„Ich brauchte das Geld und man redet sich ein, dass es vielleicht plötzlich wieder gut wird“ – Ex-Profi nimmt Ricardo Pietreczko vor dem World Cup of Darts in Schutz

PDC
Dienstag, 02 Juni 2026 um 15:30
Mark Webster
Mark Webster blickt mit gemischten Gefühlen auf den kommenden World Cup of Darts. Der frühere Lakeside-Champion und heutige Sky-Sports-Experte ärgert sich sichtbar über das Fehlen von Gerwyn Price im walisischen Team, betont aber zugleich, dass die Nominierung von Nick Kenny eine enorme Chance für den Waliser darstellt.
Im Gespräch mit Online Darts ließ Webster wenig Zweifel an seinem Empfinden über die Absage von Price. „Ja, ich bin wirklich enttäuscht“, sagte Webster. „Ich wiederhole aber, dass ich Nick Kenny nicht schmälern will. Für Nick ist das eine großartige Gelegenheit, sein Land zu vertreten und dazu wichtige Bühnenerfahrung zu sammeln.“
Dennoch ist Webster bewusst, dass Wales ohne Price schlicht weniger Durchschlagskraft hat. „Man kommt nicht daran vorbei, dass Wales ohne Gerwyn Price ein schwächeres Team ist. Ich bin enttäuscht, dass er abgesagt hat. Ich finde, er hätte spielen sollen.“ Zugleich will Webster den ehemaligen Weltmeister nicht zu hart beurteilen. „Spieler sind selbstständig. Sie dürfen selbst entscheiden, was sie tun, also will ich nicht heuchlerisch wirken. Aber wenn ich mir Gerwyns Kalender ansehe, hätte ich lieber gesehen, dass er etwas anderes gestrichen hätte und nicht den World Cup.“
Die Verantwortung lastet dadurch größtenteils auf den Schultern von Jonny Clayton. Webster erwartet, dass der erfahrene Waliser seinen Partner durchs Turnier tragen muss. „Jonny wird dort unter Druck stehen. Er muss Nick Kenny durchziehen. Sie werden um jedes Match kämpfen, aber es wird sehr schwer.“

England großer Favorit auf den Weltmeistertitel

Während Webster bei Wales Zweifel hat, sieht er einen klaren Topfavoriten auf den Titel: England. Seiner Meinung nach ist der Weg für das englische Duo mit Luke Littler und Luke Humphries bereitet.
„Für mich gewinnt England das Turnier“, stellte Webster klar. „Ich glaube nicht, dass andere Länder genug Qualität haben, um sie wirklich zu gefährden.“
Er erwartet, dass Nordirland erneut stark auftritt, sieht bei anderen Topnationen jedoch Fragezeichen. „Nordirland wirkt weiterhin gut. Aber bei Schottland spielt Cameron Menzies derzeit nicht auf seinem besten Niveau. Gary Anderson wird immer gut spielen, weil Gary einfach Gary ist.“
Auch beim deutschen Team gibt es laut Webster Zweifel. Vor allem wegen der Probleme, mit denen Ricardo Pietreczko aktuell zu kämpfen hat. „Ich kann mich darin wiederfinden. Er hat Probleme mit seinem Wurf, aber er wird einfach spielen, und dazu hat er jedes Recht.“
Die Niederlande sieht Webster dennoch als gefährlichen Außenseiter. „Michael van Gerwen und Gian van Veen können England vielleicht bedrohen, aber ansonsten sehe ich England das eigentlich recht komfortabel gewinnen.“

