Dennis Priestley gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der Darts-Geschichte. Doch der Weg des zweimaligen Weltmeisters an die Spitze verlief alles andere als geradlinig. Erst Mitte seiner Zwanziger begann er, sich ernsthafter mit dem Sport zu beschäftigen. Anschließend dauerte es Jahre, bis er sich über das County-Circuit bis ins englische Nationalteam spielte. In einem ausführlichen Interview blickt „Dennis the Menace“ auf seine ersten Pfeile, seinen unverwechselbaren Wurfstil, die Kritik an seinem langsamen Spieltempo und jene historische Abspaltung zurück, die schließlich zur Gründung der PDC führte.
Inzwischen genießt Priestley seit einigen Jahren seinen Ruhestand. Selbst bei Exhibitions tritt der Engländer nicht mehr ans Oche. Mehr noch: Seine Darts hat er seit geraumer Zeit überhaupt nicht mehr in die Hand genommen.
Seit fast fünf Jahren keinen Dart mehr geworfen
„Im November dieses Jahres ist es fünf Jahre her, dass ich mein letztes Showmatch gespielt habe. Seitdem habe ich meine Pfeile nicht mehr angerührt“, erzählt Priestley im Podcast „Tops & Tales“ von Referee Huw Ware.
Dennis Priestley prägte eine entscheidende Epoche des Dartsports: Der zweimalige Weltmeister gehörte zu den Spielern, deren Abspaltung letztlich zur heutigen PDC führte.
Damit ist ein außergewöhnliches Kapitel endgültig abgeschlossen. Priestley war über Jahrzehnte aktiv und erlebte aus nächster Nähe mit, wie sich Darts von einem traditionellen Pub-Sport zu einer professionellen Fernsehsportart entwickelte. Seine eigene ernsthafte Begegnung mit dem Sport erfolgte dabei vergleichsweise spät.
Priestley war Mitte zwanzig, als Darts in seinem Leben eine größere Rolle einzunehmen begann. Bemerkenswert ist, wie er zu seinem ersten Set Tungsten-Darts kam: Das Geld dafür verdiente er mit einer erfolgreichen Wette auf ein Pferderennen.
„Ich hatte auf das Derby 1975 gewettet und Grundy gewann. Pat Eddery war der Jockey. Ich hatte sechs Pfund zu 11/2 gesetzt, also gewann ich 33 Pfund. Davon kaufte ich mein erstes Set Tungsten-Darts.“
Zuvor hatte Priestley zwar bereits einmal pro Woche mit Messing-Pfeilen gespielt, allerdings unter Bedingungen, die sich deutlich vom modernen Darts unterschieden. Geworfen wurde auf ein Yorkshire-Board, das keine Triple-Felder besitzt.
„Ich spielte einmal pro Woche montags mit Messing-Pfeilen auf einem Yorkshire-Board. Dort gibt es nur Doppel- und keine Triple-Felder. Außerdem standen wir neun Inch näher am Board.“
In den folgenden Jahren erlebte Priestley auch mit, wie sich die Wurfentfernungen veränderten. Er erinnert sich unter anderem an die WM-Finals zwischen Leighton Rees und John Lowe Ende der 1970er-Jahre. Die Spieler mussten sich damals immer wieder auf unterschiedliche Distanzen einstellen.
„Man gewöhnte sich an sieben Fuß und sechs Inch. Man merkte, dass die Pfeile manchmal knapp nicht kamen, also musste man sich anpassen. Mit der Zeit tut man das. Wir spielten auch von sieben Fuß und neun Inch, und als die News of the World wieder eingeführt wurde, waren es acht Fuß. Daran gewöhnte man sich.“
Besonderer Grip wurde zum Markenzeichen
Wer Priestley während seiner Glanzzeit am Oche erlebte, dürfte seinen unverwechselbaren Stil sofort vor Augen haben. Vor dem ersten Pfeil ließ er sich viel Zeit, zudem entwickelte er einen außergewöhnlichen Grip: Vor dem Abwurf ruhte die Spitze seines Darts tatsächlich auf seinem Finger.
„Die Spitze lag auf meinem Finger. Eine Zeit lang habe ich sie auf meinem Nagel ruhen lassen, aber irgendwann habe ich sie auf den Finger gelegt.“
Diese Eigenheit war Teil einer entscheidenden Entwicklung seines Spiels. Priestley stellte fest, dass er in seinen Anfangsjahren mehrere unterschiedliche Wurfstile verwendete. Erst als er sich konsequent für eine bestimmte Technik entschied, erreichte er dauerhaft ein höheres Niveau.
