Gian van Veen steht vor einem der größten Spiele seiner bisherigen Karriere. Erstmals hat der Niederländer das Halbfinale des
World Matchplay erreicht, in dem er nun auf den Weltmeister von 2021
Gerwyn Price trifft. Auf dem Papier wartet eine gewaltige Herausforderung, doch im Podcast
„Darts Draait Door“ herrschte großes Vertrauen in die Chancen der Nummer drei der Welt. Dieses gründet weniger auf herausragenden Averages als auf einer Fähigkeit, die echte Spitzenspieler auszeichnet: auch dann einen Weg zum Sieg zu finden, wenn das eigene Spiel nicht wie gewünscht funktioniert.
Nach seinem Viertelfinalerfolg über James Wade war van Veen selbst im Podcast zu Gast. Dabei blickte er auf eine Partie zurück, die ihm nicht nur erstmals den Einzug unter die letzten Vier des prestigeträchtigen Turniers bescherte, sondern zugleich die Revanche für eine schmerzhafte Niederlage gegen denselben Gegner ein Jahr zuvor.
Van Veen nimmt erfolgreich Revanche für Vorjahresniederlage
2025 war van Veen im Viertelfinale mit 13:16 an Wade gescheitert. Dieses Mal behielt er mit exakt demselben Ergebnis die Oberhand. Während der Begegnung habe das Duell aus dem Vorjahr jedoch kaum eine Rolle gespielt, erklärte der Niederländer: „Nein, überhaupt nicht. Man hört das vor dem Spiel natürlich. Aber während der Partie beschäftigt man sich damit gar nicht mehr. Dann willst du einfach dieses Spiel gewinnen – unabhängig davon, was vor zwölf Monaten passiert ist.“
Gian van Veen steht erstmals im Halbfinale des World Matchplay. Gegen Gerwyn Price will der Niederländer den bislang größten Erfolg seiner Karriere perfekt machen.
Für den früheren Profi
Vincent van der Voort ist genau diese Haltung ein Merkmal des Spitzensports. „Während eines Spiels bist du ohnehin nur damit beschäftigt, zu gewinnen. Er hatte mit sich selbst schon genug zu tun.“
„Beim Scoring war es einfach so schlecht“
Van Veen ging nach seinem Erfolg hart mit der eigenen Leistung ins Gericht. Vor allem mit seinem Scoring zeigte er sich unzufrieden. „Das kann man wohl sagen, ja. Es war wirklich sehr mühsam. Beim Scoring war es einfach so schlecht. Das sollte ich vielleicht nicht so sagen, aber so hat es sich angefühlt.“
Umso erstaunlicher war für ihn der regelmäßige Blick auf die Anzeigetafel. „Dann liegst du einfach ständig vorne. Das hat mir sehr viel Vertrauen gegeben: dass ich wirklich nicht gut gespielt habe, aber trotzdem die ganze Zeit geführt habe.“
Für van Veen war die Partie damit auch ein Beweis dafür, dass er Matches inzwischen selbst an schwächeren Tagen kontrollieren kann. „Wenn es dann irgendwann ein wenig ins Rollen kommt, kannst du die Partie auch nach Hause bringen. Genau das ist am Ende passiert.“
Van der Voort sieht darin den entscheidenden Unterschied zwischen guten Spielern und der absoluten Weltklasse. „Ganz große Spieler und gute Spieler finden immer einen Weg, zu gewinnen. Und das macht Gian jetzt schon seit einigen Partien. Das muss man einfach sagen. Das ist wirklich stark.“
Pfiffe sorgen für zusätzliches Feuer
Während seines Viertelfinals bekam es van Veen zudem mit einer kleinen Gruppe von Zuschauern zu tun, die sich deutlich bemerkbar machte. „Ja, da standen ein paar Leute, die gepfiffen haben.“
Normalerweise nehme er solche Störgeräusche kaum wahr. Weil er an diesem Abend jedoch nicht richtig in sein Spiel fand, hätten ihn die Pfiffe stärker erreicht. „Wenn du dich richtig gut fühlst und einfach ein gutes Match spielst, bekommst du das nicht mit. Aber das war heute nicht ganz der Fall. Dann merkt man so etwas eben auch.“