Polen als gefährlicher Außenseiter genannt

Dennoch glaubt Webster, dass es wie immer Überraschungen beim Nationenturnier in Frankfurt geben wird. Vor allem das polnische Team kann seiner Ansicht nach weit kommen. „Polen ist für mich wirklich ein Dark Horse“, sagte Webster. „Krzysztof Ratajski und Sebastian Bialecki spielen beide aktuell sehr gut.“
Besonders über Bialecki fand Webster lobende Worte. „Sebastian hat sich enorm verbessert. Er hat inzwischen einen ProTour-Titel gewonnen und ich fand ihn letztes Jahr bei der WM gegen Stephen Bunting großartig.“
Laut Webster zeichnet sich der junge Pole vor allem durch seine Haltung aus. „Er hat eine großartige Einstellung. Er beschwert sich nie, arbeitet hart und ist dankbar für alles, was ihm der Sport bringt. Jetzt darf er auf so einer Bühne spielen, wahrscheinlich gegen eines seiner Idole. Das ist für ihn ein Traum.“

Webster versteht die Schwierigkeiten von Spielern mit Dartitis

Im Gespräch kam auch die Situation von Spielern mit gravierenden Problemen beim Wurf zur Sprache. Unter anderem Pero Ljubic und Ricardo Pietreczko wurden als Beispiele für Akteure genannt, die auf der Bühne sichtbar kämpfen.
Webster weiß wie kaum ein anderer, wie sich das anfühlt. Er selbst spielte einst mit Dartitis bei einem World Cup. „Ich bin nicht der Richtige, um darüber hart zu urteilen“, räumte er ein. „Ich habe selbst einmal einen World Cup gespielt, während ich Dartitis hatte. Ich brauchte das Geld und man redet sich immer wieder ein, dass es vielleicht plötzlich wieder gut wird.“
Er versteht daher, dass Spieler trotz ihrer Probleme weiterspielen. „Sie haben sich das Recht verdient, dort zu stehen. Ihr Ranking gibt ihnen diesen Platz. Das ist vielleicht schwierig für ihren Partner, aber sie werden einfach versuchen, das Beste daraus zu machen.“
Laut Webster muss die PDC bei möglichen Eingriffen vorsichtig sein. „Ich würde diese Entscheidung nicht im Namen der PDC treffen wollen. Manche Spieler hoffen vielleicht, dass dies noch ihr letzter großer Zahltag sein kann. Hoffentlich finden sie eine Lösung und kommen da durch.“
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Ricardo Pietreczko wird auch dieses Jahr Deutschland an der Seite von Martin Schindler vertreten

Kampf um das World Matchplay sorgt für gesunden Konkurrenzdruck

Zum Schluss blickte Webster auf den Kampf um die Qualifikation für das World Matchplay voraus. Große Namen drohen das Prestigeturnier in Blackpool zu verpassen, was Webster als gesundes Zeichen für den Sport wertet. „Ist das nicht genau das, was wir wollen?“, sagte er. „Du musst wachsam bleiben. Auch wenn du schon zwölf oder fünfzehn Jahre dabei bist, kannst du rausfallen.“
Laut Webster zeigt das vor allem, wie stark die Konkurrenz derzeit ist. „Der Sport ist konkurrenzfähiger denn je. Neue Spieler kommen nach, andere fallen weg. Das wird nächstes Jahr wieder passieren.“
Dabei verwies er unter anderem auf Rob Cross und Dave Chisnall, die aktuell unter Druck stehen. Auch Wessel Nijman kam zur Sprache. Webster sieht im Niederländer viel Potenzial. „Wirklich ein großartiger Spieler. Er erinnert mich an Chris Dobey und Jonny Clayton. Keine riesigen Ausreißer beim Preisgeld, aber konstant am Gewinnen.“
Webster glaubt, dass Nijman schon länger an der endgültigen Durchbruchsschwelle kratzt. „Ich fand es immer seltsam, dass er im Fernsehen noch nicht richtig durchgebrochen war. Beim Grand Slam vor ein paar Jahren spielte er phänomenal, kam aber nicht einmal aus der Gruppe.“
Der Waliser schließt mit einer klaren Warnung an die Konkurrenz. „Wenn Wessel es auf der großen Bühne wirklich zeigt, kann er in zwölf Monaten plötzlich zur absoluten Weltspitze gehören.“
Der World Cup of Darts steht vom 11. bis 14.06. in Frankfurt auf dem Programm. Bei diesem Turnier kämpfen 40 Nationen im Doppelwettbewerb um den begehrten Titel.
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