„Sie bekommen die volle WWE-Show, obwohl der Junge heute Morgen noch ein Waschbecken repariert hat“ – Dan Dawson über den Kontrast, der Darts so besonders macht

PDC
Samstag, 08 August 2026 um 14:45
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Wer Darts noch immer als reines Kneipenspiel abtut, hat die rasante Entwicklung des Sports in den vergangenen Jahren komplett verschlafen. Aus einer einst vergleichsweise kleinen Randdisziplin ist ein globales Entertainment-Phänomen geworden. Millionen Zuschauer verfolgen die großen Turniere im TV, während Hallen in ganz Europa binnen weniger Minuten ausverkauft sind. Fans erscheinen verkleidet, singen ohne Unterbrechung und erzeugen eine Atmosphäre, die im gesamten Sport ihresgleichen sucht.
Der Erfolg beschränkt sich längst nicht mehr auf Europa. Ein neuer Mediendeal zwischen der PDC und ESPN bringt den Profisport nun auch in den US-Markt. Beim jüngsten World Matchplay übertrug ESPN+ das komplette Turnier, das Finale lief sogar live auf ESPN2. Für die PDC markiert dieser Schritt einen weiteren wichtigen Meilenstein auf dem Weg zum internationalen Wachstum.

Ein Abend, an dem Sport und Party Hand in Hand gehen

Kommentator Dan Dawson erlebt diese Entwicklung seit Jahren hautnah. Er gehört bei großen PDC-Turnieren für Sky Sports, ITV und die European Tour zu den festen Stimmen hinter dem Mikrofon. Für Dawson liegt der Erfolg des Darts nicht allein am hohen Niveau auf der Bühne, sondern vor allem am Gesamterlebnis, das den Sport einzigartig macht.
Dawson ist überzeugt: Viele neue Fans richten ihren Blick anfangs gar nicht auf die Spieler, sondern auf das Geschehen in den Rängen. „Das, was die Leute einfängt – besonders bei nordamerikanischen Zuschauern, wie ich festgestellt habe – ist das, was im Publikum passiert, denn es ist eine einzige große Party", erklärt er.
Darin unterscheidet sich Darts seiner Ansicht nach von fast jeder anderen Sportart. Besucher kaufen oft kein Ticket, um einen bestimmten Spieler anzufeuern, sondern schlicht, weil sie einen unterhaltsamen Abend erleben wollen.
„Sie unterstützen nicht zwingend einen bestimmten Spieler. Sie sind nicht unbedingt wegen eines bestimmten Turniers da. Sie gehen zu einem Darts-Abend, weil es um das Erlebnis geht. Der sportliche Aspekt läuft parallel dazu. Sie wollen die großen Momente sehen, die Nine-Darter, die riesigen Checkouts, die 180er – damit sie ihre Getränke trinken, ihre Lieder singen und Teil des Spektakels sein können. Ich bin mir nicht sicher, ob es viele Sportarten gibt, bei denen das so ist", sagt er im Gespräch mit Awful Announcing.
Fußball-, Tennis- oder Basketballfans verbindet meist eine klare Vorliebe für ein Team oder einen Spieler. Im Darts sieht das anders aus. Die Atmosphäre steht im Mittelpunkt, und das Publikum lässt sich häufig vom Spielverlauf mitreißen, statt von vornherein Partei zu ergreifen. Laut Dawson entsteht dadurch eine besondere Dynamik, in der Sport und Unterhaltung ständig nebeneinander existieren.

Von Räumen mit 200 Leuten zu ausverkauften Arenen

Dawson hat das Wachstum des Sports hautnah miterlebt. Seit dem Start der European Tour reist er nahezu jedes Wochenende zu den verschiedenen Austragungsorten. Die Entwicklung, die er dabei beobachtet hat, bezeichnet er als enorm. „Ich mache viel auf der European Tour und bin seit ihren Anfängen dabei. Das ist gewachsen von Auftritten in Räumen mit 200 Leuten, wo man in den frühen Tagen noch Tickets verschenken musste."
Dieses Bild hat sich mittlerweile vollständig gewandelt. Events der European Tour ziehen inzwischen mühelos mehrere tausend Zuschauer pro Session an und zählen zu den beliebtesten Terminen im PDC-Kalender.
Als Beispiel nennt Dawson das Turnier in Maastricht später in diesem Jahr, für das Veranstalter innerhalb von nur drei Tagen 22.000 Tickets verkauften. „Man kann diese Energie im Saal förmlich spüren, und die Zuschauer unterscheiden sich in ihrem Verhalten immer ein wenig. Wir bekommen riesige Zuschauerzahlen in Ungarn, aber die sind für Darts-Verhältnisse eher gesetzt und ruhig, während ein Saal voller Niederländer das Dach abheben lassen kann, selbst wenn es nicht so viele sind."
Diese Energie überträgt sich seiner Aussage nach auch auf diejenigen, die die Matches begleiten. „Es ist eine ziemlich bunte Mischung, die im selben Raum zusammenkommt. Und wenn man sich davon nicht mitreißen lässt, ist man im falschen Job."
Auch wenn die feiernden Ränge oft die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen, betont Dawson, dass die sportliche Seite mindestens genauso fasziniert.

