Richie Howson ist inzwischen sechzig Jahre alt, doch von Abschied aus der Dartswelt will der Engländer vorerst nichts wissen. „The Owl“ ist weiterhin regelmäßig bei der MODUS Super Series aktiv und denkt sogar vorsichtig über ein Comeback bei der
PDC Q-School nach. Gleichzeitig hat Howson kein Bedürfnis mehr, sein ganzes Leben dem Darts unterzuordnen. Angeln, Zeichnen, Snooker und seit Kurzem sogar Gärtnern gehören ebenfalls zu seinen liebsten Beschäftigungen.
Howson erlebte vor allem dank World Seniors Darts eine auffällige Spätblüte seiner Karriere. Über das Seniorencircuit erhielt der Engländer erneut die Chance, auf großen Bühnen aufzutreten, und spielte sich mehrfach in den Vordergrund. Inzwischen existiert diese Tour nicht mehr, doch Howson ist in der Dartswelt weiterhin ein bekanntes Gesicht.
Im Gespräch mit
Bang On Target sprach er ausführlich über seine Laufbahn und sein Leben abseits des Boards. Dabei wurde auch gleich ein hartnäckiges Missverständnis ausgeräumt. Auf Wikipedia wird nämlich Romford als sein Geburtsort genannt, was laut Howson überhaupt nicht stimmt.
„Ich komme überhaupt nicht aus der Nähe von Romford und habe dort auch nie gewohnt“, betont er. Mit Sinn für Humor fügt er hinzu: „Allerdings war ich gestern zufällig dort einkaufen.“
Howson stammt ursprünglich aus Ost-London und lebt heute in Rainham, Essex. Mit seiner Frau Lynn ist er seit 27 Jahren verheiratet. Kinder hat das Paar nicht, und das war laut dem Engländer auch eine bewusste Entscheidung. „Nein, ich habe nie Kinder gewollt“, sagt Howson. „Sie sind großartig, wenn sie jemand anderem gehören oder zumindest nicht bei mir im Haus wohnen.“
Angeln, Zeichnen und neuerdings auch Gärtnern
Wer Howson nur von seinen Auftritten am Dartboard kennt, ahnt womöglich nicht, dass er außerhalb des Sports viele andere Interessen hat. Darts ist längst nicht mehr das Einzige, dem er seine Zeit widmet.
„Hobbys? Ich liebe Angeln und Zeichnen, und jetzt, wo ich etwas älter werde, fange ich auch ein bisschen mit dem Gärtnern an“, erzählt er. „Wenn ich nicht dart spiele, mache ich meistens eines oder mehrere dieser Dinge.“
Vor allem das Zeichnen ist seit Langem eine große Leidenschaft. In den vergangenen Jahren hatte Howson nach eigenen Angaben zu wenig Zeit dafür, doch das will er ändern. „Ich habe in den letzten paar Jahren nicht viel gezeichnet, aber das möchte ich wieder aufnehmen. Es ist eine große Leidenschaft von mir, und ich finde es großartig, Aufträge für andere zu machen.“
Zudem verfügt Howson über ein weiteres sportliches Talent. Bevor Darts einen prominenten Platz in seinem Leben einnahm, war er nämlich ein passabler Snookerspieler. Nach seiner Schulzeit arbeitete Howson einige Jahre in einem Snookerclub.
„Als ich die Schule beendet hatte, arbeitete ich ein paar Jahre in einer Snookerhalle und wurde ziemlich ordentlich. Ich spielte damals ein paar Century Breaks“, erklärt er. „Danach habe ich wahrscheinlich über dreißig Jahre aufgehört und vor ein paar Jahren wieder angefangen.“
Trotz der langen Unterbrechung hat er inzwischen bei Trainingseinheiten wieder einige Century Breaks erzielt. Ganz zufrieden ist Howson dennoch nicht.
„Ich bin bei Weitem nicht in der Nähe des Niveaus, das ich früher hatte. Im Training habe ich zwar ein paar Centuries gespielt, aber im Wettkampf liege ich deutlich unter dem Level, auf dem ich gerne wäre. Ich bin jetzt sechzig, und da ist es schwer, das zurückzubekommen, was man einmal hatte, selbst wenn man enorm viel trainiert.“
Howson gewann 2024 die World Seniors Champion of Champions.
West Ham United sorgt weiter für Frust
Neben Darts und Snooker spielt Fußball eine weitere wichtige Rolle im Leben von Howson. Als gebürtiger Ost-Londoner ist er nahezu sein gesamtes Leben lang Anhänger von West Ham United.