Nachdem ihm anschließend ein sehenswertes Finish gelungen war, konnte sich van Veen eine Reaktion in Richtung der betreffenden Zuschauer nicht verkneifen. „Wenn du dann so ein schönes Finish wirfst, schaust du auch einmal hin. Im Nachhinein denkst du: Das hättest du vielleicht nicht machen sollen. Aber es hat heute auch dieses zusätzliche Feuer in mir entfacht, das ich vielleicht gebraucht habe.“
Keine Topform, aber bereits drei Siege
Dass van Veen nun tatsächlich im Halbfinale steht, überrascht ihn in gewisser Weise selbst. Schließlich war er nicht in absoluter Topform nach Blackpool gereist. „Es ist tatsächlich einfach schwierig.“
Bereits in der ersten Runde wartete mit Krzysztof Ratajski ein unangenehmer Gegner, gegen den van Veen kurz zuvor noch auf der European Tour verloren hatte. „Vor dem Erstrundenmatch gegen Ratajski wusste ich bereits, dass es schwer werden würde. Am vergangenen Wochenende – oder inzwischen vor zwei Wochen – hatte ich noch gegen ihn verloren.“
Gerade dieser Erfolg vermittelte ihm jedoch das Gefühl, dass bei diesem Turnier etwas möglich sein könnte. „Wenn du dieses Match gewinnst, weißt du auch: Okay, wir sind einfach gut im Turnier.“
Seitdem sei sein Selbstvertrauen kontinuierlich gewachsen. „Danach gegen Nijman war es einfach gut. Heute war es wieder nicht überragend, aber du gewinnst. Das gibt dir einfach so viel mehr Selbstvertrauen.“
Averages erzählen laut van Veen ohnehin nicht immer die ganze Geschichte. „Klar, es ist schön. Natürlich möchte man jedes Match mit mehr als 100 Punkten im Schnitt spielen. Aber stell dir vor, du spielst einfach keine gute Partie und gewinnst trotzdem. Das gibt dir so viel mehr Selbstvertrauen.“
Sieg gegen Nijman bringt besondere Genugtuung
Der Erfolg gegen Wessel Nijman bedeutete van Veen möglicherweise sogar noch mehr als der anschließende Sieg über Wade. Das lag nicht allein daran, dass er einen Landsmann aus dem Turnier warf. Vielmehr hatte er vor der Begegnung den Eindruck gewonnen, dass beinahe jeder Nijman als Favoriten betrachtete. „Ich glaube, ich habe vor diesem Spiel drei oder vier Interviews gegeben. Und in all diesen Interviews ging es darum, wie großartig Wessel zuletzt gespielt hat.“
Diese Wahrnehmung wirkte auf van Veen zusätzlich motivierend. „Obwohl du jetzt die Nummer drei der Welt bist, fühlte es sich für mich so an, als wäre ich für dieses Spiel schon ein wenig abgeschrieben worden.“
Auf die Frage, ob ihn das besonders angestachelt habe, antwortete er ohne zu zögern: „Hundert Prozent.“ Entsprechend groß war die Genugtuung nach dem Sieg. „Wenn du ihn dann schlägst, fühlt es sich noch besser an. Dann denkst du: Schaut her, es ist noch da. Irgendwo tief und weit hinten vergraben. Es hat einfach unglaublich viel Genugtuung gebracht, so ein Spiel endlich wieder zu gewinnen.“
Nijman habe sich nach der Begegnung zudem als fairer Verlierer erwiesen. „Er hat mir auch gratuliert. Er sagte außerdem, dass ich verdient gewonnen hätte und dass ich dank dieses 148er-Finishs durchgekommen sei. Dass er mir direkt nach dem Spiel noch gratuliert hat, war wirklich korrekt. Daher gebührt ihm alle Anerkennung.“
Van der Voort sieht Chancen gegen Price: „Er ist auch nicht fehlerfrei“
Nach drei Siegen, ohne dabei sein absolutes Topniveau erreicht zu haben, wartet nun die bislang größte Prüfung des Turniers. Gerwyn Price geht als Favorit in das Halbfinale, doch Vincent van der Voort erkennt durchaus Ansatzpunkte für eine Überraschung.