„In den ersten Jahren, Ende der 1970er, konnte ich auf zwei oder drei verschiedene Arten spielen. Irgendwann begriff ich, dass ich eine Methode wählen musste, die für mich am besten funktionierte. Als ich mich darauf konzentrierte, statt auf verschiedene Arten zu werfen, wurde ich konstanter.“
Sein ungewöhnlicher Grip brachte allerdings auch einen Nachteil mit sich: Priestley konnte keine besonders langen Spitzen verwenden. Gerade solche längeren Spitzen sind heute bei Spielern wie Luke Littler und Luke Humphries beliebt, weil dadurch mehr Platz im Scoring-Feld entstehen kann.
„Ich habe immer gesagt, dass lange Spitzen so ein großer Vorteil sind. Das sagte ich schon in den 1980ern. Aber ich konnte keine lange Spitze benutzen, weil ich die Dartspitze auf meinem Finger hatte. Die Spitze musste also ziemlich kurz sein. Andernfalls wäre ich mit meinem Griff ganz hinten am Barrel oder sogar am Shaft gelandet. Aber eine lange Spitze ist absolut ein großer Vorteil.“
Kritik am langsamen Tempo nervte Priestley
Nicht nur sein Grip machte Priestley unverkennbar. Auch sein bedächtiges Spieltempo sorgte über Jahre hinweg für Gesprächsstoff. Insbesondere vor seinem ersten Dart nahm sich der Engländer viel Zeit – eine Eigenheit, auf die Kommentatoren regelmäßig hinwiesen. Priestley konnte das mitunter gehörig auf die Nerven gehen.
„Ich hatte es irgendwann satt, dass Kommentatoren und Fernsehleute ständig sagten: ‚Oh, das dauert siebzehn Sekunden.‘ Phil Taylor brauchte fünfzehn Sekunden. Zwei Sekunden unter Freunden sind doch nichts, oder? Es ging mir wirklich auf die Nerven, das immer wieder zu hören. Es irritierte mich.“
Aus Priestleys Sicht entstand dadurch ein verzerrtes Bild seines tatsächlichen Spieltempos. Vor allem die Vorbereitung auf den ersten Dart dauerte länger. Saß dieser erst einmal wie gewünscht, folgten die beiden nächsten Pfeile wesentlich schneller.
„Sobald meine Haltung stimmte, mein Arm oben war und meine Hand nicht mehr zitterte, ließ ich den ersten Dart los. Wenn der dort landete, wo ich ihn haben wollte, gingen die anderen zwei genauso schnell wie bei jedem anderen Spieler.“
Noch etwas langsamer wurde Priestleys Rhythmus erst, als er regelmäßig vor den Fernsehkameras spielte. Der Grund dafür war der Druck, den er sich selbst auferlegte.
„Als ich dann im Fernsehen auftrat, wurde ich meiner Meinung nach ein paar Sekunden langsamer. Ich wollte erfolgreich sein. Ich wollte mich im Fernsehen nicht zum Narren machen. Deshalb nahm ich mir etwas mehr Zeit, und das hat natürlich funktioniert.“
Van der Voort hatte Probleme mit Priestleys Tempo
Priestleys bedächtiger Rhythmus bildete mitunter einen deutlichen Kontrast zum Spielstil seiner Gegner. Gerade schnelle Spieler konnten Schwierigkeiten damit haben, ihren eigenen Rhythmus aufrechtzuerhalten. Als Beispiel nennt Priestley Vincent van der Voort.
„Die schnellen Spieler hätten es ziemlich schwer gefunden, gegen mich zu spielen. Vincent van der Voort war sehr schnell. Für ihn war es immer sehr schwierig, gegen mich zu spielen.“
Umgekehrt musste Priestley darauf achten, sich nicht vom hohen Tempo seines Gegenübers mitreißen zu lassen. Das passierte ihm sogar einmal gegen Michael van Gerwen.
