Nick Kennys Debüt beim
World Cup of Darts für Wales war ein Wechselbad der Gefühle: starke Momente, aber am Ende ein bitteres Ausscheiden. Im Viertelfinale in Frankfurt unterlagen er und Jonny Clayton dem späteren Champion England mit 7:8 – ein knappes, aber letztlich eindeutiges Urteil.
Matthew Edgar, ehemaliger Profi und mittlerweile Stimme im Love the Darts Podcast, glaubt zu wissen, woran es lag: Kenny kämpfte gegen das sogenannte Imposter-Syndrom.
Kenny war ein später Ersatz für Gerwyn Price, der kurzfristig absagen musste. „The Iceman" zählt zur Weltspitze und holte den
World Cup bereits zweimal gemeinsam mit Clayton. Wales wollte nach der Finalniederlage gegen Nordirland im Vorjahr diesmal den Titel – doch mit Kenny statt Price war die Ausgangslage eine andere.
Nerven, Druck und eine vergebene Matchchance
Aufgrund ihrer Setzung musste Wales zunächst in der Gruppenphase ran. Da Kenny zum Turnierbeginn außerhalb der Top 60 der
PDC Order of Merit stand, kamen zwei zusätzliche Spiele auf ihn zu. Wales meisterte die Auftaktrunde souverän und besiegte die USA im Achtelfinale mit 8:5. Gegen England entwickelte sich ein enges Duell bis ins Entscheidungsleg. Kenny stand bei 84 zum Matchgewinn – traf die 20, verfehlte aber die 14 vollständig und vergab damit jeden Matchdart. England nutzte die Chance eiskalt und schickte Wales nach Hause.
Jonny Clayton und Nick Kenny feiern gemeinsam auf der Bühne beim World Cup of Darts 2026
Edgar sieht die Ursache dafür nicht nur im Sport, sondern im Kopf. Kenny habe sich von den Meinungen der Fans treiben lassen – und das habe sich in seinen Interviews widergespiegelt. „Ich glaube, die Meinungen haben ihn beeinflusst. Ehrlich gesagt schon", sagte Edgar. „Wir schauen uns die Interviews an, die er gegeben hat – er wollte seine Rolle nur herunterspielen. Er sagte Dinge wie: ‚Ich bin nur hier, weil Gezzy sich zurückgezogen hat. Ich bin nicht so gut wie Gezzy.' Alles, was er sagte, klang, als würde er die Nachrichten der Leute laut vorlesen, die ihm geschrieben hatten."
Kennys Ansatz war wohl als Druckventil gedacht – eine Strategie, um die Erwartungen zu dämpfen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Für einen Spieler, der zwar Erfahrung auf großen Bühnen wie dem Ally Pally mitbringt, aber erstmals sein Land vertritt, ist der psychologische Druck enorm. Den eigenen Nation zu repräsentieren, trägt eine ganz eigene Last.
Doch Edgar hätte sich von Kenny eine andere Haltung gewünscht. Statt die Erwartungen nach unten zu schrauben, hätte der Waliser seiner Meinung nach selbstbewusst in den Wettbewerb gehen sollen. „Für mich wirkte es so, als würdest du es sagen, bevor andere es tun", erklärte Edgar. „Statt rauszugehen und zu sagen: ‚Ich bin mit Recht hier. Ich bin der Nächste in der Reihe' – und dann einfach
Nick Kenny zu sein. Ich glaube, daher kamen die frühen Nerven."
Sein Fazit fiel deutlich aus: „Es war fast so, als wollte er sagen, dass er unter Imposter-Syndrom leidet, ohne es wirklich auszusprechen. Mir wäre es lieber gewesen, er wäre forsch aufgetreten."
Kenny bleibt trotz des Ausscheidens eine Figur mit Potenzial – doch sein Debüt liefert eine klare Lektion: Wer Wales auf der Weltbühne vertreten will, muss das auch so verkörpern.