Michael van Gerwen hat am Eröffnungsabend der
Premier League Darts 2026 direkt ein Ausrufezeichen gesetzt. Nachdem er die Ligaphase im vergangenen Jahr ohne Spieltagssieg und außerhalb der Top-4 beendete,
reckte er am Donnerstagabend bereits mehr Trophäen in den Nachthimmel, als in den 16 Wochen der Vorsaison. Dennoch zeigte sich nach dem Finale kein überschwänglicher „Mighty Mike“. Keine großen Gesten, kein Brustklopfen. Van Gerwen blieb auffallend ruhig, beinahe nüchtern. Und gerade das sagt vielleicht alles über seine mentale Verfassung zu Beginn dieser langen Premier-League-Kampagne aus.
„Es ist prima“,
sagte van Gerwen kurz nach seinem Sieg im Rahmen einer Pressekonferenz. „Ich denke, ich habe es okay gemacht.“ Wer van Gerwen an diesem ersten Abend spielen sah, merkte schnell, dass sein Niveau nicht durchgehend Weltklasse war. Das räumte er selbst ein. „In einigen Phasen war mein Scoring gut, zum Beispiel in meinem Match gegen Gerwyn Price“, analysierte er. „Dann spielst du plötzlich Legs mit 140-140-140. Danach war es manchmal wieder weniger, aber in den Momenten, in denen ich musste, war ich da.“
„Wenn ich gut sein musste, war ich gut“
Und genau das ist der Unterschied zwischen Siegen und Niederlagen auf diesem Niveau. Van Gerwen musste nicht jedes Leg dominieren. Er musste nicht konstant über 105 im Schnitt spielen. Was er jedoch tat: Er schlug in den entscheidenden Situationen zu. Ein wichtiges Doppel, ein starkes Leg unter Druck, eine entscheidende Serie Scores, wenn der Gegner Morgenluft witterte. „Wenn ich gut sein musste, war ich gut“, fasste er es zusammen. „Das sorgt dafür, dass du Abende gewinnst.“
Keine Euphorie, aber Realismus
Normalerweise zeigt sich van Gerwen nach einem Sieg sichtbar ausgelassener. Diesmal blieb er bemerkenswert beherrscht. Auf seine zurückhaltende Reaktion angesprochen, blieb er nüchtern: „Es liegt noch ein langer Weg vor uns. Wir wissen alle, dass die Premier League eine Achterbahnfahrt ist.“
Van Gerwen weiß wie kein Zweiter, wie tückisch diese Liga sein kann. „Ich war auch schon in einer Situation, in der ich drei Abende in Folge gewonnen habe und danach schlecht gespielt habe“, erinnerte er sich. „Deshalb muss ich dafür sorgen, dass ich meinen Fokus und mein Momentum halte, auch Richtung nächste Woche.“
Es ist die Stimme eines Spielers, der alles erlebt hat: Siege, Enttäuschungen, Dominanz und Zweifel. Wo früher vielleicht Emotion und Bravour überwogen, herrschen nun Kontrolle und Selbstkenntnis.
Keine Diskussion über die ‚niederländische Nummer eins‘
Im Zuge der Pressekonferenz konfrontierten Journalisten van Gerwen auch mit Aussagen zu seiner Position als ehemalige niederländische Nummer eins – die inzwischen
Gian van Veen übernommen hat –, gerade jetzt, da die Konkurrenz aus dem eigenen Land wächst. Doch davon wollte er wenig wissen. „Ich habe das nie so gesagt“, reagierte er scharf. „Das sind eure Worte, nicht meine.“
Für van Gerwen ist klar: Wer die Nummer eins der Welt sein will, muss jeden schlagen. Die Nationalität spielt dabei keine Rolle. „Wenn du die Nummer eins der Welt sein willst, musst du alles und jeden besiegen. Und ja, dann musst du auch der beste Niederländer sein. Aber das war ich sehr lange – und vielleicht bin ich es immer noch.“
Sein Fokus liegt anderswo. „Für mich selbst muss ich einfach weiter gewinnen. Alles andere ist mir nicht so wichtig.“
„Ich hasse das Wort Statement“
Dass dieser Sieg als starkes Signal an den Rest des Feldes gewertet wurde, wollte van Gerwen nicht bestätigen. Mehr noch: Er wehrte sich vehement gegen diese Interpretation. „Ich hasse das Wort Statement“, sagte er resolut. „Ich habe wirklich genug von Statements.“
Laut van Gerwen muss er niemandem mehr etwas beweisen. „Früher war die Erwartung immer:
Michael van Gerwen gewinnt das Turnier. Wenn ich dieses Gefühl nicht mehr hätte, könnte ich genauso gut mit dem Dartsport aufhören. Dann stimmt etwas nicht.“
Dieser Siegergeist ist noch immer da. Unverändert. „Ihr kennt mich. Ich gebe immer hundert Prozent, ich gebe niemals auf und ich will gewinnen. So simpel ist das.“
Auf die Frage, wie wichtig dieser frühe Abendsieg für seine mentale Verfassung ist, blieb van Gerwen erneut nüchtern. „Für meine Mindset macht es nicht so viel aus. Ich weiß, dass es gut ist. Aber es ist natürlich schöner, vorneweg zugehen, als der Verfolger zu sein.“
Dennoch räumte er ein, dass der Unterschied zum Vorjahr groß ist. „Letztes Jahr hatte ich eine sehr schlechte Premier League“, gab er in ungewohnt direkten Worten zu. „Normalerweise würde ich es anders sagen, aber dann bekomme ich wieder Kommentare.“ Die Botschaft war klar: 2026 soll alles anders werden.
Und dieser Prozess beginnt mit Vertrauen. „Solange du weiter in dein eigenes Können und deine Leistungen investierst, weiß ich, was ich kann. Ich werde alles annehmen, was auf meinen Weg kommt. Ich will sie schlagen. Punkt.“
Momentum als Schlüsselwort
Wenn es ein Wort gab, das in van Gerwens Analyse immer wieder auftauchte, dann Momentum. „Das war das Angenehmste am heutigen Abend“, sagte er. „Wenn ich liefern musste, habe ich geliefert. Das gibt Momentum. Und Momentum gewinnt Spiele.“
Laut van Gerwen ist Gewinnen das beste Heilmittel. „Für deine Form, für dein Selbstvertrauen, für alles. Solange du deine eigenen Kämpfe weiter führst und Matches gewinnst, wächst das Vertrauen. Und dann ist alles möglich.“
Ausblick: Belgien und volle Arenen
Nächste Woche wartet ein besonderer Abend: Die
Premier League Darts macht in Belgien Station – eine Premiere für die Liga. Van Gerwen freut sich darauf. „Es werden viele Niederländer da sein, denke ich“, lachte er. „Aber ich freue mich wirklich darauf, dort zu spielen.“
Die Premier League bleibt für ihn etwas Besonderes, trotz seiner Kritik am Format. „Manchmal finde ich das Format ein bisschen langweilig“, gab er zu. „Aber vor Tausenden von Menschen zu spielen, volle Arenen – das macht mir enorm viel Spaß.“
Ist van Gerwen mental schon wieder auf seinem absoluten Topniveau? Nein, sagt er ehrlich. „Noch nicht. Ich bin noch nicht da. Ich komme, aber es braucht Zeit.“
Und dann folgt vielleicht der aussagekräftigste Satz des Abends:
„Es ist kein Sprint, es ist ein Marathon.“