Wenn die
European-Tour-Saison am kommenden Wochenende mit den
Poland Darts Open ins Jahr 2026 startet, nimmt der Kampf um Ranglistengeld und den ersten Titel des Jahres Fahrt auf. Die Weltspitze reist in Bestform an, die Favoritenliste ist lang. Doch bei aller sportlichen Spannung ist eines gewiss: Ein Mann wird vom ersten Walk-on bis zur Siegerehrung im Krakauer Scheinwerferlicht stehen – Philip Brzezinski, Head of Sports & Show und Master of Ceremonies der
PDC Europe.
Dieses
Porträt zeichnet den Weg eines Mannes, der längst mehr ist als die Stimme der Walk-ons: von den ersten Darts im niedersächsischen Dorf bis auf die großen Bühnen der
European Tour. Es erzählt von einer einst vielversprechenden Spielerkarriere, vom ersten Einsatz am Mikrofon, zittrigen Händen beim Bühnen-Debüt – und vom Alltag hinter den Kulissen der PDC.
Brzezinski: das Torwart-Talent
Philip Brzezinski wurde am 21. Januar 1994 im niedersächsischen Rinteln geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte der heute 32-Jährige bis zum 18. Lebensjahr in den benachbarten Dörfern Exten und Strücken. „Dort bin ich sehr behütet auf dem niedersächsischen Land groß geworden. Manche würden es ereignisarm nennen, aber das ist, glaube ich, gar nicht so schlecht“, sagt Brzezinski – und erzählt von einer Kindheit, die sich zu großen Teilen auf dem Fußballplatz abspielte.
Heute im Fokus der TV-Kameras, früher zwischen den Torpfosten: Philip Brzezinski startete seine sportliche Laufbahn als talentierter Nachwuchstorhüter
Als Sohn eines ehemaligen Zweitliga-Torhüters in der DDR war sein Weg in den Sport beinahe vorgezeichnet. „Ich war selbst Torwart und auch ganz gut unterwegs, habe sogar in der Niedersachsen-Auswahl gespielt. Dann habe ich mich allerdings an der Schulter verletzt – was als Keeper eine ziemlich blöde Idee ist“, blickt Brzezinski zurück.
80er-Average? So gut war Brzezinski am Board
Mit 16 Jahren endete Brzezinskis Fußballlaufbahn – zu hartnäckig waren die Verletzungsprobleme. Der Abschied vom Wettkampfsport kam jedoch nicht infrage. Somit begann die Suche nach einer neuen Bühne für den Nervenkitzel. Fündig wurde er vor dem Fernseher: Das Halbfinale der
Darts WM 2006 zwischen Wayne Mardle und Phil Taylor wurde zum Schlüsselmoment. „Seitdem war ich hooked – und großer Phil-Taylor-Fan.“
Wenig später schloss sich Brzezinski dem regional etablierten DC Piano Players Rinteln an, stand aber nicht nur für seinen Heimatverein, sondern auch im Jugendbereich des niedersächsischen und deutschen Dartverbands am Oche.
Im Alter von 18 Jahren begann für Brzezinski schließlich ein neuer Lebensabschnitt: Gemeinsam mit seiner Mutter zog er in die Schweiz, wo sein Vater berufsbedingt bereits lebte. Dem Dart blieb er treu, schloss sich dem DC Bern an – und krönte seine Zeit dort sogar mit dem Gewinn der Schweizer Meisterschaft.
Bleibt die Frage: Wie gut war der heutige Master of Ceremonies eigentlich selbst am Board? „An guten Tagen bin ich schon an die 80 im Average herangekommen“, sagt Brzezinski. „Gerade beim NDV hat man sich damals einiges von mir erhofft, weil ich wirklich gut angefangen habe.“ Es gab nur ein Problem: die mentale Komponente. „Für Dart bin ich im Kopf nicht stark genug. Als Torwart konntest du, wenn etwas nicht lief, mit Biss und Willen immer noch Einfluss nehmen – beim Dart ist das eine Katastrophe. Man verkrampft nur, und das macht es definitiv nicht besser.“
Ganz losgelassen hat ihn das Tungsten-Fieber bis heute nicht. „Hier bei uns im Büro hängt eine Scheibe – da zieht es einen unweigerlich zwei-, dreimal am Tag hin, um ein paar Darts zu werfen. Es ist immer schön, mit den Kollegen zwischendurch ein, zwei Legs zu spielen, um den Kopf ein wenig freizubekommen“, erzählt Brzezinski.
