Raymond van Barneveld hat so offen wie selten über die mentale Belastung gesprochen, die ihn seit Jahren begleitet. Der fünfmalige Weltmeister erklärte im
ShowBird-Podcast, dass nicht nur sportliche Rückschläge an ihm nagen, sondern vor allem die negativen Gedanken, die dadurch immer wieder ausgelöst werden. Der 59-Jährige hofft dennoch, den Weg zurück an die Weltspitze zu finden.
Sportlich erlebt van Barneveld seit einiger Zeit eine schwierige Phase. Schwankende Leistungen kosteten ihn wichtige Plätze in der Weltrangliste. Als größten Gegner sieht der Niederländer jedoch nicht seine Konkurrenz, sondern sich selbst. „Ich bin ziemlich behütet aufgewachsen. Ich hatte immer eine übertriebene Angst vor Dingen“, erzählte van Barneveld. „Ich war schnell von allem beeindruckt.“
Van Barneveld kämpft seit Jahren mit Selbstzweifeln
Bevor der Niederländer seine große Leidenschaft im Dartsport fand, probierte er sich in verschiedenen anderen Sportarten aus – allerdings ohne Erfolg. Erst mit den ersten Dartpfeilen änderte sich alles.
Raymond van Barneveld sprach im ShowBird-Podcast offen über seine Selbstzweifel und den mentalen Kampf nach sportlichen Rückschlägen.
„Ich habe diverse Sportarten versucht, zum Beispiel Fußball. Nun, das konnte ich überhaupt nicht. Dann bekam ich irgendwann drei Dartpfeile in die Hand, und das lief ziemlich gut. Also jedes Mal, wenn ich dann auf die Nase falle, und das passiert in den letzten Jahren regelmäßig, gehe ich wieder zurück zu dem Jungen von früher. So nach dem Motto: Siehst du, du kannst überhaupt nichts. Du kannst gar nichts im Leben. Das habe ich mir selbst erzählt.“
Nach eigener Aussage haben sich diese negativen Gedanken in den vergangenen Jahren sogar noch verstärkt. Immer wieder sprach van Barneveld öffentlich über seine Probleme – häufig mit der Folge, dass seine Aussagen für Schlagzeilen sorgten. „Darüber wird sich dann lustig gemacht.“
Damit spielte der fünffache Weltmeister unter anderem auf sein viel beachtetes Interview nach dem WM-Aus 2019 an. Damals sagte er, dass „das Leben keinen Sinn mehr hat“.
Heute blickt van Barneveld mit größerem Abstand auf diese schwierige Zeit zurück. „Aber in dem Moment war ich in einer Scheidung“, erklärte er. „Ich wusste überhaupt nicht, wie meine Zukunft aussehen würde. Corona kam gerade um die Ecke, alles sehr unsicher. Ich dachte: Was zum Teufel soll ich jetzt machen? Ich wusste es einfach nicht mehr. Ich war total depressiv und völlig von der Rolle. Dann sagt man dumme Dinge.“
Niederlagen treffen ihn bis heute besonders hart
Der fünffache Weltmeister räumte ein, dass Niederlagen ihn auch heute noch außergewöhnlich stark belasten. „Wenn ich bei einer WM verliere, fühlt sich das einfach an, als sei ein Angehöriger gestorben. Diesen Schmerz spüre ich dann in meinem ganzen Körper. Frag mich nicht, woher das kommt.“
Trotz aller Rückschläge hat van Barneveld seine sportlichen Ziele nicht aufgegeben. Kurz vor seinem 60. Geburtstag möchte er noch einmal beweisen, dass er weiterhin auf höchstem Niveau bestehen kann. Erst vor Kurzem schloss er sich einem neuen Management an, um seiner Karriere neuen Schwung zu verleihen.
Moderator fordert van Barneveld zum Umdenken auf
Im weiteren Verlauf des Gesprächs hielt Moderator Wilfred Genee dem Niederländer vor, sich zu sehr auf die negativen Seiten seiner Karriere zu konzentrieren. Als van Barneveld sich selbst als „alten Hund“ bezeichnete und sagte, „es wird alles etwas weniger“, versuchte Genee, ihm eine andere Sichtweise zu vermitteln.
„Du kannst auch darauf schauen, was da ist. Damit fängt alles an. Und meines Erachtens ist das Talent noch immer vorhanden?“
Van Barneveld stimmte zu, dass das Leben als Profidarter gerade nach frühen Niederlagen sehr belastend sein könne. „Aber es ist auch ein einsames Leben.“
Für Genee liegt genau darin das Problem. „Du redest dich komplett in den Keller.“
Der fünffache Weltmeister konnte dieser Analyse einiges abgewinnen und erinnerte sich an einen Satz eines früheren Trainers. „Ein Ex-Trainer von mir sagte: ‚Sieger haben einen Plan und Verlierer eine Ausrede.‘ Und jetzt merke ich, dass ich immer öfter auf diesem Verliererstuhl sitze.“
Genee reagierte umgehend und widersprach entschieden. „Hör damit auf.“ Wenig später legte er noch einmal nach: „Hör damit auf, Mann. Das meine ich ernst. Hör auf mit diesen Ausreden und durchbrich dieses Muster.“
Aus Sicht des Moderators müsse van Barneveld nach Niederlagen bewusst aus dieser Gedankenspirale ausbrechen. „Du kommst dann nach Hause und bist völlig in diesem Modus, mach doch mal etwas anderes.“
Entspannung mit einem ungewöhnlichen Hobby
Van Barneveld erklärte, dass er inzwischen gezielt nach Möglichkeiten suche, abzuschalten und den Kopf freizubekommen. Neben verschiedenen Sammlungen habe er dafür ein eher ungewöhnliches Hobby entdeckt.
„Ich habe Sammlungen und ich baue auch Lego, um zu entspannen.“
Diese Aussage überraschte Genee. „Lego?“
„Ja klar. Ich bin ein leidenschaftlicher Lego-Sammler. Das ist schön entspannend.“
Als sich das Gespräch anschließend um seine Familie drehte, wurde van Barneveld deutlich positiver. Über seine Frau, seine Kinder und seine Enkel sprach er mit großer Dankbarkeit.
„Ich habe eine wundervolle Frau, die immer für mich da ist. Meine Kinder und Enkelkinder machen mich wirklich glücklich. Das ist alles großartig, ehrlich.“
Zum Abschluss gab Genee dem Darts-Star noch einen letzten Rat mit auf den Weg: „Wenn du dich jetzt etwas mehr am Glück und an deinem Talent festhältst … Das ist das Wichtigste.“