„Was bedeutet das für uns?“ – Wessel Nijman verrät, wie er das Menzies-Drama beim World Matchplay erlebte

PDC
durch Nic Gayer
Dienstag, 11 August 2026 um 17:30
Wessel Nijman
Wessel Nijman hat seine Darts nach einer außergewöhnlich erfolgreichen ersten Saisonhälfte vorübergehend beiseitegelegt. Nicht weniger als acht Titel gewann der Niederländer im ersten Halbjahr und untermauerte damit eindrucksvoll seinen Status als einer der Spieler, die derzeit mit den größten Schritten in Richtung absolute Weltspitze unterwegs sind. Dennoch bleibt Nijman bodenständig. Eine mögliche Teilnahme an der Premier League bezeichnet er vorerst eher als Traum denn als konkretes Ziel. Für den Herbst hat er dagegen eine klare Ambition: Auch bei den großen TV-Turnieren will er endlich Eindruck hinterlassen.
Im Podcast „Darts Draait Door“ von Vincent van der Voort und Damian Vlottes blickte Nijman ausführlich auf seine bemerkenswerte erste Saisonhälfte zurück. Nach Monaten, in denen ein Turnier auf das nächste folgte, entschied sich der Niederländer bewusst dafür, die Darts für eine Weile komplett ruhen zu lassen.

Nach acht Titeln: Nijman gönnt sich eine Pause

„Letzte Woche habe ich die ganze Woche meine Pfeile nicht angefasst“, erzählt Nijman. „Ich habe es mir ein bisschen im Garten gemütlich gemacht und bin herumspaziert.“
Wessel Nijman jubelt.
Wessel Nijman gewann in der ersten Hälfte der Saison acht Titel und möchte seine starke Form im Herbst nun auch bei den großen TV-Turnieren bestätigen.
Van der Voort hält eine solche Auszeit vom Dartboard für ausgesprochen sinnvoll. „Einfach mal Abstand nehmen. Es ist ja sonst Woche für Woche nur werfen. Dann hast du auch wieder mehr Lust, wenn es wieder losgeht. Man kann nicht immer weitermachen. Das ist einfach zu viel.“
Ein weiterer Urlaub steht für Nijman in diesem Sommer allerdings nicht auf dem Programm. Während des World Cup of Darts war er bereits gemeinsam mit seiner Freundin in Griechenland. „Meine Freundin hatte gerade einen neuen Job, deshalb haben wir uns entschieden, jetzt nicht auch noch wegzufahren.“
Dafür blieb dem 26-Jährigen Zeit für eine andere große Leidenschaft: AZ Alkmaar. Der aus Uitgeest stammende Darts-Profi ist glühender Anhänger des niederländischen Fußballklubs und besuchte unter anderem den 4:0-Erfolg gegen PSV um die Johan Cruijff Schaal. Was die Chancen von AZ in der Eredivisie angeht, bleibt Nijman allerdings zurückhaltend.
„Man hofft immer ein bisschen auf diese Top drei“, sagt Nijman. „Sie sagen ja immer, dass sie die traditionelle Top drei angreifen wollen. Das wäre schon mal schön. Top drei wäre wirklich sehr schön, einmal.“ An die Meisterschaft glaubt er vorerst allerdings nicht: „Das glaube ich nicht. Ich denke, dass Ajax dieses Jahr stark ist.“

Acht Titel in nur einem halben Jahr

Nach dem kurzen Ausflug in die Welt des Fußballs richtete sich der Fokus des Gesprächs schnell wieder auf den Dartsport. Nijman blickt auf eine erste Saisonhälfte zurück, die selbst seine eigenen Erwartungen deutlich übertroffen hat. Gleich achtmal durfte der Niederländer einen Titelgewinn feiern.
„Auf jeden Fall“, antwortet er auf die Frage, ob er mit seinen bisherigen Leistungen zufrieden sei. „Ich hätte im Vorfeld natürlich nicht gedacht oder gehofft, dass mein erstes Halbjahr so viele Titel bringen würde und dass ich auch einfach ziemlich gut in Form kommen würde. Also ja, ich bin sehr glücklich damit.“
Van der Voort verwies dabei auf eine entscheidende Veränderung, die Nijman vor Beginn seiner Erfolgsphase vorgenommen hatte. Der Niederländer gab seinen Beruf auf, um sich fortan vollständig auf seine Darts-Karriere konzentrieren zu können. Eine solche Entscheidung schafft zwar mehr Zeit für Training und Reisen, ist jedoch keineswegs eine Garantie für bessere Ergebnisse.
Bei Nijman machte sich der Schritt zum Vollzeit-Profi nahezu unmittelbar bezahlt. Dennoch beschäftigte ihn im Vorfeld durchaus die Frage, was passieren würde, wenn die Entscheidung am Ende nicht den gewünschten Effekt hätte.
„Das hat man natürlich immer ein bisschen im Kopf“, räumt Nijman ein. „Aber ich habe mir nicht allzu große Sorgen gemacht, dass es schlecht ausgehen würde. Ich hatte eigentlich eher im Kopf: Es kann nicht schlechter laufen. Oder zumindest, es kann nicht rückwärtsgehen, wenn man mehr Zeit hineinsteckt. Und ich denke, das ist bei allem so.“
Dank seiner starken Leistungen hat sich Nijman mittlerweile in den verschiedenen Ranglisten eine hervorragende Ausgangsposition erarbeitet. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass er es im Herbst ruhiger angehen lassen möchte. Die Players-Championship-Turniere will der Niederländer grundsätzlich weiterhin alle bestreiten.
„Der einzige gute Grund, wirklich Pro Tours abzusagen, ist meiner Meinung nur, wenn man die Premier League spielt, weil es dann einfach wirklich zu voll wird“, erklärt Nijman. „Und es ist auch nicht so, dass mein Exhibition-Kalender rappelvoll ist. Also spiele ich einfach weiter.“
Die hohe Anzahl an Matches betrachtet Nijman sogar als einen wichtigen Faktor für seine starke Form. Ein guter Spielrhythmus ist für ihn wertvoller als zusätzliche Pausen, die lediglich der Erholung dienen sollen.
„Ich denke, dass das auch einfach angenehm ist. Das hat letztlich auch zu der Form im ersten Halbjahr beigetragen. Wenn man natürlich so viel spielt und so viele Matches bestreitet und gut drin ist, dann wird es nur besser.“

