„Der Terminkalender ist extrem hart, ich muss mir Zeit für mich und meine Familie nehmen“ – Gerwyn Price musste schweren Herzens den World Cup of Darts streichen

PDC
Donnerstag, 28 Mai 2026 um 11:30
Gerwyn Price (1)
Nach sechzehn zermürbenden Wochen in der Premier League Darts ist für Gerwyn Price der Moment der Wahrheit gekommen. In der ikonischen O2 Arena in London bekommt der ehemalige Weltmeister erneut die Chance, einen der wenigen großen Titel, die noch in seiner Karriere fehlen, endlich zu gewinnen.
Und vielleicht noch wichtiger: Er wirkt erstmals seit Langem wieder ganz bei sich. Der Waliser präsentierte sich entspannt und fokussiert während der Medientermine vor den Play-offs der Premier League Darts.
Während die vergangenen Monate häufig von gesundheitlichen Problemen, Zweifeln und einem übervollen Kalender geprägt waren, ist der "Iceman" nun wieder ein Spieler, der Selbstvertrauen ausstrahlt. „Ich habe das Gefühl, an einem guten Punkt zu sein“, sagte Price. „Mein Spiel fühlt sich gut an. Vielleicht hätte ich im Vorfeld dieses Turniers gern noch ein paar ProTours oder Euro Tours gespielt, aber es ist, wie es ist. Ich spiele immer noch gut und mental fühle ich mich stark.“
Dieser mentale Aspekt spielte für den ehemaligen Rugbyspieler zuletzt eine große Rolle. Price sprach in den vergangenen Monaten offen über körperliche Beschwerden und medizinische Untersuchungen. Inzwischen scheinen diese Sorgen allmählich nachzulassen, was ihn sichtbar erleichtert. „Nicht nur für die Play-offs, sondern auch für den Rest der Saison gibt das Ruhe“, sagte er. „Ich kann künftig wieder mehr Rankingturniere spielen, ohne ständig über meine Situation nachzudenken.“

„Die Ligaphase bedeutet jetzt nichts mehr“

Obwohl die Premier League wochenlang von Konstanz lebt, ist sich Price bewusst, dass am Donnerstagabend alles von vorn beginnt. Liga, Tabelle und frühere Resultate treten seiner Ansicht nach völlig in den Hintergrund, sobald die Spieler die Bühne der O2 betreten. „Das fühlt sich jetzt einfach wie ein komplett neues Turnier an“, stellte er fest. „Die Ligaphase zählt nicht mehr.“
Dennoch setzt Price gleich eine Fußnote zum Play-off-Format. Die Partien sind seiner Meinung nach weiterhin relativ kurz, wodurch die Gefahr eines langsamen Starts groß bleibt. „Es bleibt ein kurzes Format“, erläuterte er. „Persönlich würde ich lieber etwas längere Matches spielen. Das liegt älteren Spielern oft besser, weil man mehr Zeit hat, in den Rhythmus zu kommen.“
Doch klagen will Price nicht. Im Gegenteil. Der Waliser ist vor allem froh, wieder auf dieser Bühne zu stehen. „Mein Ziel war, die Play-offs zu erreichen“, sagte er. „Und jetzt, wo ich hier bin, glaube ich absolut daran, dass ich das Turnier gewinnen kann.“

Erneut gegen Littler

Im Halbfinale wartet direkt ein Titanenduell mit Luke Littler. Schon im vergangenen Jahr trafen beide in den Play-offs aufeinander, damals mit dem besseren Ende für Littler. Diese Niederlage wurmt Price noch immer ein wenig. „Ja, das will ich unbedingt geraderücken“, gab er zu. „Das ist mein drittes Mal in den Play-offs und hoffentlich klappt es diesmal endlich.“
Die Statistik spricht bislang nicht für ihn. Littler gewann die letzten acht Duelle der beiden. Dennoch misst Price dem nicht zu viel Bedeutung bei. „Natürlich will ich das ändern, aber ich denke nicht, dass diese Zahlen viel aussagen“, sagte er. „In vielen dieser Spiele hatte ich Chancen zu gewinnen. Manchmal sogar ziemlich klar. Aber ich habe die Fehler selbst gemacht.“
Laut Price liegt der Schlüssel vollständig bei seinem eigenen Niveau. „Wenn ich nur annähernd an mein Topniveau herankomme, dann gewinne ich dieses Match.“
Gerwyn Price ballt die Fäuste
Gerwyn Price trifft im Halbfinale auf Luke Littler

