Hinter den Kulissen der MODUS Super Series in Portsmouth, wo täglich Dartspieler unterschiedlichster Klasse ihr Können zeigen, taucht plötzlich ein vertrauter Name auf. Kein Mann, der derzeit die Schlagzeilen bestimmt, aber jemand, der einst zur absoluten Weltspitze gehörte: Jeffrey de Zwaan. Der 30-jährige Niederländer, Spitzname „The Black Cobra“, blickt offen auf seine Karriere, seinen mentalen Kampf und die Wiederentdeckung seiner Liebe zum Dartsport zurück.
Ein Schritt zurück, um voranzukommen
De Zwaan ist ehrlich. Vielleicht ehrlicher als je zuvor. Seine Geschichte beginnt nicht mit Triumph, sondern mit Zweifel. „Um ehrlich zu sein: Ich habe dieses Jahr eigentlich kaum gespielt“, erzählt er. „Ich arbeite Vollzeit und baue mir daneben eine Karriere als DJ auf. Vor drei Wochen habe ich sogar meinen ersten Track veröffentlicht.“
Worte, die man selten von einem Spieler hört, der einst zu den Top 20 der Welt zählte. Doch gerade das macht seine Geschichte umso menschlicher. Und dennoch, wie so oft im Sport, lässt einen das Blut nicht los. „Nach ein paar Monaten hat es wieder gekribbelt. Ich wollte wieder Darts spielen. Einfach, weil es mir Spaß macht.“
De Zwaan setzte sich in einer Phase durch, in der er mühelos hohe Averages spielte und mit der Weltelite mithalten konnte. Um 2020–2021 stand er stabil in den Top 20 der Weltrangliste. Doch dann schlug das Schicksal zu. Eine hartnäckige Schulterverletzung bremste ihn aus. „Du weißt, was du kannst, aber es kommt nicht raus. Das ist vielleicht das Schwerste. Als Sportler willst du liefern.“
Hinzu kam der ständige Druck, Preisgeld und Rankingpositionen innerhalb der PDC zu verteidigen. „Dieser Druck ist enorm. Das sehen viele nicht. Aber er kann dich wirklich kaputtmachen.“
Ironischerweise sieht De Zwaan den Verlust seiner PDC Tour Card heute als Segen. „Es hat mir wieder Ruhe im Kopf gegeben. Ich habe wieder angefangen, es zu genießen.“
Die Liebe zum Dartsport begann schon früh. Mit zehn Jahren wünschte sich De Zwaan ein Dartboard zum Geburtstag, inspiriert vom legendären Lakeside-Turnier im Fernsehen. Zunächst lag seine Zukunft jedoch auf dem Fußballplatz. Als talentierter Mittelfeldspieler bei einem lokalen Klub schien eine Laufbahn in diesem Sport naheliegend. Doch körperliche Beschwerden funkten dazwischen. „Nach jedem Spiel hatte ich Rückenprobleme. Dann habe ich mich für Darts entschieden.“
Diese Entscheidung erwies sich als Gold wert. Schon in jungen Jahren beeindruckte er bei Jugendturnieren innerhalb des niederländischen Verbands. Sein Talent war unübersehbar.
Sein eigentlicher Durchbruch folgte 2018. De Zwaan gewann in jenem Jahr ein Players Championship-Turnier und qualifizierte sich für das World Matchplay in Blackpool – die Bühne, auf der er endgültig seinen Namen festigte. Es folgte ein sensationeller Lauf. In der ersten Runde schlug er niemand Geringeren als Michael van Gerwen, damals die unangefochtene Nummer eins der Welt. „Ich hatte gehört, dass er mich einen leichten Gegner genannt hat“, sagt De Zwaan mit einem Lächeln. „Das hat mich zusätzlich motiviert. Ich wollte ihm zeigen, dass er falschliegt.“
Und das tat er. Anschließend räumte er Adrian Lewis und Dave Chisnall aus dem Weg, bevor er im Halbfinale an Gary Anderson scheiterte, der das Turnier schließlich gewann. „Das war wirklich mein Durchbruch. Da habe ich gezeigt, was ich kann.“
Jeffrey de Zwaan eroberte Anfang dieses Jahres seine PDC Tour Card zurück
Die Kehrseite des Erfolgs
Erfolg weckt Erwartungen. Genau dort begann es zu knirschen. „Nach so einem Turnier erwarten die Leute, dass du dieses Niveau hältst. Mit diesem Druck umzugehen, ist schwierig.“
Auch Auftritte auf großen Bühnen wie der Premier League Darts brachten sowohl Höhepunkte als auch zusätzliche Anspannung. Sein Auftritt in Rotterdam vor 10.000 ekstatischen Fans ist ihm bis heute eingebrannt. „Dieses Gefühl … Gänsehaut. Das ist unbeschreiblich.“
Ein weiteres Schlüsselspiel seiner Karriere war seine Partie gegen Peter Wright bei der Weltmeisterschaft 2020. Nach einem 0:3-Rückstand kämpfte sich De Zwaan auf 3:3 zurück, um schließlich in einer nervenaufreibenden Schlussphase zu verlieren. „Ich habe einfach angefangen zu genießen. Und plötzlich war ich wieder in der Partie. Aber er hat trotzdem einen Weg gefunden, zu gewinnen.“
Das zeichnet seine Karriere aus: Blitze der Genialität, unterbrochen von Momenten, in denen es knapp nicht zusammenpasst.
Die Corona-Pandemie bedeutete erneut einen Rückschlag. Spiele ohne Publikum, Isolation in Hotels – das setzte ihm zu. „Ich bin ein sozialer Mensch. Das war wirklich eine schwere Zeit.“
Seine Leistungen fielen ab. Wo er zuvor mühelos Averages von 95 bis 100 spielte, sank das auf 80–85. „Da wusste ich: Es geht in die falsche Richtung.“
Jetzt, anno 2026, scheint De Zwaan Ruhe gefunden zu haben. Er arbeitet Vollzeit, baut eine Karriere als DJ auf und spielt Darts, wenn er Lust dazu hat. Aber täuscht euch nicht: Die Ambition ist nicht verschwunden. „Das Feuer brennt immer noch.“
Die große Frage bleibt: Kann Jeffrey de Zwaan auf das höchste Niveau zurückkehren? Er selbst bleibt realistisch, aber hoffnungsvoll. „Ich weiß, dass ich es noch kann. Aber alles muss stimmen: mental, Training, Vertrauen.“
Fest steht, dass seine Geschichte noch nicht zu Ende ist. Vielleicht gibt es keinen zweiten Gipfel wie 2018. Vielleicht doch. Aber eines ist sicher: De Zwaan spielt wieder mit Freude. Und manchmal ist das, gerade in einem gnadenlosen Sport wie Darts, der größte Sieg von allen.