Psychologie statt reiner Wurftechnik

Auf dem Papier wirkt Darts simpel: Zwei Spieler werfen eine halbe Stunde oder länger auf dasselbe Board. Dawson sieht hinter jedem Leg jedoch einen komplexen mentalen Kampf. „Die Schönheit des Spiels liegt nicht nur in Mathematik und Können, sondern in der Psychologie."
Den Druck, mit dem die Spieler umgehen müssen, erkennt man seiner Meinung nach mit bloßem Auge. Während der eine Spieler völlig cool bleibt, kann ein anderer unter der Anspannung zerbrechen. „Man kann den Stress, unter dem diese Jungs stehen, buchstäblich sehen – und das führt zu Fehlern. Manche haben komplette Aussetzer, sie können aufbrausend werden, es ist ein echter gladiatorischer Kampf, und das ist an sich schon fesselnd."
Gerade dieser Kontrast macht Darts für ihn so besonders. Während Tausende singen und Bier trinken, liefern sich zwei Spieler auf der Bühne ein intensives mentales Duell, in dem ein einziger Fehlwurf über Sieg oder Niederlage entscheiden kann.

Walk-ons als fester Bestandteil der Show

Nicht nur die Matches selbst machen Darts zum Spektakel. Auch die Walk-ons der Spieler haben sich zu einem festen Bestandteil des Erlebnisses entwickelt.
Jeder Profi besitzt inzwischen seinen eigenen Walk-on-Song, und fast alle tragen einen Spitznamen, der untrennbar zu ihrer Persona gehört. Laut Dawson steckt dahinter aber nicht immer ein ausgeklügelter Marketingplan. „Ich wünschte, es wäre so! Manche sind echt grottig."
Nathan Aspinall während seines Walk-ons
Nathan Aspinall hat innerhalb der PDC einen der beliebtesten Walk-ons.
Viele dieser Identitäten entstehen seiner Ansicht nach weiterhin völlig zufällig. „Wir haben Leute, die an die Spitze des Sports gekommen sind und Major-Titel gewonnen haben, und sie laufen immer noch mit einem Spitznamen herum, den ihnen irgendein Kerl in einer Kneipe verpasst hat, weil sie einmal schicke neue Turnschuhe trugen."
Walk-ons und Spitznamen spielen dennoch eine bedeutende Rolle. Sie helfen Spielern, wiedererkennbar zu werden und ihre eigene Marke aufzubauen. „Es hilft, die Fans auf seine Seite zu ziehen, was in einem Match wichtig sein kann. Beliebt zu sein, die Menge hinter sich zu haben – und Darts-Publika sind launisch."
Das Publikum bleibt dabei nicht immer lange beim gleichen Favoriten. Darts-Fans sind dafür bekannt, während eines Matches mühelos die Seiten zu wechseln. „Der Typ, den alle gewinnen sehen wollen, führt komfortabel, der andere startet eine Aufholjagd, dann wechseln sie die Loyalität, sie wollen, dass die Party weitergeht."

Normale Menschen, die kurzzeitig zu Superstars werden

Die vielleicht größte Stärke des Darts liegt laut Dawson darin, dass die Spieler trotz Lichtshow und ausverkaufter Arenen normale Menschen geblieben sind. „Der Satz, den ich bei Darts-Spielern immer verwende, lautet: Sie sind gewöhnliche Menschen, die Außergewöhnliches leisten."
Während Topathleten in vielen anderen Sportarten unerreichbar wirken, haben viele Darter jahrelang in normalen Jobs gearbeitet. Einige verbinden diesen Alltag sogar weiterhin mit ihrer Karriere auf der PDC Tour. „Wir haben Leute auf der Tour, die Feuerwehrmänner sind, Paketzusteller, und sie bauen das Darts drumherum ein. Aber sie sind nahbar in einer Weise, wie es viele Spitzensportler einfach nicht sind."
Ein passendes Beispiel liefert Cameron Menzies. Bei der WM 2025 stand der Schotte auf der Bühne im Alexandra Palace, erledigte aber noch am selben Tag Sanitärarbeiten. „Er lag am Tag seines Auftritts im Ally Pally unter der Spüle von jemandem und reparierte die Leitungen. Das gibt es in normalen Sportarten nicht."
Dieser Kontrast fasziniert Dawson bis heute. Derselbe Spieler bekommt wenige Stunden später einen spektakulären Walk-on, komplett mit Pyrotechnik, Lasern, treibender Musik und Tausenden Fans, die seinen Namen skandieren.
„Es ist zum Schreien komisch und verrückt, dass sie die volle WWE-Show mit Walk-on-Song, Lichtern, Lasern und Ansagern bekommen, die richtig aufdrehen, obwohl der Junge heute Morgen noch ein Waschbecken repariert hat oder morgen, wenn er fertig ist, einen Lieferwagen fährt. Aber genau das gehört zu den Gründen, warum ich es absolut liebe."

Luke Littler öffnet die Tür zu einem völlig neuen Publikum

Für Dawson steht außer Frage, dass der Sport in den vergangenen Jahren enorm gewachsen ist. Besonders verweist er dabei auf den Einfluss von Luke Littler.
Der mittlerweile zweifache Weltmeister erreichte laut dem Kommentator ein Publikum, das sich zuvor kaum für Darts interessierte. „Seine Geschichte ist in Bereiche vorgedrungen, die Darts sonst nur selten erreicht."
Dawson ist überzeugt, dass diese Entwicklung mit Littlers sensationellem WM-Debüt begann. „Ein Kind gewinnt bei seinem Debüt beinahe die Weltmeisterschaft – das ist eine Wahnsinnsgeschichte. Das Kind gewinnt dann die Weltmeisterschaft und alles andere – das ist eine unglaubliche Geschichte. Was er tut, ist nahezu beispiellos: so aufzuschlagen, wie er es getan hat, und weiter zu siegen."
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