Premier League? „Eher ein Traum als ein Ziel“

Angesichts seiner rasanten Entwicklung stellt sich zwangsläufig die Frage, wie weit Nijman noch von einer Teilnahme an der Premier League Darts entfernt ist. Der Niederländer zählt immer deutlicher zu jenen Spielern, die sich in Richtung der höchsten Regionen der Weltrangliste bewegen. Selbst möchte er den Blick jedoch noch nicht zu weit in die Zukunft richten.
„Ich denke, dass das noch ziemlich weit weg ist“, sagt Nijman. „Die Premier-League-Plätze werden meines Wissens erst in der zweiten Jahreshälfte vergeben. Ich müsste noch ein paar mehr Ergebnisse liefern, um wirklich auf diese Favoritenliste zu kommen.“
Van der Voort sieht durchaus Chancen für seinen Landsmann, betont allerdings ebenfalls, dass vor allem die Resultate auf den großen TV-Bühnen entscheidend sein werden. Nijman kann noch so viele Floor-Turniere und Events auf der European Tour gewinnen – um ernsthafte Ansprüche auf eine Einladung zur Premier League anzumelden, muss er seine Klasse auch bei den großen Major-Turnieren unter Beweis stellen.
Deshalb spricht Nijman selbst lieber von einem „Traum“ als von einem konkreten „Ziel“. „Es ist nicht wirklich ein Ziel, vielmehr kann man es als Traum sehen. Dass man darauf hinarbeitet, aber dass es nicht zwangsläufig sein muss.“

Trotz frühem World-Matchplay-Aus: Nijman zieht positives Fazit

Eine Gelegenheit, sich in diesem Sommer auf einer der großen Bühnen zu beweisen, bot sich Nijman beim World Matchplay in Blackpool. Nach seinem Auftaktsieg gegen Dave Chisnall kam es in der zweiten Runde zum niederländischen Duell mit Gian van Veen.
Nijman musste sich seinem Landsmann geschlagen geben, nahm aus der Partie aber dennoch überraschend positive Eindrücke mit. „Es klingt vielleicht sehr merkwürdig für eine Niederlage in der zweiten Runde, aber ich denke, das war vielleicht das schönste Match des ganzen Turniers“, blickt er zurück. „Auch ein hohes Niveau.“
Dass die beiden Niederländer bereits derart früh im Turnier aufeinandertrafen, bedauert Nijman dagegen. „Es ist schade, dass das schon in der zweiten Runde passiert. Ich will nicht sagen, dass danach der Weg frei war, aber wenn du Humphries und Littler natürlich so lange wie möglich aus dem Weg gehst, dann weißt du, dass in so einem Turnier immer Chancen liegen.“
An seiner eigenen Leistung hatte Nijman jedenfalls wenig auszusetzen. „Wenn man sieht, auf welche Art ich dieses Match verliere, finde ich das keine Blamage oder so.“
Die Vorbereitung auf das Duell mit van Veen verlief zudem alles andere als gewöhnlich. Zuvor war Cameron Menzies während seiner Partie gegen Ross Smith unwohl geworden, woraufhin das Match vorzeitig beendet wurde. Das hatte unmittelbare Auswirkungen auf den Zeitplan für Nijman und van Veen.
„Die ganze Anlaufphase zu diesem Match war sowieso ziemlich seltsam“, erzählt Nijman. „Weil Menzies gewissermaßen ausfiel. Also mussten wir eigentlich schon eine Stunde vorher dorthin. Wir waren einfach am Einwerfen und haben abgewartet, was passiert.“
Nijman versuchte umgehend herauszufinden, welche Auswirkungen die Situation auf sein eigenes Match haben würde. Eine klare Antwort war in diesem Moment allerdings kaum möglich. „Ich fragte gleich: Was bedeutet das für uns? Dann bekommst du in dem Moment, was auch logisch ist, nicht wirklich eine klare Antwort, weil sie es selbst kurz nicht wissen. Aber ab dem Moment, als ich wusste, dass ich runter musste und schließlich auf der Bühne stand, lagen nur zehn Minuten.“
Damit fiel ein großer Teil des gewohnten mentalen Aufbaus vor einem wichtigen Match weg. „Dann hast du auch viel weniger Vorbereitung auf so eine Partie hin und weniger Bewusstsein für das Match.“
Van der Voort konnte nachvollziehen, dass diese Situation unangenehm war. Der ehemalige Profi verwies darauf, dass bei solchen Zwischenfällen auch die Anforderungen des Fernsehens eine wichtige Rolle spielen und die Organisatoren das Programm möglichst schnell fortsetzen wollen. „Für deine Vorbereitung ist das sehr unangenehm“, resümierte er.

