„Wenn er meint, dass es das Richtige ist, ist er sein eigener Chef“: Ist Gary Anderson vor dem World Matchplay nicht optimal vorbereitet? Chris Mason nimmt Stellung

PDC
Freitag, 17 Juli 2026 um 16:00
Gary Anderson (3)
Steht Gary Anderson schlecht da vor dem World Matchplay? Die Debatte um seine Turnierpausen sorgt in der Darts-Szene fĂŒr Diskussionen. Chris Mason hat sich dazu geĂ€ußert, macht aber deutlich: Ein Urteil ĂŒber Anderson will er sich nicht anmaßen, denn der Schotte geht seit jeher seinen eigenen Weg.
Im GesprĂ€ch mit Online Darts sprach der ehemalige Profi Mason ĂŒber prominente Namen, die beim World Matchplay in Blackpool fehlen werden. FĂŒr ihn ist das ein Warnsignal. Wer die jĂ€hrliche Reise nach Blackpool verpasst, steht sportlich offenbar nicht gut da.

Fehlende Matchpraxis als Warnsignal

Mason erinnert sich an seine eigene Karriere und weiß, wie schwer ein verpasstes Matchplay wiegen kann. Zu seiner Zeit hatte das Teilnehmerfeld zwar noch nicht die heutige StĂ€rke und Tiefe, ein Fehlen beim Matchplay wirkte sich damals trotzdem verheerend aus.
Gary Anderson zeigt mit dem Finger.
Gary ist Gary, sagt Chris Mason.
Heute kennt jeder Spieler den Stellenwert des Turniers. Direkt hinter der Weltmeisterschaft rangiert das Matchplay als das geschichtstrĂ€chtigste Event im Sport. Einige feste GrĂ¶ĂŸen des Turniers werden in diesem Jahr fehlen, doch die Zeit bleibt fĂŒr niemanden stehen. Wer nachlĂ€ssig wird, fliegt aus dem Feld.
Mason findet klare Worte fĂŒr Spieler, die ihr Training vernachlĂ€ssigen: Eine Ausrede gibt es nicht, schließlich steht ein ganzes Jahr zur Vorbereitung zur VerfĂŒgung. Ein verpasstes Matchplay kann fĂŒr manche Profis der nötige Weckruf sein, fĂŒr andere hingegen der Beginn eines echten Formtiefs. Mason kennt Beispiele, in denen genau dieser RĂŒckschlag als Ansporn fĂŒr ein starkes Comeback diente. Genau das wĂŒnscht er sich auch fĂŒr die Spieler, die 2026 in Blackpool fehlen werden.
Als weiteres Beispiel nennt Mason Simon Whitlock und James Wade. Beide mussten ihre Karrieren zwischenzeitlich unterbrechen und wieder neu aufbauen. Anderson dagegen sitzt weiterhin unangefochten am Top-Tisch des Sports.
Den Druck im heutigen Darts erklĂ€rt sich Mason mit dem stĂ€ndigen Fortschritt der Konkurrenz. Zwar trifft das nicht auf jeden Spieler gleichermaßen zu, doch viele Profis entscheiden sich mittlerweile bewusst gegen bestimmte Turniere. Diese Entscheidung kann sich spĂ€ter rĂ€chen, auch wenn Mason das niemandem wĂŒnscht. Der Sport hat sich einfach verĂ€ndert. Nachvollziehen kann er, dass Spieler die ProTour-Events nicht mehr mit derselben PrioritĂ€t behandeln. Wer sich fĂŒr die Euro Tour qualifiziert und diese Chance dann ungenutzt lĂ€sst, begeht aus seiner Sicht jedoch einen klaren Fehler.

Gary Anderson geht seinen eigenen Weg

Gary Anderson gilt seit Jahren als Enigma des Sports und hat zuletzt bewusst mehr Turniere ausgelassen. Um seinen Weg nach Blackpool macht sich Mason trotzdem keine Sorgen.
Der Schotte besitzt nach EinschĂ€tzung von Mason mehr Talent im kleinen Finger als er selbst in der gesamten Karriere aufbringen konnte. Anderson weiß genau, was er tut, und trifft seine Entscheidungen völlig eigenstĂ€ndig. Sein Weg bringt Mason regelmĂ€ĂŸig zum Schmunzeln, schließlich zĂ€hlt Anderson zu den grĂ¶ĂŸten Spielern der Darts-Geschichte. LĂ€sst er Turniere aus, ist ihm die fehlende Matchpraxis entweder tatsĂ€chlich egal, oder er verfolgt einen anderen Trainingsansatz und setzt stattdessen verstĂ€rkt auf Übungseinheiten abseits der BĂŒhne.
Mason selbst hat auf seine Matchpraxis geschworen und ist ĂŒberzeugt, dass nichts echte Wettkampferfahrung ersetzen kann. Diese Herangehensweise hat fĂŒr ihn persönlich gut funktioniert, dennoch rĂ€umt er scherzhaft ein, vielleicht hĂ€tte auch er Andersons Methode ausprobieren sollen.
Mit Sohn Tai steht möglicherweise schon der nĂ€chste Anderson in den Startlöchern. Niemand könnte dem jungen Spieler die richtige mentale Einstellung besser vermitteln als sein eigener Vater, glaubt Mason. Lange werde man wohl nicht mehr warten mĂŒssen, bis erneut ein Anderson die Fans an der Bande begeistert. Tai gilt als brillanter und außergewöhnlich sympathischer junger Spieler. Besonders unterhaltsam findet Mason die Dynamik zwischen Vater und Sohn: Gary gewĂ€hrt seinem Nachwuchs keinerlei Sonderbehandlung, was Mason ausdrĂŒcklich lobt. Schafft Tai den Durchbruch, wird er sich diesen Erfolg hart erarbeitet haben, denn geschenkt bekommt er nichts.