Van Veen ist sich bewusst, dass er seine Leistung steigern muss. „Ja, hundert Prozent. Ich weiß auch, dass mein erster Dart im gesamten Turnier bislang nicht besonders gut sitzt. Aber ich weiß ebenso, dass ich mithalten und sogar darüber hinausgehen kann, wenn er morgen einmal fällt.“
Das Duell mit Price werde zudem einen völlig anderen Verlauf nehmen als das zähe Viertelfinale gegen James Wade.
„Gegen Wade ist es einfach immer schwierig. Du weißt, dass du in einem etwas anderen Tempo spielst als in dem, das dich morgen gegen Price erwartet. Deshalb habe ich auch volles Vertrauen, dass es morgen wirklich ein Stück besser wird.“
Sein Fazit fällt eindeutig aus. „Ich weiß, dass das Scoring besser werden muss. Aber ich vertraue auch einfach darauf, dass es morgen klappt. Dann werden wir sehen.“
Van der Voort teilt diese Einschätzung. Seiner Ansicht nach war bereits in der Schlussphase des Matches gegen Wade eine klare Steigerung erkennbar. „Ich denke, wenn er den Rhythmus beibehält, den er in den letzten fünf, sechs oder sieben Legs hatte, dann passt auch das Scoring.“
Der ehemalige Profi erkannte vor allem ein wiederkehrendes Muster, wenn van Veen beim Scoring Probleme bekam. „Man merkt einfach, dass er langsamer wird, wenn das Scoring nicht funktioniert, anstatt ein wenig zu beschleunigen und in seinem Gefühl zu bleiben.“
Gegen Price erwartet van der Voort, dass das Spieltempo automatisch höher sein wird. „Wenn er schneller in seinen Rhythmus kommt – und das wird gegen Price wahrscheinlich passieren –, dann denke ich, dass er eine gute Chance hat.“
Klarer direkter Vergleich sagt laut van der Voort nicht alles aus
Die Statistik spricht zunächst deutlich gegen van Veen. Price führt im direkten Vergleich mit 13:3 und gewann zudem sämtliche vier Finals, in denen sich die beiden bislang gegenüberstanden.
Van der Voort hält solche Zahlen unmittelbar vor einem Halbfinale jedoch nur für bedingt aussagekräftig. „Die Bilanz ist nicht gut. Aber andererseits: Was fängst du damit an?“
Price werde aus dieser Serie zweifellos Selbstvertrauen ziehen, während van Veen gedanklich einen Schlussstrich darunter setzen müsse. „Für Gian steht es einfach wieder 0:0.“
Der frühere Finalist der UK Open sieht Price zwar als Favoriten. „Ich denke, dass Price im bisherigen Turnier insgesamt besser gespielt hat als Gian.“ Chancenlos sei van Veen deshalb aber keineswegs. „Natürlich hat er eine Chance gegen Price, denn auch er ist nicht fehlerfrei.“
Der Schlüssel wird laut van der Voort vor allem im richtigen Timing liegen. „Er muss das Momentum gut einschätzen. Er muss wissen, wann er zuschlagen muss, die Finishes müssen sitzen und er wird etwas besser scoren müssen.“
Gerade der letzte Punkt bereitet ihm allerdings noch Sorgen. „Die Wahrscheinlichkeit ist nicht besonders groß, dass er nach drei Spielen ohne starkes Scoring plötzlich den Schalter umlegt.“ Dennoch sieht van der Voort einen wichtigen Hoffnungsschimmer. „Seine letzten Legs waren gut. Und wenn er diesen Rhythmus schneller findet, dann wird er für Price zu einem ganz harten Brocken.“
Siege trotz Leistungsschwankungen
Bemerkenswert ist, dass van Veen in allen drei bisherigen Partien einen niedrigeren Average spielte als sein jeweiliger Gegner. Im Vorjahr war es häufig umgekehrt gewesen – dennoch schied er damals frühzeitig aus.