Das Glück genutzt
Nachdem seine eigene Dart-Karriere mit dem Gewinn der Schweizer Meisterschaft gewissermaßen ihre Kür erlebt hatte, rückte die berufliche Zukunft für Brzezinski stärker in den Fokus. Nach drei Semestern Lehramt in Freiburg entschied sich der Niedersachse für eine Neuausrichtung und begann in Fribourg in der Schweiz Medien- und Kommunikationswissenschaften mit dem Nebenfach Germanistik zu studieren. „Ich habe früh versucht, viel praktische Erfahrung zu sammeln und bin direkt im ersten Semester beim Uni-Radio eingestiegen“, erzählt er. Später kommentierte er Fußball für den Schweizer Sender Radio Blind Power – als Audiodeskription für sehbehinderte Menschen.
Zum Jahreswechsel 2017/18 folgte schließlich sein mediales Darts-Debüt. Der Schweizer Fernsehsender TV24 hatte sich die Rechte an den letzten vier Tagen der WM 2018 gesichert – Phil Taylors berühmter Abschied von der Darts-Bühne – und fragte Brzezinski an, ob er in der Kommentatorenkabine mitwirken wolle. „Ich war eigentlich als Experte vorgesehen“, blickt er zurück. „Aber ich habe schnell gemerkt, dass der Kommentator nicht wirklich drin war in der Materie.“ Nach dem ersten Satz fiel die Entscheidung: „Ich habe gesagt, ich schaue mir das noch einen Durchgang an – und wenn er nicht reinkommt, kommentiere ich.“
Seine Eigeninitiative zahlte sich aus. Beim World Cup 2018 lernte Brzezinski erstmals Werner von Moltke kennen, Geschäftsführer der PDC Europe. „Werner hat mich wortwörtlich gefragt, ob ich Lust hätte, künftig auch mal für die PDC Europe ‚zu quatschen‘“, erinnert sich Brzezinski. Wenig später folgten die ersten Einsätze auf der großen Bühne – zunächst vor allem im Warm-up für den damaligen MC Elmar Paulke. Eine bewegte Laufbahn, die Brzezinski selbst treffend zusammenfasst: „Man braucht immer Glück für die Chance – aber nutzen muss man sie schon selbst.“
Das Debüt als Master of Ceremonies
Seinen ersten Einsatz als Master of Ceremonies erlebte Brzezinski im Finale der BILD Super League 2018, als sich Robert Marijanovic im Maritim Hotel Düsseldorf sein Ticket für die Darts WM 2019 sicherte. Im Laufe des Jahres 2019 sammelte Brzezinski bei weiteren Events der PDC Europe erste MC-Erfahrungen, stand in Leverkusen und Kopenhagen auf der European-Tour-Bühne, ehe er Ende des Jahres nach München zog und mit seinem ersten Arbeitstag am 1. November 2019 offiziell sein Kapitel bei der PDC Europe aufschlug.
Seit seinem European-Tour-Debüt 2018 mittendrin statt nur dabei: Philip Brzezinski war Teil zahlreicher legendärer Momente – nicht zuletzt der spektakulären Walk-ons von Damon Heta
Dieses Kapitel wollte Brzezinski von Beginn an mit größter Sorgfalt schreiben. Damals waren die Unterschiede in Produktion und Walk-ons zwischen der European Tour und den Major-Turnieren bei ITV und Sky Sports noch deutlich sichtbar. „Ich war am Anfang bestimmt etwas forsch, aber mir war wichtig zu sagen: Wenn wir das machen, dann machen wir es richtig“, so Brzezinski. Der Master of Ceremonies legte früh großen Wert auf Timing, sauber geschnittene Songs und regelmäßige Proben. „Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn ich an einem European-Tour-Tag in die Halle komme, proben wir alle Walk-ons der bevorstehenden Session – vor jeder Session.“
So sieht ein klassischer Arbeitstag auf der European Tour aus
Bevor die Walk-ons geprobt werden, legt Brzezinski Wert auf einen gesunden Start in den Tag. „Wenn es meine Disziplin und mein Schlafrhythmus zulassen, beginnt mein Morgen mit etwas Sport – entweder im Hotel-Fitnessraum oder bei den Majors mit unserem 8 AM Club. Dann gehen wir mit Charlie Corstorphine, Dave Allen und Co. um acht Uhr laufen – auch wenn ich mir manchmal wünsche, es wäre der 8:15 AM Club“, schmunzelt Brzezinski.