Wer fordert Littler und Humphries heraus?

Auf die Frage, wer Luke Littler und Luke Humphries in Blackpool wirklich gefÀhrlich werden kann, nennt Mason realistisch nur zwei Namen: Jonny Clayton und, sofern er in der richtigen Verfassung antritt, Gerwyn Price.
Auch Chris Dobey und Rob Cross fielen im GesprĂ€ch als mögliche Außenseiter. Besondere Aufmerksamkeit widmet Mason jedoch Wessel Nijman, den er als echte Gefahr außerhalb der Top zwei einstuft. GrundsĂ€tzlich traut er aber bis zu 30 Spielern einen Titelgewinn abseits von Littler und Humphries zu.
Sollte Nijman seine starke Form von Euro Tour und ProTour auf die große TV-BĂŒhne ĂŒbertragen, wird er nach EinschĂ€tzung von Mason kaum zu stoppen sein. Lange Zeit lag die grĂ¶ĂŸte SchwĂ€che des NiederlĂ€nders darin, gute Ausgangspositionen nicht konsequent zum Sieg zu nutzen. Genau daran hat Nijman auf den kleineren Turnierformaten gearbeitet und dabei gelernt, entscheidende Partien ĂŒber die Ziellinie zu bringen.
In den vergangenen sechs bis sieben Monaten wirkt Nijman auf Mason wie ein verĂ€nderter Spieler. Das Talent und die spielerische QualitĂ€t waren schon immer vorhanden, jetzt kommt die passende MentalitĂ€t hinzu. Damit zĂ€hlt Nijman fĂŒr Mason zu den gefĂ€hrlichsten Spielern beim Matchplay und zu jenen Profis, die ĂŒber eine lange Distanz konstant hohe Scores liefern können. Er steht klar auf der Liste der Titelkandidaten, allerdings teilt er sich diesen Platz mit rund 30 weiteren Spielern außerhalb der etablierten Top zwei.

Rob Cross findet nach schwerer Zeit zurĂŒck zur Form

Rob Cross hat nach seinen öffentlich bekannten privaten und steuerlichen Problemen bereits wieder Titel gewonnen. „Voltage" scheint seine alte StĂ€rke zurĂŒckgefunden zu haben, und Mason erklĂ€rt sich das mit einer enormen Last, die von den Schultern des EnglĂ€nders gefallen ist.
Cross musste mit Themen umgehen, die ausfĂŒhrlich in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, und scheint diese Phase inzwischen hinter sich gelassen zu haben. Vermutlich empfindet er nun eine spĂŒrbare Erleichterung und kann mit grĂ¶ĂŸerer Freiheit auf der BĂŒhne aufspielen. Alles liegt offen, und jeder Beobachter darf sich seine eigene Meinung dazu bilden.
Cross könnte inzwischen so denken: Schlimmer kann es kaum noch kommen, die Fakten sind bekannt, und die Menschen werden weiterhin ihre Meinung Ă€ußern. Wichtiger fĂŒr ihn dĂŒrfte jedoch sein, dass er nichts mehr zu verbergen hat. Traurig bleibt die Situation dennoch, schließlich hat Cross Kinder, und es fĂ€llt schwer, ihn in dieser Lage zu sehen.
Eine Ă€hnliche Situation erlebte Michael van Gerwen, dessen Leistungen unter privaten Problemen zunĂ€chst litten. Nachdem seine Angelegenheiten öffentlich bekannt wurden, konnte der NiederlĂ€nder sein Leben wieder freier gestalten und zeigte anschließend beeindruckende Ergebnisse. Van Gerwen gewann in dieser Phase die World Series Finals. Mason hofft, dass Rob Cross auf Ă€hnliche Weise seinen Weg zurĂŒck an die Spitze findet.
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