„Ich dachte, ich gehöre hier nicht hin“ – WM-Bezwinger von Dimitri van den Bergh spricht offen über das Impostor-Syndrom auf der PDC Tour

PDC
Mittwoch, 02 September 2026 um 14:30
Darren Beveridge (1)
Nach zwei Jahren mit Tour Card musste Darren Beveridge Ende 2025 die PDC Pro Tour wieder verlassen. Statt überstürzt zurückzukehren, entschied sich der Schotte bewusst für eine Pause. Nach seinem WM-Auftritt zog er sich vom Sport zurück und verbrachte mehr Zeit mit seiner Familie. Inzwischen packt ihn aber wieder der Ehrgeiz: 2027 will er über die Q-School zurück auf die Pro Tour.
Kürzlich gab Beveridge sein Debüt in der laufenden MODUS Super Series. Das Konzept kannte er allerdings bereits aus früheren Zeiten, denn er spielte häufig in der Online Darts Live League in Southampton, dem Vorläufer der heutigen Super Series.

Abstand nach Verlust der Tour Card

Den Unterschied zwischen beiden Formaten empfindet Beveridge als riesig: „Es ist ganz anders als die frühere Live League. Das war eigentlich nur ein kleines Kämmerchen in einem Büro. Jetzt haben wir hier eine schöne große Bühne, also ist es deutlich besser als früher."
Vor seinem Auftritt hatte sich Beveridge bei Spielern erkundigt, die bereits Erfahrung mit der Super Series gesammelt hatten. Unter anderem gab ihm sein Landsmann Scott Campbell Tipps zur Vorbereitung. Trotzdem beeindruckte ihn die Location, als er die Halle betrat: „Ich wusste immer noch nicht genau, was mich erwartet, als ich hereinkam. Ich wusste nicht, wie groß die Bühne ist. Man sieht es natürlich im Fernsehen und so, aber es ist wirklich sehr schön."
Sein Auftritt in der Super Series markiert den Beginn seiner Vorbereitung auf einen neuen Anlauf Richtung PDC Pro Tour. Nachdem er Ende des vergangenen Jahres seine Tour Card verloren hatte, rückte Beveridge das Darten zunächst bewusst in den Hintergrund. „Nach der WM habe ich eine kleine Pause eingelegt. Ich habe mehr Zeit mit meiner Familie verbracht und es einfach genossen, eine Weile am gleichen Ort zu bleiben."
Die vielen Reisen während seiner beiden Pro-Tour-Saisons hatten Spuren hinterlassen. Nicht das Darten selbst strengte ihn an, sondern das Drumherum: „Das Reisen ist das Schlimmste. Wenn man erst einmal vor Ort ist und spielt, ist das für jeden Darter ganz normal. Aber man sitzt auf Flughäfen, wartet auf Züge, nimmt Taxis hin und her und verbringt Stunden allein. Ein Flughafen kann sehr, sehr langweilig und ermüdend sein. Deshalb war es schön, eine Zeit lang einfach in meinem eigenen Haus zu sitzen, meinen eigenen Fernseher zu haben und meine Familie zu sehen."
Mittlerweile hat Beveridge die Pfeile wieder ernsthaft in die Hand genommen. Über ADC-Turniere sammelt er neue Matchpraxis für die Q-School: „Ich arbeite jetzt auf die Q-School hin. Ich habe ein paar ADCs gespielt, um meinen Arm wieder in Schwung zu bringen, und meine Form scheint schnell genug zurückzukommen."

„Darts ist für alte Männer"

Dass Beveridge einmal Profi-Darter werden würde, stand ursprünglich nicht im Raum. Im Gegenteil: Anfangs konnte er dem Sport nichts abgewinnen. Erst mit etwa 13 oder 14 Jahren kam er eher zufällig mit Darts in Berührung.
„Es begann wirklich aus Versehen. Ich war immer beim Fußball. Da war ich übrigens auch nicht besonders gut. Eines Tages regnete es, und mein Freund Mark fragte, ob ich zu ihm zum Darten kommen wolle. Ich sagte: ‚Nein, Darts ist für alte Männer, das ist nichts für mich.' Er meinte, ich solle es einfach mal probieren. Wir spielten ein paar Partien und seitdem habe ich die Pfeile eigentlich nie mehr weggelegt."
Zu Hause bat Beveridge fast umgehend um ein eigenes Dartboard. Sein Vater, der selbst in lokalen Ligen aktiv war, erkannte das Interesse seines Sohnes und unterstützte ihn von Anfang an: „Ich ging zur Schule und als ich nach Hause kam, hatte er alles für mich aufgehängt. Er war in den Dartladen gegangen und hatte mir ein Set Pfeile gekauft. Der Rest ist eigentlich Geschichte."
Mit sechzehn Jahren begann Beveridge zu erkennen, dass in ihm mehr steckte als ein Hobbyspieler. Er qualifizierte sich für ein Masters-Turnier für Spieler unter 18 Jahren und hinterließ dort einen bleibenden Eindruck. Besonders seine Ruhe am Oche fiel seinem Vater auf: „Mein Vater sagte, meine Haltung und Gelassenheit während der Matches seien viel weiter entwickelt als bei anderen Kindern, die er gesehen hatte. Er meinte, ich solle weiter trainieren und es versuchen."
Diese sportliche Entwicklung geriet allerdings vorübergehend ins Stocken, als Beveridge einen Job annahm, der Wochenendarbeit erforderte. Erst Mitte zwanzig änderte sich die Situation: Eine neue Anstellung brachte ihm freie Wochenenden und damit wieder Raum für das Wettkampfdarts.

