Russ Bray zählt zu den prägendsten Persönlichkeiten der PDC-Geschichte. Über Jahrzehnte verlieh er den größten Spielen des Sports mit seiner markanten Stimme eine besondere Atmosphäre. Inzwischen tritt Bray auch bei Events außerhalb der PDC auf, doch der Blick zurück fällt ihm leicht. In einem ausführlichen Gespräch erinnerte sich der 67-Jährige an Wendepunkte seiner Laufbahn, emotionale Begegnungen und Matches, die sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt haben.
Im Format
20 Questions Around The Clock bei talkSPORT nahm Bray die Zuhörer mit an den Anfang seiner Karriere – lange bevor er zur unverwechselbaren Stimme des Weltdarts wurde. „Ich habe County Darts für Hertfordshire gespielt“, erzählte Bray. Der Einstieg ins Callen kam eher zufällig. Als bei einem County-Spiel der Schiedsrichter ausfiel, sprang er kurzfristig ein. „Das Setup war wie auf der Bühne: zwei Schreiber und ein Caller. Ich sagte, ich helfe kurz aus, bevor ich selbst spielen muss.“ Schon nach wenigen Partien kam das erste Feedback. „Jemand meinte: ,Kumpel, das klang richtig gut.‘ Ich war sofort begeistert – es fühlte sich völlig anders an als selbst zu spielen.“
Vom Kneipen-Darts auf die größte Bühne der Welt
Bray blieb dem Dartsport in den folgenden Jahren treu, spielte weiterhin aktiv und arbeitete parallel als Schreiber in seiner Kneipenliga. „Ich war im A-Team und half zusätzlich beim B-Team aus“, berichtete er. Die entscheidende Phase folgte Anfang der 1990er-Jahre. „1992 war das. 1994 kam dann die Trennung zwischen BDO und PDC“, erinnerte sich Bray. Rund anderthalb Jahre nach der Gründung der PDC erhielt er einen Anruf. Man fragte ihn, ob er als Ersatz-Schiedsrichter einspringen wolle.
Russ Bray gilt allgemein als einer der besten Darts-Schiedsrichter
Die Zusage hatte allerdings Konsequenzen. „Ich war überall gesperrt, weil ich zur WDC gegangen war, wie sie damals hieß. Ich durfte nicht einmal mehr in meiner lokalen Liga spielen.“ Trotz dieser Einschränkungen öffnete sich für Bray eine neue Welt. 1996 stand er erstmals bei einem großen Turnier in Blackpool auf der Bühne. „Am Sonntagabend callte ich die ersten beiden Matches. Sie wurden damals noch nicht live übertragen“, sagte Bray. Die Namen der Spieler steigerten seine Nervosität zusätzlich. „Zuerst John Lowe, danach Paul Lim – zu diesem Zeitpunkt die einzigen beiden Spieler mit einem TV-Neundarter. Ich war extrem angespannt.“
Der Abend veränderte alles. Nach seinem Einsatz kam Turnierchef Tommy Cox auf ihn zu. „Er sagte: ,Wir nehmen keinen Ersatz-Schiedsrichter. Wir nehmen drei feste Schiedsrichter. Willkommen bei der PDC.‘“ Kurz darauf folgte der nächste Meilenstein: Bray callte bei der Weltmeisterschaft 1996/97 – der endgültige Durchbruch.
Beinahe eskaliert: Bray als Spieler
Als Schiedsrichter blieb Bray stets ruhig und kontrolliert. Auf der anderen Seite des Oche sah das nicht immer so aus. Eine Szene aus seiner aktiven Zeit ist ihm bis heute präsent. „Das war gegen Mick Manning“, erzählte Bray. „Wir spielten ein furchtbares Match: Best of Five, 2:2, beide auf Doppel 1. Gefühlt hatten wir jeweils 30.000 Darts darauf geworfen.“ Als Bray schließlich traf und seinem Gegner die Hand reichte, reagierte Manning ungehalten. „Er schlug meine Hand weg und beschimpfte mich.“ Bray verlor kurz die Beherrschung. „Ich packte ihn, dann wurden wir getrennt. Es gab keine Schläge – dabei blieb es.“
Die Stimme, die den Sport geprägt hat
Mit den Jahren entwickelte sich Brays raue Stimme zu einem Markenzeichen des modernen Darts. Auf die Frage nach dem besten Caller aller Zeiten differenzierte er klar. „Für die Stimme ganz klar Bruce Finlay“, sagte Bray. „Seine Intonation, sein 180-Call – das war außergewöhnlich.“ In puncto Konstanz und Fehlerfreiheit setzte er jedoch andere Maßstäbe. „
George Noble ist für mich der präziseste. Kirk Bevins ist ebenfalls sehr nah dran.“
Auch zu Spielern äußerte sich Bray offen. Besonders Gerwyn Price hält er für unterschätzt. „Ein fantastischer Typ und ein fantastischer Spieler“, sagte er. Die jahrelangen Pfiffe gegen den Waliser konnte Bray nie nachvollziehen. „Abseits vom Oche ist er ruhig und respektvoll. Am Board zeigt er Emotionen – das ist seine Arbeitseinstellung. Er gibt alles.“ Nach dem Vorfall mit
Gary Anderson habe sich die Stimmung gegen Price gewendet. „Aber das legt sich. Er verdient deutlich mehr Respekt.“
Ein Versprechen an Eric Bristow
Besonders emotional sprach Bray über
Eric Bristow. „Eric war ein unglaublicher Charakter“, erinnerte er sich. Gemeinsame Reisen führten sie durch Kanada, wo sie in Billardsalons spielten und sich ein kleines Zubrot verdienten. „Großartige Gesellschaft.“
Zwischen beiden entstand ein ungewöhnliches Versprechen. „Wir vereinbarten, dass derjenige, der länger lebt, beim anderen auf der Beerdigung kein Schwarz trägt.“ Als Bristow 2018 verstarb, hielt Bray Wort. „Ich trug einen purpurnen Tonic-Anzug.“
Sein letztes PDC-Match callte Bray im WM-Finale, in dem der erst 16-jährige Luke Littler sensationell das Endspiel erreichte und mit 4:7 gegen Luke Humphries verlor. „Was für ein Finale, um aufzuhören“, sagte Bray. Er verspürte keine Erleichterung, sondern Vorfreude auf seine neue Rolle.
Trotzdem steht dieses Match für ihn nicht ganz oben. Unangefochten bleibt für Bray ein anderes Spiel: „Raymond van Barneveld gegen
Phil Taylor, WM-Finale 2007. Sudden-Death-Leg, Rekordzahl an 180ern – das wird nie übertroffen werden.“