Ricardo Pietreczko spricht über Dartitis-Tiefpunkt: „Ich habe noch nie so viel Menschlichkeit gesehen“

PDC
Montag, 10 August 2026 um 6:00
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Gerade in der Zeit vor dem World Cup of Darts durchlebte Ricardo Pietreczko eine der schwierigsten Phasen seiner bisherigen Karriere. Deutschlands Nummer zwei kämpfte mit Dartitis. Gleichzeitig wurden Stimmen laut, die forderten, dass „Pikachu“ seinen Platz beim World Cup für Niko Springer räumen sollte.
Im neu gegründeten Podcast „Zwischen Donnerschlag und Hinkelstein“ sprach Pietreczko nun ausführlich über diese schwere Zeit. Gemeinsam mit seiner Partnerin Lena und Fan-Ikone Obelix blickte der Deutsche auf die Wurfprobleme, seinen Spielabbruch in Hildesheim und die anschließende Unterstützung innerhalb der PDC zurück.

Pietreczko holt sich Hilfe von einem Mentalcoach

Gleich zu Beginn des Podcasts stand die Frage im Mittelpunkt, wie Pietreczko selbst die schwierigen Wochen erlebt hatte. Dabei hob der Deutsche insbesondere seine neue Zusammenarbeit mit Mentalcoach Johannes Lipsius hervor.
„Ich habe davor immer gesagt, ich halte mich mental für so stark, dass ich kein Mentalcoaching oder sonst was brauche“, erklärte Pietreczko. Zuvor hatte er eine solche Zusammenarbeit bereits abgelehnt.
Obelix betonte, dass Pietreczko schließlich selbst erkannt habe, dass er die Krise nicht alleine überwinden könne. Besonders mit Blick auf den näher rückenden World Cup of Darts wurde der Handlungsdruck immer größer.
Auch Lena, seit mehreren Jahren die Partnerin des PDC-Profis, blickte auf die Entwicklung zurück. Schon länger habe sie das Gefühl gehabt, dass Pietreczko mit einer anderen Herangehensweise noch mehr aus seinem Spiel herausholen könnte.
„Also in den letzten anderthalb Jahren, ohne jetzt explizit auf Wurfprobleme oder irgendwas abzuzielen, habe ich schon immer gesagt: Ich glaube, es ist aus deinem Können und deinem Talent mehr rauszuholen, als es zu dem Zeitpunkt war. Ich habe immer gesagt, ich glaube, wenn man eine andere Herangehensweise findet, mit Sachen noch mal anders umzugehen, wäre da durchaus mehr möglich.“
Pietreczko selbst hielt professionelle Unterstützung lange nicht für notwendig. Gleichzeitig war ihm bewusst, dass Mentalcoaching nur funktionieren kann, wenn er sich tatsächlich darauf einlässt. Lena lobte ihren Lebensgefährten dafür, wie offen er schließlich an die neue Aufgabe heranging und an sich arbeitete. Die Wochen seien sowohl spielerisch als auch mental enorm anstrengend gewesen.