„Ich wusste einfach, dass ich bei schnellen Spielern mein eigenes Tempo beibehalten musste. Manchmal können sie dich hetzen. Das habe ich ein paar Mal gemerkt. Als ich einmal gegen Michael van Gerwen spielte, dachte ich: Ich gerate außer Atem, wenn ich zurücklaufe. Er treibt mich viel zu sehr. Also blieb ich einfach in meinem eigenen Tempo.“
Trotz der vielen Diskussionen über seine Geschwindigkeit kann sich Priestley nicht daran erinnern, dass ihn ein Gegner jemals direkt darauf angesprochen hätte. Bei einem Turnier wurde allerdings einmal versucht, ihn aus einem völlig anderen Grund aus dem Wettbewerb zu bekommen.
Gegner wollte Priestley wegen seiner Schuhe aus dem Turnier werfen lassen
Bei einem Event in Oldham galten Priestley zufolge strenge Kleidervorschriften. Die Spieler mussten eine schwarze Hose und elegante schwarze Schuhe tragen. Priestley erschien stattdessen in komplett schwarzen Reebok-Sneakern.
Für jemanden im Teilnehmerfeld war das offenbar Grund genug, eine Beschwerde einzureichen.
„Jemand hat mich gemeldet. Weil sie wussten, dass sie mich am Dartboard nicht schlagen konnten, wollten sie, dass ich aus dem Turnier ausgeschlossen werde, weil ich das falsche Schuhwerk trug.“
Angesichts der teilweise extravaganten Outfits, mit denen heutige Profis auf die Bühne kommen, kann Priestley über die damalige Episode inzwischen schmunzeln.
„Stell dir das heutzutage mit Peter Wright und solchen Spielern vor.“
Priestleys Karriere nahm keineswegs über Nacht Fahrt auf. Während moderne Talente mitunter innerhalb weniger Monate von der Development Tour auf die großen Bühnen der PDC durchstarten, benötigte Priestley nach eigener Einschätzung sieben oder acht Jahre, um sich vom lokalen Darts bis an die internationale Spitze vorzuarbeiten.
„Es werden so um die sieben oder acht Jahre gewesen sein. Meiner Meinung nach wurde ich 1983 für Yorkshire nominiert. Danach dauerte es wahrscheinlich noch fünf Jahre, bis ich nach und nach gut genug war, um für England zu spielen.“
Schließlich schaffte es Priestley sogar bis an die Spitze der Weltrangliste. Anfang der 1990er-Jahre gehörte er zur absoluten Elite des Sports – und 1993 sollte ihm eine besondere Ehre zuteilwerden: Priestley war als Kapitän der englischen Nationalmannschaft vorgesehen.
Doch ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ereignete sich der historische Bruch, der die Darts-Welt nachhaltig verändern sollte. Priestley gehörte zu jener Gruppe von Spielern, die sich vom bestehenden Dartverband abspaltete. Aus dieser Entwicklung entstand letztlich die Organisation, die heute als PDC bekannt ist.
Für Priestley persönlich hatte diese Entscheidung erhebliche Konsequenzen. Seine geplante Amtszeit als englischer Kapitän kam aufgrund der Abspaltung nicht zustande.
„Ich hätte 1993 das ganze Jahr über Kapitän sein sollen. Diese Ehre habe ich am Ende nie erhalten.“
Im Rückblick wird Priestley umso deutlicher bewusst, wie viel für ihn damals auf dem Spiel stand. Er hatte gerade die absolute Weltspitze erreicht und befand sich in einer Position, für die andere Spieler ihre gesamte Karriere kämpfen.
„Darüber könnte ich natürlich immer noch enttäuscht sein. Von allen sechzehn Spielern, die sich abspalteten, hatte ich wahrscheinlich am meisten zu verlieren. Ich war zu diesem Zeitpunkt die Nummer eins der Welt. Ich war zum Kapitän von England gewählt worden und bekam am Ende nicht die Chance, das auch zu tun.“
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Heute berichtet er für Dartsnews.de über den professionellen Dartsport und ordnet das aktuelle Geschehen ein – von großen Turnieren bis zu Entwicklungen abseits der Bühne.
Regelmäßig ist er bei Events vor Ort und begleitet rund 20 Turniere pro Jahr, wo er Interviews führt, unter anderem mit Luke Littler, Luke Humphries, Michael van Gerwen, Gerwyn Price sowie Martin Schindler, Gian van Veen und Josh Rock.
Zudem ist er eine der prägenden Stimmen im englischsprachigen Dartsnews Podcast und Co-Host des Sport-Podcasts Overtime Takes.
Nic arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus.
In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.