Erste Begegnung mit der Q-School

Über lokale Turniere und Qualifikationswettbewerbe erreichte Beveridge schließlich zum ersten Mal die Q-School. Dort erlebte er sofort den Unterschied zwischen Erfolgen auf lokaler Ebene und dem Niveau, das für den Sprung auf die PDC Pro Tour notwendig ist.
„Der Niveauunterschied war enorm, und mir wurde klar, dass ich noch nicht gut genug war. Es ging zurück ans Reißbrett, weiter trainieren und ein paar Jahre später wiederkommen."
Diese erste Erfahrung wirkte trotz der Enttäuschung eher motivierend als entmutigend: „Die Q-School ist eines der härtesten Turniere der Welt. Als ich sah, welche Spieler dort um eine Tour Card kämpften, fühlte ich mich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Mir wurde klar, dass ich zu diesem Zeitpunkt absolut nicht gut genug war, um eine Karte zu erobern."
Trotz mehrerer Rückschläge entwickelte sich die Q-School für Beveridge zu einem Turnier, auf das er sich jedes Mal freut: „Es ist hart. Ich mag die Q-School. Diese Konkurrenz, dieser Hunger: Jeder will verzweifelt eine Tour Card. Die Atmosphäre in diesem Saal ist großartig. Ich fahre gern hin. Ich genieße nur die Ergebnisse nicht, die ich dort erzielt habe."
Seine Zeit in der damaligen Live League half ihm dabei, näher an das geforderte Niveau heranzurücken: „Es ähnelt sehr einem Streaming-Board auf der Pro Tour. Es hat definitiv geholfen. Wenn man sieht, wie viele Spieler aus der Live League und später der Super Series am Ende eine Tour Card geholt haben, erkennt man, dass es Spielern wirklich helfen kann."

Endlich die heiß begehrte Tour Card

Nach mehreren Anläufen gelang Beveridge schließlich der ersehnte Durchbruch: Er sicherte sich seine Tour Card. Im Vordergrund stand dabei vor allem Erleichterung.
„Es war eine enorme, enorme Erleichterung. Alle ‚Was-wäre-wenn'-Fragen waren plötzlich weg. Ich wusste, dass ich gut genug war, um eine zu holen. Ich war mehrfach knapp dran gewesen. Als ich meinen Namen schließlich dunkelgrün werden sah und wusste, dass ich sicher war, war es pure Erleichterung."
Unter den besten 128 Spielern der Welt musste sich Beveridge zunächst an seinen neuen Status gewöhnen: „Die ersten zwei Monate hatte ich ein bisschen mit dem Impostor-Syndrom zu kämpfen. Ich dachte: Ich gehöre hier nicht hin. Ich bin einfach ein normaler Junge aus Midlothian in Schottland und stehe plötzlich hier unter den besten 128 Spielern der Welt."
Dieses Gefühl legte sich jedoch schnell: „Du merkst, dass die Jungs dir genauso das Geld aus der Tasche ziehen wollen und du versuchst, Matches zu gewinnen. Dann musst du den Kopf runternehmen und weitermachen. Du hast drei Darts in der Hand. Geh raus und versuche, so viele Spiele wie möglich zu gewinnen."
Sein erstes Jahr auf der Tour verlief zäh. Zwar gewann Beveridge einzelne Partien bei den Players Championship-Turnieren, verpasste aber die European Tour, die Weltmeisterschaft sowie die Players Championship Finals. Dadurch startete er mit Rückstand ins zweite Jahr im Kampf um den Erhalt seiner Tour Card.
Für Spieler in dieser Situation hält Beveridge die European Tour Qualifier für entscheidend: „Diese Euro Tour Qualifier sind enorm wichtig, wenn du versuchst, deine Tour Card zu behalten. Auf der Pro Tour kannst du nur so viel erreichen. Dieses zusätzliche Preisgeld und die zusätzlichen Turniere helfen riesig. Gute Runs bei der UK Open, European Tours erreichen und versuchen, die Players Championship Finals zu packen: Alles, was du zusätzlich in dein Ranking steckst, ist wahnsinnig wichtig."

