„Früher gewann man mit einem 100+ Average fast sicher ein Turnier, jetzt scheitert man manchmal schon in Runde 1“ – Stephen Bunting sieht, dass das Niveau weiter steigt
Während die Sportwelt in dieser Woche vor allem auf die Fußball-WM blickt, haben auch die besten Dartspieler der Welt in den Vereinigten Staaten ihre Auftritte. Im ikonischen Madison Square Garden steht die US Darts Masters auf dem Programm, wo Weltstars wie Luke Littler, Luke Humphries, Gerwyn Price, Jonny Clayton, Josh Rock und Stephen Bunting um den Titel kämpfen.
Für Bunting ist die US Darts Masters ein besonderes Turnier. Der beliebte Mann aus Liverpool kehrt nach New York zurück, eine Stadt, die ihn schon im vergangenen Jahr beeindruckt hat. In einem Interview vor dem Event sprach „The Bullet“ über das Wachstum des Darts in Amerika, die mentale Seite des Spitzensports, seine Zusammenarbeit mit einem Hypnotiseur und die rasante Entwicklung im aktuellen Teilnehmerfeld.
Darts erobert Amerika Schritt für Schritt
Dass Darts in den vergangenen Jahren in Europa enorm gewachsen ist, ist kein Geheimnis. Die Sportart füllt Woche für Woche große Arenen und zieht weltweit Millionen Zuschauer an. Doch wie sieht es auf der anderen Seite des Atlantiks aus?
Laut Bunting ist die Begeisterung in den Vereinigten Staaten größer, als viele denken. „Letztes Jahr war es großartig, hier dabei zu sein“, berichtet er. „Allein im Madison Square Garden zu spielen, ist ein wahr gewordener Traum. