Durch die Augen von
Tom Sykes wirkt es mitunter noch etwas unwirklich. In den vergangenen Tagen stand sein Telefon nicht still, Nachrichten und Glückwünsche prasselten herein und die Realität sickerte langsam durch: Er ist nun offiziell
PDC Tour Card-Inhaber. Nach Jahren harter Arbeit, Zweifel, Umwege und Beinahe-Momenten hat der Engländer endlich seinen heiß ersehnten Platz auf der
Pro Tour erobert. Die
Q-School 2026 wurde für Sykes zum endgültigen Wendepunkt seiner Dartslaufbahn.
„Es war ein bisschen ein Irrenhaus“,
erzählt Sykes nüchtern. „Viele Nachrichten, viele Anrufe. Das muss alles erst einmal sacken.“ Verständlich, denn die
Q-School ist für sich genommen schon eine zermürbende Prüfung. Kommt der Erfolg dazu, ist die Nachwirkung mindestens genauso intensiv. Dennoch blickt Sykes mit einem guten Gefühl auf das Turnier zurück, das seiner Karriere neues Leben eingehaucht hat.
Überleben in Milton Keynes
Die
Q-School in Milton Keynes gilt als eines der härtesten Qualifikationsturniere der Dartswelt. Hunderte Spieler, darunter zahllose (ehemalige) Tour Card-Inhaber und etablierte Namen, kämpfen tagelang um eine Handvoll PDC Tour Cards. „Jeder in diesem Saal will exakt dasselbe“, sagt Sykes. „Und am Ende gibt es nur zwölf oder dreizehn Plätze. Die Qualität, gerade im Vereinigten Königreich, ist absurd hoch.“
Tom Sykes hat sich bei der Q-School erstmals eine Tour Card erspielt
Für Sykes verlief die Woche wechselhaft. Die Tage vor seiner Qualifikation waren alles andere als überzeugend. „Ich habe eigentlich nicht so gut gespielt“, gibt er zu. „Aber in der ersten Phase lief es dafür richtig rund und dadurch hatte ich ein paar Tage Pause. Das hat mir am Ende enorm geholfen, denn es ist eine lange Woche, wenn man jeden Tag spielen muss.“
An dem Tag, an dem es passieren musste, fiel alles an seinen Platz. Sykes bewahrte einen kühlen Kopf, überstand den Abnutzungskampf und sicherte sich eine PDC Tour Card. Umso süßer, weil es ein Jahr zuvor noch schmerzhaft schiefgegangen war.
Antrieb aus Enttäuschung
Die
Q-School 2025 endete für Sykes mit einem Tief. Er verpasste eine PDC Tour Card um lediglich vier Legs. „Das war schwer zu verdauen“, erkennt er an. „Aber rückblickend hat es mir auch viel gebracht.“ Dank seiner Position auf der
Challenge Tour durfte er in diesem Jahr regelmäßig auf der
Pro Tour einspringen. Zudem sammelte er viel Matchpraxis bei den MODUS Super Series. „Diese zusätzliche Ausstrahlung und das Spielrhythmus waren entscheidend“, sagt Sykes. „Ich habe gegen bessere Spieler gespielt, stand öfter unter Druck und gelernt, was auf diesem Niveau nötig ist.“ Die Enttäuschung vom Vorjahr wurde so in Motivation – und letztlich in Erfolg – umgewandelt.
Obwohl es für Außenstehende wirkt, als sei Sykes in den vergangenen zwei Jahren plötzlich durchgebrochen, korrigiert er dieses Bild gerne. „Ich spiele seit rund fünfzehn Jahren Darts“, erklärt er. „Es war alles andere als ein schneller Aufstieg.“ Mit achtzehn begann er zu werfen, vor allem zu Hause in der Küche mit seinem Vater, der in der lokalen Liga aktiv war.