„Nach jedem Spiel war ich einfach nur platt“

Wie belastend die Situation tatsächlich war, zeigte sich unter anderem beim European-Tour-Turnier in Riesa. Dort erreichte Pietreczko trotz seiner Probleme das Achtelfinale.
„Nach jedem Spiel war ich einfach nur platt, weil ich ja diese Ausgleichsbewegung, um meinen Kopf auszutricksen, machen musste“, erinnerte sich der Deutsche.
Die ungewöhnliche Bewegung während seines Wurfes war auch den Zuschauern nicht verborgen geblieben. Pietreczko selbst zog einen Vergleich mit dem ehemaligen niederländischen Profi Co Stompé.
Ricardo Pietreczko auf der European-Tour-Bühne.
Erreichte in Riesa das Achtelfinale nach einem 6:5 Sieg über Danny Noppert: Ricardo Pietreczko
Pietreczko erklärte, dass sein normalerweise sehr lockerer Wurf durch die Probleme plötzlich völlig anders aussah. Um die Dartitis zu umgehen, baute er bewusst eine zusätzliche Bewegung in seinen Ablauf ein. Damit wollte er seinen Kopf gewissermaßen austricksen und verhindern, dass die Blockade beim eigentlichen Wurf einsetzte. Die Bewegung war so auffällig, dass er zwischenzeitlich sogar scherzhaft als „zweiter Co Stompé“ bezeichnet wurde.
Auf die Idee mit dieser Ausgleichsbewegung war Pietreczko selbst gekommen. Bereits früher hatte der Deutsche mit Dartitis zu kämpfen und damals sogar eine noch deutlichere Bewegung eingesetzt.
Der Gedanke dahinter war ungewöhnlich, für Pietreczko in diesem Moment aber hilfreich: Durch die zusätzliche Bewegung wollte er seinen Kopf gewissermaßen austricksen und den eigentlichen Wurf nicht bewusst einleiten.

Spielabbruch in Hildesheim: „Das war super schwer mit anzusehen“

Seinen emotionalen Tiefpunkt erlebte Pietreczko rund sechs Wochen vor dem World Cup of Darts bei einem Players-Championship-Turnier in Hildesheim. Dort waren die Probleme so groß, dass er seine Partie gegen Jeffrey de Zwaan schließlich abbrechen musste.
Lena befand sich an diesem Tag ebenfalls in Hildesheim und erlebte aus nächster Nähe, wie ihr Partner am Board mit sich selbst kämpfte.
„Das war super schwer mit anzusehen, dahinter zu stehen, wie du am Board kämpfst, wie du diesen Kampf mit dir selbst eigentlich nicht mehr spielerisch führst, sondern eigentlich nur noch durchstehen. Bis zum Entschluss dann abzubrechen und auch dich danach zu sehen, war ganz, ganz schlimm, weil dich das natürlich emotional auch einfach so mitgenommen hat in dem Moment.“
Auch für sie selbst sei die Situation schwierig gewesen. „Also ich hätte nicht helfen können. Und im Anschluss zu sehen, wie deine Kollegen darauf reagiert haben.“
Selbst Pietreczkos Gegner Jeffrey de Zwaan habe zunächst nicht gewusst, wie er mit der Situation umgehen sollte. Obelix berichtete zudem davon, dass bei Pietreczko am Board Tränen geflossen seien.
Was anschließend passierte, blieb bei allen drei Podcast-Teilnehmern besonders hängen.
„Ich habe aber auch noch nie so viel Menschlichkeit bei der PDC gesehen“, sagte Pietreczko.

Doets, Lukeman und van Duijvenbode bieten sofort Hilfe an

Direkt nach dem Spielabbruch erhielt der Deutsche Unterstützung von zahlreichen Konkurrenten. Lena schilderte, wie innerhalb weniger Sekunden Spieler auf Pietreczko zukamen und ihm Hilfe anboten.
„Aber auch zu sehen, wie viel Hilfe dir danach angeboten wurde. Unmittelbar danach, 30 Sekunden nach Spielabbruch, es kamen ganz viele Spieler zu dir und haben dir sofort Tipps gegeben. Kevin Doets kam direkt und meinte: Versuch mal eine Akupunktur. Martin Lukeman war direkt: Trainier mal mit einem Longsleeve.“
Besonders emotional sei die Reaktion von Dirk van Duijvenbode gewesen.
„Dirk van Duijvenbode kam und hat dich einfach nur in den Arm genommen. Das habe ich von weiter weg gesehen. Der hat dich einfach nur in den Arm genommen und gesagt: ‚Kumpel, das wird wieder.‘“
Auch Thomas Lovely meldete sich unmittelbar bei Pietreczko. Dessen Vater Eddie Lovely hatte selbst Erfahrungen mit Dartitis gesammelt. In der Folge erhielt Pietreczko weitere Unterstützung per E-Mail sowie Audiocoachings und Dateien mit Tipps zum Umgang mit den Wurfproblemen.