Dabei hat er im Laufe der Jahre gelernt, dass ihn bei seinem Lieblingsklub kaum noch etwas überrascht. „Müssen wir wirklich über West Ham reden?“, scherzt er, als das Thema aufkommt. „Ich unterstütze sie, solange ich denken kann. Nichts überrascht mich bei diesem Klub noch.“
Howson blickt auf eine enttäuschende Saison zurück, in der die Mannschaft abstieg, hofft aber, dass die schwachen Leistungen am Ende Veränderungen anstoßen. „Die letzte Saison war sehr enttäuschend, aber vielleicht brauchten wir diesen Tritt in den Hintern, um Dinge zu verändern und wieder auf Kurs zu kommen.“
Eine schnelle Rückkehr in die Premier League hält er jedoch nicht für selbstverständlich. „Ich glaube nicht, dass es leicht wird, sofort wieder aufzusteigen. Die Championship ist eine harte Liga, aber hoffentlich hilft es, dass Bowen die mutige Entscheidung getroffen hat, bei uns zu bleiben.“
World Seniors verlieh der Karriere neuen Schwung
Sportlich verbindet Howson vor allem warme Erinnerungen mit seinen Jahren bei den World Seniors Darts. Das Circuit brachte viele bekannte Namen von früher zusammen und bot Spielern wie Howson eine Bühne, die sie sonst wohl nicht mehr bekommen hätten.
Für „The Owl“ bedeutete es sogar ein neues Kapitel seiner Karriere. Er erreichte unter anderem dreimal das Finale der Champion of Champions und konnte das Turnier 2024 für sich entscheiden.
Das Aus von World Seniors Darts traf entsprechend hart. „Ich war natürlich enttäuscht, als World Seniors Darts aufhörte“, räumt Howson ein. „Es hat mir ein neues Leben gegeben und mir ermöglicht, ein paar Jahre lang meinen Traum zu leben.“
Trotzdem überwiegt vor allem Dankbarkeit. „Ich habe fantastische Menschen kennengelernt, die ich inzwischen gute Freunde nennen darf. Ich hatte großes Glück, diese Erfahrung machen zu dürfen, und bin enorm dankbar für die Bühne, die WSD uns gegeben hat.“
Aus dieser Zeit hat er zudem ein besonderes Andenken behalten. „Ich habe die Champion of Champions-Trophäe bekommen, die ich 2024 gewonnen habe. Ich stand jedes Jahr im Finale dieses Turniers, deshalb wird dieser Pokal immer einen Ehrenplatz im Regal haben.“
Das Ende von World Seniors bedeutete nicht, dass Howson aus der Dartswelt verschwand. Inzwischen ist er regelmäßig in der MODUS Super Series zu sehen, wo er sich in der Live Lounge mit einer Mischung aus erfahrenen Spielern und jungen Talenten misst.
Solange die Einladungen kommen, denkt Howson nicht ans Aufhören. „Aktuell spiele ich regelmäßig in der Live Lounge und ich bin unglaublich dankbar für alle Einladungen“, sagt er. „Ich mache weiter, bis sie mich nicht mehr dabeihaben wollen oder bis ich nicht mehr werfen kann.“
Eine fest terminierte Abschiedstournee braucht er offenbar nicht. Solange der Körper mitzieht und der Spaß bleibt, will er weiter antreten. Dennoch spielt sogar ein ambitionierteres Szenario in seinem Kopf.
Rückkehr zur PDC Q-School lockt
Howson hat nämlich erwogen, noch einmal an der
Q-School teilzunehmen. Auffällig: Eine Tour Card wäre dabei nicht einmal sein Hauptziel. „Ich habe mit dem Gedanken gespielt, zur Q-School zurückzukehren“, verrät er. „Nicht, um zu versuchen, meine Tour Card zu holen, sondern damit ich auf der Challenge Tour spielen kann.“
Vor allem das hohe Niveau auf dem zweiten PDC-Circuit reizt ihn. Howson würde sich gern erneut mit Spielern messen, die den Sprung auf die ProTour anpeilen. „Dort ist das Niveau extrem hoch und es ist ein guter Gradmesser, wo man selbst steht. Aber ich weiß noch nicht sicher, ob ich das mache, denn es kostet alles Geld.“
Auch sein Alter fließt in diese Abwägung ein. Howson muss seiner Dartskarriere nicht mehr um jeden Preis alles unterordnen. „In meinem Alter will ich nicht mehr zu hart arbeiten. Ich bin ziemlich zufrieden, wenn ich genug verdiene, um die Rechnungen zu bezahlen und die Dinge zu tun, die ich liebe, bevor ich irgendwann den Löffel abgebe.“
Diese nüchterne Haltung ist typisch für den Engländer. Darts bleibt wichtig, aber nicht mehr um jeden Preis. Sollte Howson sich doch für einen Q-School-Anlauf entscheiden, weiß er, dass Arbeit vor ihm liegt. Mit seinem aktuellen Niveau ist er nicht unzufrieden, doch vor allem die Trainingsintensität lässt aus seiner Sicht zu wünschen übrig.
„Ich bin im Großen und Ganzen zufrieden mit dem Niveau, auf dem ich gerade spiele, aber ich war zuletzt ein bisschen faul und habe nicht genug trainiert“, gibt er zu. „Wenn ich es noch einmal ernsthaft versuchen will, muss ich mein Niveau also hochschrauben.“
Eine endgültige Entscheidung muss vorerst nicht fallen. Howson will in der kommenden Zeit vor allem sehen, wie viel Freude ihm der Wettkampfdarts noch bereitet. „Wir werden in den nächsten ein bis zwei Jahren sehen, wie es läuft und in welche Richtung ich gehe, denn ich werde inzwischen auch ein bisschen älter.“