Van der Voort erkennt darin genau die Entwicklung, die van Veen während der vergangenen zwölf Monate genommen hat. „Er sagt selbst: Daraus lerne ich enorm viel.“
Für ihn gehört diese Fähigkeit zur absoluten Weltspitze. „Ein echter Topspieler weiß, dass er auch dann gewinnen muss, wenn er schwächer spielt als sein Gegner. Genau deshalb gehörst du zu den Großen.“
Van der Voorts Rat an Van Duijvenbode: Littler nicht kopieren
Im zweiten Halbfinale bekommt es Dirk van Duijvenbode mit Titelverteidiger Luke Littler zu tun. Auch für diese Partie hat van der Voort einen klaren Matchplan. Sein wichtigster Rat lautet, sich nicht zu sehr auf den Engländer zu konzentrieren. „Geh nicht mit dem Anspruch in das Match, dass alles perfekt sein muss.“
Genau darin liege die Falle, in die viele Spieler geraten, sobald sie Littler gegenüberstehen. „Spiel einfach dein bestes Spiel. Versuch nicht, dich zu überdrehen.“
Van der Voort weiß um den enormen Druck, den Littler auf seine Gegner ausübt. Van Duijvenbode müsse dennoch konsequent bei seinem eigenen Spiel bleiben. „Wenn du mit dem Gedanken in das Match gehst: Ich darf nichts vergeben, dann lastet auf jedem Wurf ein gewaltiger Druck. Das kannst du nicht über die gesamte Distanz durchhalten.“
Das bedeutet nicht, dass Van Duijvenbode ohne Chance ist. „Dirk spielt selbst einen Average von 101 Punkten. Wenn er beispielsweise noch zwei Punkte zulegt und Littler drei Punkte weniger wirft, dann liegen sie bereits ziemlich nah beieinander.“
Allerdings bleibt die Realität, dass der amtierende Weltmeister in Bestform kaum zu bezwingen ist. „Wenn er wieder einen Average von 110 spielt, wird es einfach sehr schwer, ihn zu schlagen. Gerade über ein so langes Format ist das beinahe unmöglich.“ Van Duijvenbode wird deshalb auch auf einen der seltenen schwächeren Tage des Engländers hoffen müssen. „Du musst darauf hoffen, dass Littler ungefähr bei 103 liegt.“
Der Traum vom rein niederländischen Finale lebt
Trotz der schwierigen Halbfinalpaarungen erlaubten sich die Beteiligten des Podcasts vorsichtige Gedanken an ein rein niederländisches Endspiel. „Das wäre natürlich großartig.“
Van der Voort räumt van Veen dabei die besseren Chancen ein. „Van Veen ist natürlich näher dran als Dirk.“
Für van Veen steht zudem ein besonderer Meilenstein auf dem Spiel. Mit einem Sieg über Price würde er auf Rang zwei der Weltrangliste klettern. Van der Voort glaubt jedoch nicht, dass sich der Niederländer während des Halbfinals mit dieser Aussicht beschäftigen wird. „Er weiß auch, dass er ein Matchplay-Halbfinale spielt. Es gibt keine Garantie dafür, dass sich eine solche Gelegenheit noch einmal bietet. Diese Chancen musst du ergreifen.“
Aus Sicht des ehemaligen Profis darf im Moment ohnehin nur das sportliche Ergebnis zählen. „Versuch, ein möglichst gutes Resultat zu erzielen. Um das Ranking kümmerst du dich anschließend.“
Zum Abschluss wagte van der Voort noch eine Prognose. Obwohl er damit rechnet, dass Luke Littler das Finale erreicht, entschied er sich für Gian van Veen als dessen möglichen Gegner. „Wenn du unbedingt möchtest, dass ich positiv bin, dann sage ich Littler und Van Veen.“