Auch Nathan Aspinall erkennt Pietreczkos Probleme früh

Ein weiterer prominenter Spieler hatte bereits zuvor bemerkt, dass bei „Pikachu“ etwas nicht stimmte. Nathan Aspinall sprach Pietreczko in München an, als sich die Probleme insbesondere beim dritten Dart langsam bemerkbar machten.
„Ich finde das so krass. Nathan Aspinall, der schon in München auf dich zukam und gesagt hat, weil es sich schon abzeichnete und so langsam anfing mit dem Zucken im dritten Dart, der kam: ‚Junge, was ist? Du weißt, du kannst immer mit mir sprechen.‘“
Für Lena zeigte gerade diese Reaktion, wie eng die Spieler trotz der sportlichen Konkurrenz miteinander verbunden sein können.
„Es kamen die Leute und sagten: ‚Hier, du bist nicht alleine, wir lassen dich nicht hängen.‘ Auch wenn es Konkurrenten und Kontrahenten sind, sind es trotzdem irgendwo Menschen, die einem helfen wollten. Und das fand ich unfassbar krass zu sehen.“
Pietreczko selbst zog ein ähnliches Fazit: „Aber so viel Menschlichkeit wie gerade nach Hildesheim, ich habe noch nie so viel Menschlichkeit gesehen.“

Pietreczko dankt Martin Schindler für Unterstützung vor World Cup of Darts

Eine besondere Rolle spielte während dieser schwierigen Phase Martin Schindler. Gemeinsam mit Pietreczko bildete der deutsche Weltranglistenerste das Team beim World Cup of Darts. Trotz aller Diskussionen um Pietreczkos Zustand stellte sich Schindler hinter seinen Teamkollegen.
„Props an Martin Schindler, der auch gesagt hat, er unterstützt mich, egal was ich mache, ob ich den World Cup spiele, ob ich den World Cup nicht spiele.“
Pietreczko selbst hatte Schindler immer wieder versichert, rechtzeitig für den World Cup bereit zu sein. Eine Garantie konnte es angesichts seiner Probleme allerdings nicht geben.
Deutschland beim World Cup of Darts 2026
RundeGegnerErgebnisAverage
GruppenphasePhilippinen4-0101.90
GruppenphaseNeuseeland4-284.12
AchtelfinaleTschechien8-692.09
ViertelfinaleNiederlande4-896.58
„Ich habe ihm auch jederzeit gesagt, ich bin zu hundert Prozent fit zum World Cup. Hundertprozentig konnte ich mir natürlich nicht sicher sein. Aber ich wollte diesen World Cup einfach spielen, weil ich einfach mit Martin an meiner Seite – das passt halt einfach auf der Bühne.“
Entsprechend deutlich hatte Pietreczko seinen Wunsch formuliert: „Ich habe immer gesagt, ich bin fit zum World Cup.“
Auch Schindlers öffentliche Reaktion nach dem ersten Spiel des deutschen Teams blieb Pietreczko in Erinnerung. Schindler hatte sich damals deutlich gegen die Diskussionen rund um die Teilnahme seines Teamkollegen gestellt.
Da muss ich auch sagen, das Interview, das er nach dem ersten Spiel gemacht hat, wo er dann auch mal den Medien einen Rundumschlag verpasst hat, wie das sein kann, dass hier überhaupt Diskussionen aufkommen, und dass das meine Entscheidung ist und er meine Entscheidung sehr cool findet. Danke, Martin.“
Für Pietreczko war es das Ende einer Phase, in der es längst nicht mehr ausschließlich um Ergebnisse auf der Bühne ging. Besonders in Erinnerung blieb ihm jedoch die Reaktion seiner Kollegen: Aus direkten Konkurrenten wurden in seinem schwierigsten Moment Unterstützer.
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