âWenn er meint, dass es das Richtige ist, ist er sein eigener Chefâ: Ist Gary Anderson vor dem World Matchplay nicht optimal vorbereitet? Chris Mason nimmt Stellung
Steht Gary Anderson schlecht da vor dem World Matchplay? Die Debatte um seine Turnierpausen sorgt in der Darts-Szene fĂŒr Diskussionen. Chris Mason hat sich dazu geĂ€uĂert, macht aber deutlich: Ein Urteil ĂŒber Anderson will er sich nicht anmaĂen, denn der Schotte geht seit jeher seinen eigenen Weg.
Im GesprĂ€ch mit Online Darts sprach der ehemalige Profi Mason ĂŒber prominente Namen, die beim World Matchplay in Blackpool fehlen werden. FĂŒr ihn ist das ein Warnsignal. Wer die jĂ€hrliche Reise nach Blackpool verpasst, steht sportlich offenbar nicht gut da.
Fehlende Matchpraxis als Warnsignal
Mason erinnert sich an seine eigene Karriere und weiĂ, wie schwer ein verpasstes Matchplay wiegen kann. Zu seiner Zeit hatte das Teilnehmerfeld zwar noch nicht die heutige StĂ€rke und Tiefe, ein Fehlen beim Matchplay wirkte sich damals trotzdem verheerend aus.
Gary ist Gary, sagt Chris Mason.
Heute kennt jeder Spieler den Stellenwert des Turniers. Direkt hinter der Weltmeisterschaft rangiert das Matchplay als das geschichtstrĂ€chtigste Event im Sport. Einige feste GröĂen des Turniers werden in diesem Jahr fehlen, doch die Zeit bleibt fĂŒr niemanden stehen. Wer nachlĂ€ssig wird, fliegt aus dem Feld.
Mason findet klare Worte fĂŒr Spieler, die ihr Training vernachlĂ€ssigen: Eine Ausrede gibt es nicht, schlieĂlich steht ein ganzes Jahr zur Vorbereitung zur VerfĂŒgung. Ein verpasstes Matchplay kann fĂŒr manche Profis der nötige Weckruf sein, fĂŒr andere hingegen der Beginn eines echten Formtiefs. Mason kennt Beispiele, in denen genau dieser RĂŒckschlag als Ansporn fĂŒr ein starkes Comeback diente. Genau das wĂŒnscht er sich auch fĂŒr die Spieler, die 2026 in Blackpool fehlen werden.
Als weiteres Beispiel nennt Mason Simon Whitlock und James Wade. Beide mussten ihre Karrieren zwischenzeitlich unterbrechen und wieder neu aufbauen. Anderson dagegen sitzt weiterhin unangefochten am Top-Tisch des Sports.
Den Druck im heutigen Darts erklĂ€rt sich Mason mit dem stĂ€ndigen Fortschritt der Konkurrenz. Zwar trifft das nicht auf jeden Spieler gleichermaĂen zu, doch viele Profis entscheiden sich mittlerweile bewusst gegen bestimmte Turniere. Diese Entscheidung kann sich spĂ€ter rĂ€chen, auch wenn Mason das niemandem wĂŒnscht. Der Sport hat sich einfach verĂ€ndert. Nachvollziehen kann er, dass Spieler die ProTour-Events nicht mehr mit derselben PrioritĂ€t behandeln. Wer sich fĂŒr die Euro Tour qualifiziert und diese Chance dann ungenutzt lĂ€sst, begeht aus seiner Sicht jedoch einen klaren Fehler.
Gary Anderson geht seinen eigenen Weg
Gary Anderson gilt seit Jahren als Enigma des Sports und hat zuletzt bewusst mehr Turniere ausgelassen. Um seinen Weg nach Blackpool macht sich Mason trotzdem keine Sorgen.
Der Schotte besitzt nach EinschĂ€tzung von Mason mehr Talent im kleinen Finger als er selbst in der gesamten Karriere aufbringen konnte. Anderson weiĂ genau, was er tut, und trifft seine Entscheidungen völlig eigenstĂ€ndig. Sein Weg bringt Mason regelmĂ€Ăig zum Schmunzeln, schlieĂlich zĂ€hlt Anderson zu den gröĂten Spielern der Darts-Geschichte. LĂ€sst er Turniere aus, ist ihm die fehlende Matchpraxis entweder tatsĂ€chlich egal, oder er verfolgt einen anderen Trainingsansatz und setzt stattdessen verstĂ€rkt auf Ăbungseinheiten abseits der BĂŒhne.
Mason selbst hat auf seine Matchpraxis geschworen und ist ĂŒberzeugt, dass nichts echte Wettkampferfahrung ersetzen kann. Diese Herangehensweise hat fĂŒr ihn persönlich gut funktioniert, dennoch rĂ€umt er scherzhaft ein, vielleicht hĂ€tte auch er Andersons Methode ausprobieren sollen.