Darts war lange Zeit nebensächlich, denn Sykes war auch ein passabler Fußballer. Er spielte in verschiedenen Akademien und hatte ernsthafte Ambitionen. „In dieser Phase entschied ich mich öfter für Fußball als für Darts“, erzählt er. „Ich spielte zwar weiterhin in lokalen Ligen, hörte aber mit Turnieren am Wochenende auf.“
Es folgte eine Phase, in der die Liebe zum Darts auf Sparflamme stand. Nicht, weil das Niveau fehlte, sondern weil der Fokus woanders lag. Erst vor einigen Jahren fand Sykes das Feuer wieder. „Ich wurde weniger fit, spielte weniger Fußball und nahm die Darts wieder ernster in die Hand. Seitdem spiele ich eigentlich jeden Tag.“
Vom soliden Amateur zum Profi-Niveau
Sykes beschreibt sich selbst stets als stabilen Spieler. „Ich war oft jemand, der 70 bis 75 im Schnitt warf, manchmal 80, gelegentlich Ausreißer Richtung 90.“ Das echte Wachstum kam mit Konstanz und Umfang. „Ich spiele jetzt jeden Tag. Da muss dein Niveau einfach steigen.“
Dennoch gilt er nicht als Trainingsfreak, der stundenlang allein aufs Board wirft. „Ich nutze Turniere eigentlich als mein Training“, erklärt er. „An Turniertagen stehe ich ständig am Practice-Board. Das passt besser zu mir.“ Zu Hause hält er seinen Arm mit kurzen, fokussierten Einheiten locker.
Alles auf Darts gesetzt
Eine der meistdiskutierten Entscheidungen seiner Karriere war die Kündigung seines Jobs im vergangenen Mai. Für Sykes fühlte es sich jedoch wie ein logischer Schritt an. „Ich war kaum noch bei der Arbeit“, sagt er offen. „Ich bekam ständig Last-Minute-Anrufe für Pro Tours, musste plötzlich nach Deutschland oder Leicester. Mein Arbeitgeber war fantastisch und gab mir alle Freiheiten, aber am Ende war ich kein Mehrwert mehr.“
Manchmal stand er montags im Büro mit der Warnung, dass er jederzeit angerufen werden könnte. „In einem Monat war ich, glaube ich, vier Tage in vier Wochen bei der Arbeit“, lacht er. Die Entscheidung, voll auf Darts zu setzen, war daher schnell getroffen.
Natürlich ist das ein Risiko. Ohne festes Einkommen ist das Profigeschäft unsicher, besonders in schwächeren Monaten. Doch Sykes glaubt an sein Niveau und fühlt sich unterstützt. „Ich habe gute Sponsoren hinter mir. Das macht es deutlich einfacher.“
Erfahrung als Vorsprung
Während viele neue PDC Tour Card-Inhaber demnächst nervös die Pro-Tour-Hallen in Leicester betreten, hat Sykes einen kleinen Vorsprung. Dank seiner Einsätze als Nachrücker kennt er die Umgebung, die Spieler und den Druck. „Das erste Mal ist heftig“, erinnert er sich. „Du spielst plötzlich in derselben Halle wie Jungs, die du sonst im TV siehst. Und wenn du gegen sie gelost wirst, stehen sie hinter dir und schauen zu.“
Diese Phase hat er inzwischen hinter sich gelassen. „Jetzt ist es einfach ein Match“, sagt er. Das zeigte sich auch, als er im vergangenen Jahr auf dem Stream gegen Michael Smith stand – der ihn mit einem Average von 102 chancenlos ließ. „Das vergesse ich nicht so schnell“, grinst Sykes.
Träume von den großen Bühnen
Mit den explodierenden Preisgeldern in der PDC – inklusive einer Million Pfund für den Weltmeister – liegen die Träume zum Greifen nah. „Es ist irre“, sagt Sykes. „Eine Million zu verdienen mit etwas, das man so gern macht.“ Dennoch bleibt er realistisch. Sein erstes Ziel ist klar: sich auf der
Pro Tour etablieren und in Richtung Top 64 der Weltrangliste wachsen.
„Jahr eins ist immer schwierig“, weiß er. „Aber Richtung Jahresende will ich angreifen und hoffentlich meine ersten Majors erreichen.“ Seine Bühnenerfahrung – unter anderem mit Team England bei den Six Nations, die er gewann und bei denen er auch Spieler des Turniers wurde – kann dabei ausschlaggebend sein.
Für den Moment überwiegt vor allem die Vorfreude. „Ich kann es kaum erwarten, loszulegen“, schließt Sykes. Nach fünfzehn Jahren, einem Umweg über den Fußball und einem schmerzhaften Aus bei der
Q-School steht
Tom Sykes endlich dort, wo er hin will. Die PDC ist gewarnt.