Nach dem Anschwitzen beginnt in der Halle der Ernst des European-Tour-Alltags. Um 10:30 Uhr steht das Produktionsmeeting an, bei dem alle Gewerke zusammenkommen – vom Produktionschef bis zum Catering. Anschließend geht Brzezinski noch einmal seine Moderationskarten durch, ehe gegen 11 Uhr die Walk-on-Proben starten. Um 12:45 folgt die Begrüßung der Fans samt Warm-up, bevor pünktlich um 13 Uhr die Nachmittagssession beginnt.
Warum Philip Brzezinski so gut Englisch spricht
- Aufgewachsen in Rinteln – einer Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur britischen Besatzungszone gehörte
- Präsenz britischer Soldaten und ihrer Familien prägte das Stadtbild – inklusive englischer Schule und Krankenhaus
- Erste Berührungspunkte mit der englischen Sprache beim gemeinsamen Fußballspielen mit britischen Gleichaltrigen
- Frühe Leidenschaft für die Sprache: Filme und DVDs konsequent auf Englisch geschaut
- Mischung aus glücklichem Umstand und persönlicher Begeisterung – heute ein klarer Vorteil in seinem internationalen Arbeitsumfeld
Direkt nach Sessionende widmen sich Brzezinski und seine Audio-Crew bereits den Walk-ons der Abendsession. Danach bleibt kurz Zeit für eine Stärkung, ehe um 18:45 der nächste Durchgang mit Fan-Begrüßung und Bühnenroutine startet. Feierabend bedeutet für den Master of Ceremonies meist Netflix, eine Runde an der Switch oder ein Buch auf dem Hotelzimmer. „Ich achte aber auch darauf, dass es mindestens einen Abend gibt, an dem man mit dem Team zusammensitzt, über alles Mögliche redet und gemeinsam einen Gin Tonic trinkt. Wir sind so viel unterwegs und sehen die Kollegen oft häufiger als die Familie – daher halte ich das für extrem wichtig.“
Brzezinski Behind The Scenes: Wie ein Schweizer Uhrwerk
Wer als Medienvertreter PDC-Events vor Ort begleiten und einen Blick hinter die Kulissen werfen darf, erkennt schnell, wie präzise die Abläufe ineinandergreifen – auch im Arbeitsrhythmus von Brzezinski. Während der Sessions sitzt der 32-Jährige mit den Medienkollegen im Presseraum, fachsimpelt über Fußball und Darts. Auf dem Laptop läuft die Bundesliga-Partie seines Herzensklubs Bayer 04 Leverkusen oder die NFL-Übertragung der New York Jets. Ein letzter Blick auf den Spielstand, ein geschmeidiges Überwerfen des Sakkos, der Griff zu den Moderationskarten – und schon geht es hinaus auf die Bühne. Vor Tausende Zuschauer in der Halle. Und vor Millionen vor den TV-Bildschirmen.
Beobachtet man, wie Brzezinski diesen Wechsel zwischen Presseraum und Millionenpublikum im Halbstundentakt absolviert, fast so beiläufig wie den Gang zum Kopierer, drängt sich unweigerlich die Frage auf: angeborene Coolness oder trainierte Routine? „Ich kann mich noch gut an mein erstes Warm-up bei einem European-Tour-Turnier in Hamburg 2018 erinnern. Ich war wahnsinnig nervös“, erzählt er. „Ich hatte mir Moderationskarten mit Infos zu den bevorstehenden Spielen vorbereitet. Nach 20 Sekunden habe ich gemerkt: Ich kann da gar nicht draufschauen – ich habe viel zu sehr gezittert. Also dachte ich mir: Hand runter, Freiflug. Die Blöße, mit meinen Zetteln herumzuwedeln, gebe ich mir nicht“, lacht Brzezinski.