Extra Trainingsstunden durch verpasste Turniere

Weil Price in den vergangenen Monaten mehrere Rankingturniere ausließ, änderte sich auch seine Vorbereitung auf die Play-offs. Während viele Spieler Wettkampfpraxis auf den ProTours und Euro Tours sammeln, verbrachte der Waliser mehr Zeit auf der Trainingsbahn. „Ich habe viel mehr Stunden am Übungsboard gemacht“, sagte er. „Normalerweise spiele ich lieber Wettkämpfe, weil man dort Selbstvertrauen mitnimmt. Aber wenn du bei diesen Turnieren schlecht spielst, kann es dir auch schaden. Es wirkt in beide Richtungen.“
Price gab zu, dass er mental vielleicht stärker dastünde, hätte er mehr Matches spielen können. „Ich hätte lieber mehr Turniere gespielt“, sagte er offen. „Ich denke, dann hätte ich noch mehr Vertrauen.“
Dennoch klingt er auffallend zufrieden mit seinem aktuellen Level. „Wenn ich morgen so spiele, wie ich weiß, dass ich spielen kann, bin ich zufrieden.“

Gesundheitsprobleme bleiben ein Thema

Im Interview wurde Price auch zu einem Problem befragt, mit dem er schon länger ringt: An warmen Tagen schwellen seine Hände mitunter an, was naturgemäß Einfluss auf Griff und Wurf hat.
Angesichts der jüngsten Hitzewelle in England bleibt das in Richtung Play-offs ein Thema. „Manchmal habe ich damit zu tun und manchmal nicht“, sagte er. „Aber je wärmer es wird, desto größer ist der Einfluss.“
Dennoch scheint er die Situation inzwischen besser im Griff zu haben. Zudem steht nach der Premier League endlich etwas Ruhe auf dem Programm. „Ich lasse die nächste Euro Tour und die ProTours aus und nehme mir Urlaub“, sagte Price. „Das hatte ich schon lange nicht mehr.“
Die beslissing erklärt auch sofort, warum er beim kommenden World Cup of Darts fehlt. Laut dem Waliser war diese Ruhephase schlichtweg notwendig. „Der Kalender ist unglaublich hart“, sagte er. „Ich musste irgendwo einen Moment finden, um Zeit für meine Familie freizuschaufeln und kurz durchzuatmen.“

Der fehlende Titel

Trotz einer imposanten Trophäensammlung fehlt auf Prices Lebenslauf noch immer ein großer Titel: die Premier League. Genau das macht diese Ausgabe für ihn besonders wichtig. „Das ist eines dieser Turniere, die ich noch nicht gewonnen habe“, sagte er. „Ich will das einfach abhaken.“
Der Gewinn fehlender Majors spielt offensichtlich in seine Motivation hinein. Price verlor in der Vergangenheit bereits Finals mehrerer großer TV-Turniere und möchte seine Erfolgsbilanz weiter vervollständigen. „Sobald du einen großen Titel noch nicht gewonnen hast, lastet da immer ein gewisser Druck drauf“, räumte er ein.
Dennoch versucht er, den Druck auch zu relativieren. „Ich will jedes Turnier gewinnen, das ich spiele“, lachte er. „Egal, ob es Darts ist oder ein Poolturnier.“
Letztlich ist Price aber bewusst, dass die größten Majors später im Jahr folgen. „Wenn ich das nicht gewinne, mache ich einfach weiter“, sagte er nüchtern. „Es ist nicht das Ende der Welt.“

Mögliches rein walisisches Finale

Mit Jonny Clayton ebenfalls unter den letzten Vier winkt in London sogar ein rein walisisches Finale. Ein Szenario, das Price sichtlich begeistert. „Das wäre großartig“, grinste er. „Es würde sich fast wie ein World-Cup-Finale anfühlen.“
Price fehlt in diesem Jahr selbst beim World Cup of Darts, hatte aber lobende Worte für Clayton und dessen neuen Partner Nick Kenny. „Nick ist ein fantastischer Spieler“, sagte er. „Er spielt mit enormem Stolz für Wales und gibt immer hundert Prozent.“
Nach Ansicht von Price ist Kenny der ideale Ersatz. „Für Jonny könnte es keinen besseren Spieler geben, der neben ihm stehen könnte.“

Vom Traktor zu Hühnern

Wie so oft bei Price endete das Gespräch schließlich mit einem Augenzwinkern. Der Waliser wurde an den Moment erinnert, als er einst einen Traktor kaufte, nachdem Freund Scott Mitchell die BDO-Weltmeisterschaft gewonnen hatte.
Die Frage folgte prompt: Was kauft er, wenn er am Donnerstagabend die Premier League gewinnt? Price brach in Lachen aus. „Vielleicht ein paar Hühner“, witzelte er. „Die kann ich mir wahrscheinlich gerade so leisten, wenn ich gewinne.“
Typisch Gerwyn Price: intensiv, ehrgeizig, aber immer mit einer Prise Humor. Eines ist Richtung Finals Night in London jedenfalls klar: Der Waliser glaubt wieder voll an sich.
Und wenn das der Fall ist, weiß die Dartwelt inzwischen, wie gefährlich „The Iceman“ sein kann.
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