Form kam letztlich zu spät

In der zweiten Hälfte seines zweiten Jahres steigerte sich Beveridge spürbar. Er erreichte ein Viertelfinale auf der Pro Tour, qualifizierte sich für die Players Championship Finals und stand erneut bei einem European Tour-Event am Oche.
„In den letzten sechs Monaten meines zweiten Jahres hatte ich wirklich das Gefühl, auf der Pro Tour zuhause zu sein. Ich spielte gut und holte viele ordentliche Siege. Ich hatte mich für die Players Championship Finals qualifiziert, wieder eine Euro Tour erreicht und dort auch mein Match gewonnen."
Der Aufschwung kam für den Erhalt der Tour Card jedoch zu spät: „Ich hatte das Gefühl, dass ich endlich in Schwung kam, aber ich glaube, ich habe es schlicht ein bisschen zu spät getan."
Einer seiner schönsten Momente auf der European Tour ereignete sich in Ungarn, wo Beveridge Wessel Nijman bezwang: „Auf dem Floor war Wessel einer der besten Spieler der Welt. Er ist so gut auf der Pro Tour. Als ich die Auslosung sah, wusste ich, dass es hart wird. Aber aus irgendeinem Grund erreichte er an dem Tag nicht sein bestes Niveau, und ich war sehr froh, dass ich das ausnutzen konnte."

Kindheitstraum wird im Alexandra Palace wahr

Der absolute Höhepunkt seiner Karriere folgte schließlich im Alexandra Palace. Beveridge qualifizierte sich für die Weltmeisterschaft und durfte erstmals die legendären Stufen von Ally Pally hinaufsteigen – zuvor hatte er das Turnier nicht einmal als Zuschauer erlebt.
„Es war mein Kindheitstraum. Mein Freund und ich sprachen früher darüber und sagten zueinander: Wie großartig wäre es, dort vor diesem Publikum zu spielen?"
Die volle Tragweite des Moments traf ihn kurz vor dem Walk-on: „Sie holten mich aus dem Practice Room und ich ging runter, um mich fertig zu machen. Du stehst hinter dem Vorhang und kannst das ganze Publikum sehen. Da traf es mich plötzlich: Das ist die WM. Das ist ernst."
Sein Debüt machte Beveridge zusätzlich unvergesslich, indem er Dimitri Van den Bergh besiegte. Seine Partnerin und mehrere Freunde verfolgten den Sieg live vor Ort: „Es war unglaublich. Schwer in Worte zu fassen. Es war mein erstes Mal. Meine Partnerin schaute zu, all meine Freunde waren da. Gleich dieses erste Match auf dieser Bühne zu gewinnen, meinen Kindheitstraum zu leben und alle so glücklich zu sehen ... Das erlebt man nur einmal im Leben."
In der nächsten Runde traf Beveridge auf Madars Razma. Zwar fühlte er sich inzwischen wohler auf der großen Bühne, geriet jedoch früh deutlich in Rückstand: „Die ersten paar Sets überrollte er mich. Er kam viel schneller aus den Startlöchern als ich und ich machte mir viel zu viel Arbeit. Das Publikum teilte auch ordentlich gegen mich aus. Ich war nicht ihre Lieblingsperson auf der Bühne."
Darren Beveridge feiert seinen Sieg
Beveridge wusste Dimitri Van den Bergh bei seinem WM-Debüt mit 3:0 in Sets zu schlagen.

Alles ausgerichtet auf die Q-School

Nach dem Verlust seiner Tour Card und der anschließenden Auszeit hat Beveridge seinen Fahrplan für die kommenden Monate klar festgelegt. Er spielt weiterhin ADC-Turniere und will sich über Qualifier erneut einen Startplatz in der MODUS Super Series erarbeiten.
Eine Rückkehr auf die Challenge Tour plant er vorerst nicht: „Ich werde den Rest der Challenge Tours nicht mehr spielen. Ich habe sie zu Jahresbeginn wegen der Pause auch nicht gespielt, daher denke ich nicht, dass es Sinn ergibt, jetzt noch Zeit darin zu investieren."
Im November will Beveridge dagegen einen neuen Anlauf für die WM-Qualifikation nehmen. Danach richtet sich sein gesamter Fokus auf ein einziges Ziel: „Ich werde versuchen, im November den WM-Qualifier zu spielen, um dort wieder zurückzukommen. Das ist im Grunde mein Ziel bis Januar. Weiter als bis zur Q-School habe ich noch nicht geschaut. Alles, was ich jetzt mache, ist die Anlaufphase dorthin."
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