehrere Std. am Flughafen zu stehen bis es aufgrund aller Kontrollen weitergeht. Doch erklär uns, gerade aufgrund deiner Überschrift, bitte warum Luke scheinbar grundsätzlich keinen Bock auf Deutschland hat.XJRLion18-08-2026