The People’s MC
Die Souveränität, Leidenschaft und Sicherheit, mit der Brzezinski seine MC-Rolle seit Jahren ausfüllt, bleibt auch den Fans nicht verborgen. Autogramme und gemeinsame Fotos gehören längst zum festen Ritual der Events. Selbst fernab der Darts-Bühne wird er inzwischen erkannt – am Buffet im Türkei-Urlaub ebenso wie in der BayArena.
Wie groß dieser Rückhalt ist, zeigte sich besonders gegen Ende des vergangenen Jahres. Mitte Oktober kündigte MC-Legende John McDonald an, seine PDC-Karriere nach 19 Jahren mit dem Ende der Darts WM 2026 zu beenden. Kaum war die Nachricht öffentlich, begannen in sozialen Netzwerken und Kommentarspalten die Spekulationen über einen möglichen Nachfolger. Und kein Name fiel dabei häufiger als der von Philip Brzezinski.
Inzwischen ist mit dem Engländer Lewis Jones McDonalds Nachfolger gefunden.
Vor kurzem hatte Brzezinski im Gespräch mit der polnischen Darts-Plattform Łączy Nas Dart offen eingeräumt, dass ihm MC-Einsätze bei Major-Turnieren außerhalb Deutschlands vonseiten der PDC schlicht nie angeboten worden seien. Während sich andere Protagonisten des Sports mit ähnlichen Aussagen zuletzt die Finger verbrannten, darf Brzezinski angesichts der überwältigenden Reaktionen aus der Community wohl guten Gewissens sagen: Wenn es im Dartsport einen „People’s MC“ gibt – dann ist er es.
„The People’s MC“? Die Reaktionen aus der Darts-Community liefern starke Argumente für Philip Brzezinski
So tickt Brzezinski privat
Auch wenn Brzezinski in der Öffentlichkeit vor allem als Master of Ceremonies wahrgenommen wird, reicht sein Aufgabenprofil weit darüber hinaus. Als Head of Sports der PDC Europe verantwortet der 32-Jährige die Planung und Durchführung sämtlicher Floor-Events auf dem europäischen Festland – von Players-Championship- über Challenge-Tour-, Development-Tour- und Women’s-Series-Events bis hin zu diversen Qualifikationsturnieren für die European Tour. Seit er den Posten vor zweieinhalb Jahren übernommen hat, trieb Brzezinski unter anderem den Ausbau des europäischen Schreiber-Pools voran, der inzwischen auf rund 180 überwiegend nebenberufliche Schreiberinnen und Schreiber angewachsen ist. Zusätzlich fungiert er als Head of Show und zeichnet für sämtliche Bühneninhalte auf der European Tour, bei Exhibition-Turnieren und Galas verantwortlich.
Bei diesem Verantwortungsradius – und einem stetig wachsenden PDC-Kalender – kann Freizeit schnell zum Fremdwort werden. Und selbst wenn Brzezinski ein paar freie Stunden erwischt, dreht sich meist alles um Sport. „Ich bin generell ein ziemlich sportbekloppter Typ. Gleichzeitig kann ich mich nicht neutral für eine Sportart interessieren – ich muss irgendwie leiden“, lacht er. Entsprechend ist nahezu jeder Wochentag einem Team gewidmet: im Fußball seit Kindheitstagen Bayer 04 Leverkusen und Leeds United, später kam American Football hinzu. „Und wenn man nicht schon genug Stress im Leben hat, wird man halt Fan der New York Jets“, erzählt Brzezinski – eine Liebe, ausgelöst durch Doug Heffernan, der Hauptfigur der Sitcom King of Queens.
Die European Tour steht vor der Tür
In zwei Tagen rückt die Freizeit jedoch vorerst wieder in den Hintergrund. Mit den Poland Darts Open 2026 beginnt am Freitagnachmittag die neue European-Tour-Saison – und für Brzezinski eine vollgepackte erste Jahreshälfte, in der er wieder regelmäßig am Mikrofon stehen und vor den Kameras präsent sein wird. Der Zeremonienmeister blickt voller Vorfreude auf seinen ganz persönlichen Saisonstart: „So gut es tut, die Batterien aufzuladen – am Ende sagt jeder im Team das Gleiche: Schön, dass es wieder losgeht.“