Für
Nick Kenny wird der kommende
World Cup of Darts in Frankfurt ein Moment, den er nie vergessen wird. Der Waliser gibt sein Debüt beim prestigeträchtigen Nationenturnier der PDC und erhält dabei sofort eine Hauptrolle. Durch die Absage von
Gerwyn Price bildet Kenny gemeinsam mit
Jonny Clayton das walisische Duo, das auf der Jagd nach dem dritten World-Cup-Titel für Wales ist.
Für die
aktuelle Nummer 61 der Weltrangliste ist es eine Chance, für die er jahrelang gearbeitet hat. Obwohl es schon eine Weile Anzeichen gab, dass Price möglicherweise absagen würde, wollte Kenny erst wirklich glauben, dass er nach Frankfurt darf, als sein Name offiziell bestätigt wurde.
„Ich hatte schon ein bisschen das Gefühl, dass Gezzy vielleicht nicht fahren würde“, erzählt Kenny
im Gespräch mit talkSPORT Darts. „Aber erst als es über die offiziellen PDC-Kanäle bekanntgegeben wurde, wusste ich sicher, dass ich dabei bin. Da war ich wirklich überglücklich. Ich freue mich riesig darauf und will einfach mein Bestes geben.“
Kenny hörte nicht direkt vom Verband, dass er im Gespräch sei, erhielt jedoch über Jonny Clayton früh eine vorsichtige Warnung. „Jonny sagte mir, dass Gezzy möglicherweise nicht gehen würde. Er meinte, er denke ernsthaft darüber nach abzusagen. So etwas war früher auch schon mal passiert. Deshalb wollte ich mir nicht zu viele Hoffnungen machen. Es ist ein Schlag ins Gesicht, wenn du denkst, dass du fährst und am Ende doch nicht nominiert wirst.“
Erst während eines Euro-Tour-Wochenendes in Österreich bekam er mehr Klarheit. „Gezzy sagte mir schließlich, dass ich zum
World Cup fahren würde, sofern nichts Verrücktes passiere und mich niemand in der Rangliste überhole.“
Obwohl Price und Kenny sich seit Jahren kennen, haben die beiden auf der Tour mittlerweile wenig Kontakt. Dennoch schätzte Kenny die Unterstützung des Ex-Weltmeisters. „Der einzige Kontakt hierzu war, als ich ihn fragte, ob er fährt. Da sagte er, er würde zu 99 Prozent sicher nicht teilnehmen. Aber letzte Woche sprach er in Interviews positiv über mich. Er weiß, was ich kann, und weiß, wofür ich stehe.“
Kenny ist sich bewusst, dass er einen großen Namen ersetzt, lässt sich davon aber nicht einschüchtern. „Er hat schöne Worte über mich gesagt. Dafür bin ich dankbar. Jetzt hoffe ich, in seine Fußstapfen so gut wie möglich treten zu können.“
Mehr Erfahrung im Wales-Trikot, als viele denken
Für viele Dartsfans wirkt Kenny wie ein Debütant auf der internationalen Bühne, selbst sieht er das jedoch anders. Seine Erfahrung im Wales-Trikot reicht deutlich weiter zurück als sein PDC-Durchbruch. „Ich habe seit 2014 vierzig Länderspiele für Wales im WDF-System bestritten“, sagt er. „Viele Menschen wissen das nicht.“
Mehr noch: Kenny und Clayton spielten bereits gemeinsam für Wales, bevor Clayton den Wechsel zur PDC vollzog. „Meine erste Nominierung für Wales war gleichzeitig Jonny letztes Mal, bevor er zur PDC ging. Wir haben also tatsächlich zusammen im selben walisischen Team gespielt.“
Kenny hat große Fußstapfen zu füllen durch die Absage von Gerwyn Price.
Kenny bewahrt besondere Erinnerungen an die WDF World Cup 2019 im rumänischen Cluj-Napoca. Dieses Turnier markierte für ihn das Ende seines WDF-Kapitels, bevor er sein Glück bei der PDC versuchte.