Mit Sohn Tai steht möglicherweise schon der nĂ€chste Anderson in den Startlöchern. Niemand könnte dem jungen Spieler die richtige mentale Einstellung besser vermitteln als sein eigener Vater, glaubt Mason. Lange werde man wohl nicht mehr warten mĂŒssen, bis erneut ein Anderson die Fans an der Bande begeistert. Tai gilt als brillanter und auĂergewöhnlich sympathischer junger Spieler. Besonders unterhaltsam findet Mason die Dynamik zwischen Vater und Sohn: Gary gewĂ€hrt seinem Nachwuchs keinerlei Sonderbehandlung, was Mason ausdrĂŒcklich lobt. Schafft Tai den Durchbruch, wird er sich diesen Erfolg hart erarbeitet haben, denn geschenkt bekommt er nichts.
Wer fordert Littler und Humphries heraus?
Auf die Frage, wer Luke Littler und Luke Humphries in Blackpool wirklich gefÀhrlich werden kann, nennt Mason realistisch nur zwei Namen: Jonny Clayton und, sofern er in der richtigen Verfassung antritt, Gerwyn Price.
Auch Chris Dobey und Rob Cross fielen im GesprĂ€ch als mögliche AuĂenseiter. Besondere Aufmerksamkeit widmet Mason jedoch Wessel Nijman, den er als echte Gefahr auĂerhalb der Top zwei einstuft. GrundsĂ€tzlich traut er aber bis zu 30 Spielern einen Titelgewinn abseits von Littler und Humphries zu.
Sollte Nijman seine starke Form von Euro Tour und ProTour auf die groĂe TV-BĂŒhne ĂŒbertragen, wird er nach EinschĂ€tzung von Mason kaum zu stoppen sein. Lange Zeit lag die gröĂte SchwĂ€che des NiederlĂ€nders darin, gute Ausgangspositionen nicht konsequent zum Sieg zu nutzen. Genau daran hat Nijman auf den kleineren Turnierformaten gearbeitet und dabei gelernt, entscheidende Partien ĂŒber die Ziellinie zu bringen.
In den vergangenen sechs bis sieben Monaten wirkt Nijman auf Mason wie ein verĂ€nderter Spieler. Das Talent und die spielerische QualitĂ€t waren schon immer vorhanden, jetzt kommt die passende MentalitĂ€t hinzu. Damit zĂ€hlt Nijman fĂŒr Mason zu den gefĂ€hrlichsten Spielern beim Matchplay und zu jenen Profis, die ĂŒber eine lange Distanz konstant hohe Scores liefern können. Er steht klar auf der Liste der Titelkandidaten, allerdings teilt er sich diesen Platz mit rund 30 weiteren Spielern auĂerhalb der etablierten Top zwei.
Rob Cross findet nach schwerer Zeit zurĂŒck zur Form
Rob Cross hat nach seinen öffentlich bekannten privaten und steuerlichen Problemen bereits wieder Titel gewonnen. âVoltage" scheint seine alte StĂ€rke zurĂŒckgefunden zu haben, und Mason erklĂ€rt sich das mit einer enormen Last, die von den Schultern des EnglĂ€nders gefallen ist.
Cross musste mit Themen umgehen, die ausfĂŒhrlich in der Ăffentlichkeit diskutiert wurden, und scheint diese Phase inzwischen hinter sich gelassen zu haben. Vermutlich empfindet er nun eine spĂŒrbare Erleichterung und kann mit gröĂerer Freiheit auf der BĂŒhne aufspielen. Alles liegt offen, und jeder Beobachter darf sich seine eigene Meinung dazu bilden.
Cross könnte inzwischen so denken: Schlimmer kann es kaum noch kommen, die Fakten sind bekannt, und die Menschen werden weiterhin ihre Meinung Ă€uĂern. Wichtiger fĂŒr ihn dĂŒrfte jedoch sein, dass er nichts mehr zu verbergen hat. Traurig bleibt die Situation dennoch, schlieĂlich hat Cross Kinder, und es fĂ€llt schwer, ihn in dieser Lage zu sehen.
Eine Ă€hnliche Situation erlebte Michael van Gerwen, dessen Leistungen unter privaten Problemen zunĂ€chst litten. Nachdem seine Angelegenheiten öffentlich bekannt wurden, konnte der NiederlĂ€nder sein Leben wieder freier gestalten und zeigte anschlieĂend beeindruckende Ergebnisse. Van Gerwen gewann in dieser Phase die World Series Finals. Mason hofft, dass Rob Cross auf Ă€hnliche Weise seinen Weg zurĂŒck an die Spitze findet.
Theo ist seit 2025 Teil der Redaktion von Dartsnews.de und berichtet dort ĂŒber den professionellen Dartsport. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Erstellung von Liveblogs zu groĂen Turnieren und wichtigen Ereignissen, darunter die European Tour und die PDC World Darts Championship (WM). Dabei begleitet er das Geschehen in Echtzeit und ordnet Ergebnisse, SpielverlĂ€ufe und Entwicklungen fortlaufend ein. DarĂŒber hinaus schreibt er aktuelle Berichte und Hintergrundtexte rund um die internationale Darts-Szene.
Seine journalistische Laufbahn begann Theo als Praktikant und spĂ€ter als Werkstudent beim Online-Gaming-Magazin EarlyGame. Aktuell studiert er Ressortjournalismus an einer Hochschule. Theo arbeitet aus MĂŒnchen und ist in seiner redaktionellen Arbeit eng mit Nicolas Gayer und Oliver Ried vernetzt. In seiner Berichterstattung legt er Wert auf sorgfĂ€ltige QuellenprĂŒfung, klare Einordnung und die zeitnahe Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.