„Du hast eher Frieden damit, wenn du ein gutes Match spielst“

Lange beschäftigte sich Nijman anschließend nicht mit der Niederlage. Gerade das hohe Niveau des Duells machte es für ihn leichter, das Ausscheiden zu akzeptieren. „Du hast immer eher Frieden damit, wenn du verlierst, wenn es ein gutes Match ist“, erklärt er. „Wenn du nun wirklich haufenweise Chancen liegen lässt, hast du damit natürlich viel weniger schnell Frieden, als wenn du wirklich eine gute Partie spielst.“
Das World Matchplay fiel für Nijman eindeutig in diese Kategorie. Die Niederlage gegen van Veen war aufgrund der Chancen ärgerlich, die sich im weiteren Turnierverlauf möglicherweise eröffnet hätten – nicht jedoch wegen seiner eigenen Leistung.
Damit richtet sich der Blick zwangsläufig auf den nächsten großen Entwicklungsschritt seiner Karriere. Auf der Pro Tour hat Nijman mittlerweile bewiesen, dass er mit beeindruckender Regelmäßigkeit Turniere gewinnen kann. Nun besteht die Herausforderung darin, dieses Niveau auch auf den großen TV-Bühnen in tiefe Runs umzumünzen.
„Es wäre ohnehin schön, wenn man bei so einem TV-Turnier auch mal durchstößt“, sagt Nijman. „In ein Halbfinale, ein Finale, vielleicht mal eins gewinnen. Aber das muss alles zusammenpassen.“
Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass genau solche Ergebnisse notwendig sein werden, wenn eine Teilnahme an der Premier League tatsächlich Realität werden soll. „Es ist auf jeden Fall möglich, aber wenn du auch auf nächstes Jahr, Premier League und solche Dinge schauen willst, dann muss das schon passieren.“

Nijman fürchtet Duell mit Littler nicht

Einer der Gegner, an denen auf dem Weg zu einem großen TV-Erfolg kaum ein Weg vorbeiführt, ist Luke Littler. Nijman weist aus der Vergangenheit eine positive Bilanz gegen den englischen Weltklassespieler auf, auch wenn mehrere dieser Begegnungen noch aus der gemeinsamen Jugendzeit stammen.
Die Vorstellung, Littler auf einer großen TV-Bühne gegenüberzustehen, löst bei Nijman jedenfalls keine Nervosität aus. „Ja, warum nicht?“, reagiert er auf ein mögliches Duell. „Ich denke, wenn ich so ein ganzes Jahr so spielen würde, dann macht es im Prinzip nicht viel aus. Nur, Tatsache ist eben, dass du den beiden Lukes so lange wie möglich aus dem Weg gehen willst. Das will jeder, denke ich.“
Gemeint sind damit selbstverständlich Littler und Luke Humphries – jene beiden Spieler, die in den vergangenen Jahren auf den größten Bühnen ein besonders hohes Niveau gezeigt haben.
Van der Voort ist überzeugt, dass Nijman mit seinem besten Spiel auch gegen Littler seine Chancen bekommen würde. „Wenn du so spielst, dann muss er eben zusehen, dass er auch so spielt“, stellt der ehemalige World-Matchplay-Finalist fest. „Es kann auch mal sein, dass ein Match nicht läuft. Und wenn Wessel dann sein eigenes Niveau erreicht, warum kannst du nicht gewinnen?“
Nijman weiß zudem aus der jüngeren Darts-Geschichte, dass selbst eine scheinbar erdrückende Dominanz nicht ewig anhalten muss. „Natürlich“, antwortet er auf die Frage, ob Littler irgendwann wieder häufiger Matches verlieren werde. „Vor ein paar Jahren dachten wir auch, dass Michael nie wieder nach unten fallen würde. Und man sieht, dass das jetzt auch passiert.“
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