Jim Long packt über die Schattenseiten der PDC Tour aus: „Hundert Prozent fokussiert zu sein, ist extrem schwer“

PDC
durch Nic Gayer
Dienstag, 30 Juni 2026 um 10:30
Jim Long hadert.
Für die meisten Inhaber einer PDC Tour Card beginnt ein Turnier mit einem Kurzflug oder einer Autofahrt nach Leicester, Wigan oder Hildesheim. Für Jim Long sieht der Weg zum nächsten Event dagegen völlig anders aus. Bevor der Kanadier überhaupt ans Oche treten kann, steht regelmäßig ein Interkontinentalflug von seiner Heimat in Ontario nach Europa auf dem Programm.
Der 58-Jährige gehört zu einem kleinen Kreis von Profis, die die komplette PDC Pro Tour bestreiten, ohne im Vereinigten Königreich oder auf dem europäischen Festland zu leben. Woche für Woche bedeutet das tausende Reisekilometer, ständige Zeitumstellungen und eine enorme körperliche wie mentale Belastung. „Letztes Jahr hatte ich von April bis Oktober enorm mit Jetlag zu kämpfen“, berichtet Long. „All die Buchungen und Reisen sind mental sehr anstrengend. Dadurch ist es extrem schwer, bei jedem Turnier hundert Prozent fokussiert zu sein.“

Reisen rund um den Globus gehören zum Alltag

Für Spieler außerhalb Europas ist genau das Alltag. Während viele Tour-Card-Inhaber nach einem Turniertag in die eigenen vier Wände zurückkehren können, warten auf Long häufig der nächste Flug oder weitere Hotelübernachtungen. Trotzdem nimmt er den enormen Reiseaufwand weiterhin auf sich, um seine Chancen auf der PDC Tour bestmöglich zu nutzen.
Jim Long in Aktion.
Jim Long nimmt für seine Karriere auf der PDC Tour regelmäßig den weiten Weg von Kanada nach Europa auf sich.
Ein dauerhafter Umzug ins Vereinigte Königreich könnte viele dieser logistischen Herausforderungen lösen. Für Long kam dieser Schritt allerdings nie ernsthaft infrage. „Nein, umziehen kam für mich nie infrage“, stellt der Kanadier klar.
Damit hat sich Long bewusst für ein Leben als Pendler zwischen Kanada und Europa entschieden. Eine Entscheidung, die nicht nur viel Zeit kostet, sondern auch finanziell erhebliche Belastungen mit sich bringt. Zwar wird er von einigen Sponsoren unterstützt, den Großteil seiner Reisekosten trägt er jedoch selbst. „Meine Sponsoren bezahlen meine Bahnfahrten und ab und zu einen Flug innerhalb Europas oder ein Hotel. Aber die Flüge zwischen Kanada und Europa, die meisten Hotels und alle übrigen Kosten zahle ich selbst.“
Gerade für nordamerikanische Spieler unterscheidet sich die Ausgangslage damit deutlich von der ihrer europäischen Konkurrenz. Allein die regelmäßigen Transatlantikflüge machen eine komplette Saison auf der PDC Tour zu einer kostspieligen Angelegenheit.

Kein zusätzlicher Druck wegen der Tour Card

Trotz des enormen Aufwands beschäftigt sich Long nach eigener Aussage kaum mit der Frage, ob er seine Tour Card behalten wird. „Damit beschäftige ich mich eigentlich nicht wirklich. Falls ich meine Tour Card verlieren sollte, gehe ich wahrscheinlich nur noch zur Q School, um die Challenge Tour zu spielen. Das bedeutet deutlich weniger Reisen.“
Diese Aussage verdeutlicht, wie belastend das derzeitige Reiseprogramm für den Kanadier ist. Die Turniere der Challenge Tour werden in mehreren Blöcken ausgetragen, sodass deutlich weniger Flüge zwischen Nordamerika und Europa notwendig wären.
Mit Blick auf seine ersten anderthalb Jahre als Tour-Card-Inhaber zieht Long ein gemischtes Fazit. Einerseits sieht er noch Verbesserungspotenzial, andererseits erkennt er auch eine positive Entwicklung. „Meine größte Enttäuschung ist mein Mangel an konstanten Leistungen. Womit ich allerdings zufrieden bin, ist, dass ich diese Saison auf dem Niveau begonnen habe, das ich mir erhofft hatte.“

