„Vielleicht sollte ich heute Nacht einfach nicht schlafen, dann bin ich morgen vielleicht wieder genauso treffsicher“ – Gerwyn Price traf erst kurz vor Turnierbeginn in Kopenhagen ein

PDC
Samstag, 06 Juni 2026 um 11:00
Gerwyn Price (2)
Gerwyn Price hat sich nach einem wahren Thriller für das Viertelfinale der Nordic Darts Masters qualifiziert. Der ehemalige Weltmeister musste tief gehen, um Darius Labanauskas abzuschütteln, setzte sich am Ende jedoch nach einem hochklassigen Match durch. Trotz eines Averages deutlich über hundert Punkten blieb der Waliser bemerkenswert gelassen ob seiner Leistung.
Mehr noch: Price gab im Anschluss zu, dass er derzeit alles andere als optimal vorbereitet ans Oche tritt. „Ehrlich gesagt habe ich in diesem Match nicht viel falsch gemacht“, analysierte er. „Mein Gegner hat ebenfalls hervorragend gespielt. Letztlich denke ich, dass ich vielleicht sogar ein wenig Glück hatte, dass ich es gewonnen habe.“

Topmatch mit hohen Finishes

Das Publikum bei den Nordic Darts Masters in Kopenhagen bekam eines der besten Spiele des Abends geboten. Beide Spieler produzierten große Finishes in wichtigen Momenten und ließen einander kaum Raum für Fehler. Price agierte über die gesamte Partie hinweg auf hohem Niveau, musste aber dennoch bis zum letzten Leg um den Sieg kämpfen. „Es war einfach ein großartiges Match“, stellte der Waliser fest. „Manchmal spielst du selbst sehr gut, triffst aber jemanden, der scheinbar alles auscheckt. Das war heute auch ein Stück weit der Fall.“
Mehrfach schien die Partie zu seinen Gunsten zu kippen, woraufhin sein Gegner umgehend mit einem großen Finish antwortete. „Er warf beispielsweise ein 130-Finish genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich stand selbst auf einem Finish bereit, aber er traf weiter die wichtigen Doppel. Zum Glück tat ich das ebenfalls.“

Keine Panik bei 4:4 und 5:5

Wo viele Spieler nervös würden, wenn ein komfortabler Vorsprung schwindet, blieb Price auffallend ruhig, als das Match völlig ausgeglichen war. In der Pressekonferenz wurde er gefragt, ob er Druck verspürt habe, als sein Gegner auf 4:4 und später sogar 5:5 herankam. Seine Antwort kam ohne Zögern. „Nein, eigentlich nicht. Ich wusste, dass ich gut spielte. Das Einzige, was ich tun musste, war mein eigenes Spiel fortsetzen und auf eine Chance warten. Am Ende bekam ich sie auch.“
Diese Chance ergab sich, als sein Gegner ein 65er-Finish verpasste. Price nutzte es sofort und zog den Sieg doch noch an sich. „Ich habe selbst noch einen Dart auf Doppel 20 vergeben. Hätte er danach die 65 gecheckt, hätte ich ihm einfach gratuliert. Aber zum Glück bekam ich noch eine Möglichkeit.“
Im Fernsehen wirkte Price entspannt und kontrolliert. Doch dieses Bild entsprach nicht ganz dem, wie er sich tatsächlich auf der Bühne fühlte. „Ich habe mich überhaupt nicht wohl gefühlt“, bekannte er. „Aber ich wusste, dass ich gut spielte. Deshalb blieb ich fokussiert.“
Der frühere Rugbyspieler hat inzwischen genug Erfahrung, um zu wissen, dass starke Leistungen der Gegner ihn nicht mehr aus dem Rhythmus bringen dürfen. „Ich habe das Gefühl, dass heutzutage fast jeder gegen mich sein bestes Darts spielt. Deshalb versuche ich einfach, mein eigenes Match weiterzuspielen.“

Kaum Matchpraxis

Vielleicht die auffälligste Aussage des Abends war, dass Price in den vergangenen Monaten relativ wenig Darts gespielt hat. Während viele Konkurrenten nahezu jedes Turnier nutzen, um Rhythmus zu sammeln, musste der Waliser mehrere Events auslassen. „Wenn man sich ansieht, wie viele Darts ich in den letzten drei oder vier Monaten tatsächlich gespielt habe, bin ich mit meinem Niveau ziemlich zufrieden“, sagte er.
Price räumte ein, dass er lieber mehr Turniere gespielt hätte. „Ich hätte gern noch ein paar zusätzliche Events mitgenommen, aber aufgrund bestimmter Umstände war das schlicht nicht möglich.“
Dieser Mangel an Matchpraxis scheint seinen Leistungen vorerst jedoch nicht im Wege zu stehen. Mit einem Average von deutlich über 104 Punkten bewies er seine aktuell Formstärke eindrucksvoll.
Gerwyn Price in Aktion
Gerwyn Price trifft im Viertelfinale auf Jonny Clayton

