„Es geht nicht darum, wie weit er klettern kann, sondern wie weit er abrutschen kann“ – Michael van Gerwen am Scheideweg

PDC
durch Nic Gayer
Mittwoch, 07 Januar 2026 um 16:57
Michael van Gerwen
Michael van Gerwen ist seit mehr als einem Jahrzehnt das Aushängeschild des niederländischen und internationalen Dartsports. Mit seinem explosiven Spielstil, seinem unbändigen Siegerinstinkt und einer Trophäensammlung, von der viele Profis nur träumen können, hat er sich in diesem Sport unsterblich gemacht. Kaum ein Spieler prägte eine Ära so nachhaltig wie der Niederländer.
Doch in den vergangenen Monaten mehren sich kritische Stimmen aus der Dartswelt. Zwei ehemalige Profis und heutige Analysten, Matthew Edgar und Paul Nicholson, äußerten sich zuletzt ungewöhnlich offen zur aktuellen Situation um van Gerwen. Ihre Einschätzungen zeichnen das Bild eines absoluten Topspielers, der sich an einem sensiblen Wendepunkt seiner Karriere befindet.

Top-16 in Gefahr

Matthew Edgar verweist vor allem auf den enormen sportlichen und finanziellen Druck, dem van Gerwen ausgesetzt ist. In der kommenden Saison muss MvG unter anderem das Preisgeld seiner Finalteilnahme beim World Matchplay 2024 und bei der Darts WM 2025 verteidigen.
Bleiben die Ergebnisse aus, hat das direkte Auswirkungen auf seine Positionierung in der Weltrangliste. Edgar geht sogar noch einen Schritt weiter und warnt: „Wenn es nicht läuft, gerät sein Platz in den Top-16 ernsthaft in Gefahr.“ Eine Einschätzung, die vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre, inzwischen jedoch zunehmend realistisch erscheint.
Aktuell belegt van Gerwen noch immer Rang vier der Welt. Edgar betont jedoch, dass sich die Perspektive verschoben hat. „Es geht nicht darum, wie weit er klettern kann, sondern wie weit er abrutschen kann.“ Diese Aussage trifft einen Spieler, der über Jahre hinweg fast selbstverständlich um die Nummer-eins-Position kämpfte, ins Mark. Die Konkurrenz ist größer denn je, junge Spieler drängen nach vorn, und Konstanz auf höchstem Niveau ist längst keine Garantie mehr.

Schlüsselrolle für Vincent van der Voort

Ein zentraler Punkt in Edgars Analyse ist die Rolle von Vincent van der Voort. Nach seiner Meinung tut van Gerwen gut daran, weiterhin auf seinen engen Freund und langjährigen Weggefährten zu hören. „Vincent sagt, wie es ist“, stellt Edgar klar. Gerade diese Ehrlichkeit gewinnt in einer Phase an Bedeutung, in der Selbstreflexion und Anpassungsfähigkeit entscheidend sind. Van der Voort gilt als jemand, der Dinge klar anspricht und benennt, was besser werden muss – auch wenn das unbequem ist.
Paul Nicholson schließt sich dieser Einschätzung ausdrücklich an und geht in seiner Analyse sogar noch weiter. Der Australier hebt hervor, wie groß der Einfluss von van der Voort auf van Gerwen sowohl als Mensch als auch als Spieler ist. „Wenn Vincent dabei ist, ist Michael ein anderer Mensch. Dann spielt er auch besser“, sagt Nicholson.
„The Asset“ bezeichnet die Rolle von van der Voort sogar als „sehr wichtig für die Zukunft“ von Van Gerwen. Das ist eine bemerkenswerte Aussage, insbesondere von jemandem, der selbst jahrelang zur Weltelite gehörte. Laut Nicholson zeigt das deutlich, dass selbst ein absoluter Topspieler nicht ohne die richtigen Menschen in seinem Umfeld auskommt. „Selbst ein Topspieler braucht so jemanden“, betont er und räumt damit mit der Vorstellung auf, große Champions müssten alles allein bewältigen.

„Keine Ja-Sager nötig“

Was van Gerwen nach Nicholsons Einschätzung vor allem nicht braucht, sind sogenannte „Ja-Sager“. Gemeint sind Menschen, die alles beschönigen und jede Entscheidung abnicken. Gerade ehrliches, mitunter hartes Feedback ist notwendig, um dauerhaft auf höchstem Niveau zu bestehen. In diesem Zusammenhang scheint die Präsenz von Vincent van der Voort für van Gerwen von unschätzbarem Wert zu sein – sowohl auf der Bühne als auch abseits der Kameras.
Die Aussagen von Edgar und Nicholson stellen keinen Angriff auf Michael van Gerwen dar. Vielmehr wirken sie wie ein Weckruf. Sie verdeutlichen, wie schmal der Grat zwischen absoluter Weltspitze und sportlichem Rückschritt ist – selbst für einen Spieler seines Kalibers. Die kommende Zeit wird zeigen, ob van Gerwen diese Signale aufnimmt, weiterhin auf die richtigen Menschen an seiner Seite setzt und bereit ist, sich neu zu erfinden. An seiner Klasse zweifelt niemand, doch selbstverständlich ist Erfolg im modernen Darts längst nicht mehr.
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