WM-Debüt hinterlässt bleibenden Eindruck

Im vergangenen Winter feierte Long seine Premiere bei der Darts WM im Alexandra Palace. Zwar musste er sich in der ersten Runde James Hurrell geschlagen geben, die Atmosphäre bei seinem WM-Debüt wird ihm jedoch lange in Erinnerung bleiben. „Ich war wirklich überrascht, wie leidenschaftlich das Publikum schon während der Nachmittagssession war. Sie waren bei jedem Dart unglaublich laut.“
Long ist überzeugt, dass Nordamerika zahlreiche Spieler hervorbringt, die das Niveau für die PDC Tour besitzen. Das eigentliche Problem sieht er vielmehr in den Rahmenbedingungen. „In Nordamerika laufen extrem viele gute Spieler herum. Einige sind sogar nach Europa gezogen, jedoch ohne Erfolg. Ich denke, es braucht die perfekte Kombination aus Alter, finanziellen Möglichkeiten und der Freiheit, so einen Schritt zu wagen.“
Hinzu kommt aus seiner Sicht der immer dichter werdende Turnierkalender der PDC. „Wenn du dauerhaft zu den besten Sechzehn der Welt gehören willst, denke ich, dass du im Vereinigten Königreich wohnen solltest. Der Spielplan ist einfach zu dicht, um dauerhaft von Nordamerika aus zu reisen.“

Mehr Aufmerksamkeit für den nordamerikanischen Dartsport

Auch bei der medialen Berichterstattung sieht Long noch Verbesserungspotenzial. Seiner Meinung nach erhält der nordamerikanische Dartsport deutlich weniger Aufmerksamkeit als andere Regionen. „Wir bekommen deutlich weniger Aufmerksamkeit als zum Beispiel die Asian Tour oder die German Super League. Gleichzeitig verstehe ich auch, dass die Pro Tour am Ende die meiste mediale Beachtung verdient.“
In dieser Saison feierte Long außerdem sein Debüt auf der European Tour bei den Slovak Darts Open in Bratislava. Trotz der zusätzlichen Reisestrapazen blickt er positiv auf diese Erfahrung zurück. „Die Euro Tour-Turniere sind großartig. Man kommt in verschiedene Länder und überall gibt es Fans, die Darts unglaublich lieben. Für jemanden, der in Nordamerika wohnt, bedeutet das natürlich wieder zusätzliche Reisen.“
Für die zweite Saisonhälfte hat sich Long ein klares Ziel gesetzt. „Ich möchte mich über die Pro Tour erneut für die WM qualifizieren. Außerdem will ich mir vor allem selbst beweisen, dass ich auf die Tour gehöre, solange ich meine Tour Card habe.“
Das mag zunächst bescheiden klingen. Betrachtet man jedoch die außergewöhnlichen Umstände, unter denen Long Woche für Woche antritt, erhält jeder einzelne Sieg eine besondere Bedeutung. Während sich viele Konkurrenten ausschließlich auf ihre Leistung am Board konzentrieren können, muss der Kanadier zusätzlich lange Flugreisen, Zeitverschiebungen und einen enormen organisatorischen Aufwand bewältigen.
Dennoch nimmt Jim Long den Weg über den Atlantik immer wieder auf sich. Nicht, weil er einfach ist, sondern weil er davon überzeugt ist, auf höchstem Niveau mit den besten Spielern der Welt mithalten zu können. Gerade diese Entschlossenheit macht ihn zu einem der außergewöhnlichsten Tour-Card-Inhaber im professionellen Darts.
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