Urlaubsmodus noch spürbar

Price reiste erst am Tag des Turniers in Dänemark an. Daher fühlte er sich eigenen Angaben zufolge noch nicht vollständig in der Wettkampfmodus zurück. „Vielleicht war ich noch ein wenig müde“, lachte er. „Ich bin erst heute angekommen.“
Seine entspannte Haltung fiel auch nach einem spektakulären 156-Finish auf. Wo viele Spieler in einem solchen Moment ausgelassen jubeln würden, reagierte Price kaum. Seiner Meinung nach lag das ausschließlich an seiner Vorbereitung. „Vielleicht sollte ich heute Nacht einfach nicht schlafen“, witzelte er. „Dann bin ich morgen vielleicht wieder genauso scharf.“

Keine World Cup of Darts

Während viele seiner Konkurrenten nächste Woche beim World Cup of Darts in Frankfurt im Einsatz sind, hat Price eine freie Woche. Dadurch kann er sich ganz auf Erholung und Training konzentrieren. „Nach diesem Wochenende habe ich eine Woche frei. Ich spiele nicht beim World Cup. Dadurch kann ich kurz abschalten und danach mehr trainieren als üblich.“
Diese zusätzlichen Trainingsstunden sieht er als wichtigen Schritt in Richtung der intensiven Sommerphase. „Ich werde in der kommenden Woche mehr üben, als ich es normalerweise tue. Danach starten die Pro Tours wieder und die nächsten großen Turniere folgen.“

Darts, eine Fischhandlung und ein Bauernhof

Neben seiner Dartskarriere hat Price in den vergangenen Jahren auch mehrere geschäftliche Projekte aufgebaut. Im Interview wurde er gefragt, wie er all diese Verpflichtungen unter einen Hut bringt. Laut dem Waliser hält sich das inzwischen in Grenzen. „Meine Schwester führt den Fish-and-Chips-Laden. Am Anfang habe ich mir darüber viele Sorgen gemacht, aber mittlerweile läuft das prima.“
Auch ein geplantes Farmprojekt liegt vorerst auf Eis. „Wir warten noch auf einige Genehmigungen. Deshalb ruht dieses Projekt derzeit.“
Das bedeutet, dass Price derzeit zwischen den Turnieren sogar mehr Freizeit hat. „Wir fahren nächste Woche wahrscheinlich für ein paar Tage weg. Das Wetter in Wales sieht nicht allzu gut aus.“

Nicht zufrieden mit Viertelfinals

Trotz seiner starken Leistungen weigert sich Price, sich mit einem Platz unter den letzten Acht eines Turniers zufriedenzugeben. Seine Ansprüche liegen weiterhin deutlich höher. „Für mich geht es nicht um Viertelfinals oder Halbfinals“, betonte er. „Ich bin hier, um Turniere zu gewinnen.“
Das gilt seiner Aussage nach für jedes Event, an dem er teilnimmt. „Ich spiele nicht, um irgendwo tief in ein Turnier zu kommen. Ich spiele, um den Pokal mit nach Hause zu nehmen.“
Mit mehr Matchpraxis erwartet er zudem, noch einen deutlichen Schritt nach vorne machen zu können. „Selbst heute, obwohl ich gut gespielt habe, habe ich das Gefühl, dass ich noch viel besser kann. Sobald ich wieder mehr Pro Tours und Europatour-Events spiele, werde ich automatisch schärfer.“

Kritisch zu seiner Premier-League-Saison

Rückblickend auf die vergangene Premier League Darts ist Price nicht vollständig zufrieden. Zwar qualifizierte er sich für die Play-offs, doch fand er sein Niveau zu wechselhaft. „Es war eine Saison mit Höhen und Tiefen. Zur Halbzeit bekam ich ein paar Ergebnisse, die zu meinen Gunsten ausfielen, und dadurch blieb ich in den Top Vier.“
In den Play-offs scheiterte er schließlich im Halbfinale. „Ich habe dort gegen Luke Humphries eine ziemlich ordentliche Partie gespielt. Vielleicht hätte ich gewinnen können, aber er lag eigentlich die ganze Zeit vorne.“
Deshalb überwiegt keine Zufriedenheit. „Alles in allem war ich mit meinen Leistungen manchmal enttäuscht. Natürlich war es gut, dass ich die Play-offs erreicht habe, aber am Ende will ich mehr.“

Ambition bleibt unverändert

Trotz seiner begrenzten Vorbereitung, eines vergleichsweise ruhigen Dartskalenders und einer Woche Urlaub bleibt Gerwyn Price ein gefährlicher Anwärter für jeden Titel.
Price spürt, dass noch deutlich mehr möglich ist. Und wenn der frühere Weltmeister in den kommenden Wochen tatsächlich mehr Trainingsstunden einlegen und wieder regelmäßig Matches spielen kann, könnte sein aktuelles Niveau durchaus ein Vorbote für eine starke zweite Saisonhälfte sein. „Mein Spiel ist eigentlich überraschend gut“, resümierte Price. „Aber ich bin mir sicher, dass ich noch besser kann.“
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