Die Woche verlief letztlich jedoch anders als geplant. „Ich hatte mir bei diesem Turnier den Fuß gebrochen“, enthüllt er. „Ich war gerade etwas fitter geworden und bekam während des Events zunehmend Probleme mit meinem Fuß.“
Trotz der Verletzung lieferte er ab. „Ich spielte großartig und erreichte das Halbfinale. Ich stand buchstäblich weinend auf der Bühne, weil ich nicht aufgeben wollte.“ Wales holte schließlich Gold im Teamwettbewerb, woraufhin es noch merkwürdiger wurde. „Beim Feiern des Sieges setzte ich den Fuß auf und dann brach er wirklich komplett. Das war ziemlich bizarr.“
Wenn Kenny auf seine Karriere seit jener World Cup 2019 zurückblickt, wird ihm bewusst, wie viel sich verändert hat. Verschiedene Spieler, die damals in Rumänien aktiv waren, haben sich inzwischen in der PDC einen Namen gemacht. „Es fühlt sich an, als läge es eine Ewigkeit zurück“, sagt er. „Als ich zur PDC kam, hatten wir fast sofort mit Corona zu tun. Mein erstes Jahr verlief völlig anders als normal. Wenn man alles zusammenzählt, wirken sieben Jahre plötzlich sehr lang.“
Gemeinsam mit Jonny Clayton auf der Jagd nach Erfolg
Die Zusammenarbeit mit Jonny Clayton gibt Kenny viel Vertrauen. Obwohl beide Spieler durch ihren vollen Terminkalender kaum Zeit hatten, gezielt zusammen zu trainieren, erwarten sie in Frankfurt genügend Zeit zur Vorbereitung zu haben. „Ich sehe Jonny regelmäßig auf der Tour. Dann steht man zwanzig Minuten gemeinsam am Board und plaudert etwas. Mehr Zeit gibt es oft nicht.“
Clayton gehört seit Jahren zur absoluten Weltspitze und verbindet seine PDC-Verpflichtungen mit zahlreichen Showturnieren und World-Series-Events. „Er ist ein unglaublich beschäftigter Mann. Premier League, World Series, Players Championships, Exhibitions. Es bleibt kaum Zeit, sich zu verabreden. Aber sobald wir in Frankfurt sind, werden wir definitiv gemeinsam Gas geben.“
Das Duo startet die Gruppenphase gegen Litauen und Thailand. „Als die Auslosung feststand, bin ich sofort zu Jonny rübergelaufen. Wahrscheinlich war ich aufgeregter als er. Er hat das natürlich alles schon erlebt. Aber ich freue mich riesig darauf.“
Wales zählt traditionell zu den stärksten Nationen beim World Cup of Darts. Die Waliser gewannen das Turnier 2020 und 2023 und erreichten zudem mehrere Finals. Im vergangenen Jahr scheiterte Wales erst im Endspiel an Nordirland.
Das weckt Erwartungen. „Ja, es gibt Druck“, räumt Kenny ein. „Aber damit kann ich eigentlich gut umgehen.“ Dennoch versteht er, dass einige Anhänger enttäuscht sind, weil Price fehlt. „Die Fans finden es schade, dass ihr bester Spieler nicht dabei ist. Das ist völlig nachvollziehbar. Aber der Nächste auf der Liste rückt nach, und zum Glück bin ich das diesmal.“
Er betont jedoch, dass er mehr zu bieten hat, als manche vielleicht denken. „Ich bin nicht so gut wie Gezzy, das weiß ich selbst. Aber ich bin auch kein Opfer. Ich kann wirklich Darts spielen.“
Kenny vertraut auf seine eigenen Qualitäten. „Ich habe oft meine besten Partien im Wales-Trikot gespielt. Außerdem performe ich meist gut auf großen Bühnen.“ Mit Clayton an seiner Seite rechnet er zudem damit, dessen Erfahrung optimal nutzen zu können. „Jonny ist der Kapitän. Seine Erfahrung wird enorm wichtig sein.“
Und wer an Kennys Qualitäten zweifelt, müsse laut ihm nur in die Vergangenheit blicken. „Das letzte Mal, dass ich ein Doppelturnier für Wales gespielt habe, habe ich einen jungen Spieler namens Luke Littler geschlagen.“ Dieser Sieg stammt aus dem Jahr 2022, noch bevor Littler zur weltweiten Darts-Sensation wurde. „Damals war er natürlich noch nicht der Spieler, der er heute ist. Seitdem ist er ein völlig anderes Biest geworden.“
Ambitionen reichen weiter als die Gruppenphase
Obwohl Wales als Gruppenkopf startet und zu den Favoriten zählt, warnt Kenny davor, zu weit vorauszublicken. „Das erste Spiel ist im Moment das wichtigste Spiel.“ Zugleich macht er klar, dass Wales nicht nach Frankfurt reist, um nur die K.-o.-Phase zu erreichen. „Wir wollen nicht nur die Gruppe überstehen und dann sehen, was passiert. Wir wollen so weit wie möglich kommen.“
Das könnte am Ende auch ein Duell mit Topfavorit England bedeuten, der mit Luke Humphries und Luke Littler antritt.
Kenny fürchtet das Superduo nicht. „Wenn du das Turnier gewinnen willst, musst du am Ende alle schlagen.“ Er verweist dabei auf Deutschland, das im vergangenen Jahr für eine riesige Überraschung sorgte, als es England in der zweiten Runde bezwang. „Auf dem Papier sind die Topteams großartig, aber jeder kommt nach Frankfurt, um eine Aufgabe zu erledigen. Das gilt auch für uns.“
Für Kenny fühlt sich dieser World Cup wie die Belohnung für eine lange Reise im internationalen Darts an. Von seinen ersten Einsätzen für Wales auf dem WDF-Circuit, über Verletzungen und die Corona-Jahre, hin zu einem Platz beim größten Nationenturnier der PDC.
Nun wartet die Bühne in Frankfurt, gemeinsam mit einem der beliebtesten Spieler des Circuits. „Ich freue mich einfach riesig darauf“, schließt Kenny. „Es kann sich komplett anders anfühlen, sobald ich dort stehe, aber ich habe einen großartigen Partner an meiner Seite. Wir wollen gut spielen, den Moment genießen und versuchen, bis ganz zum Ende zu gehen.“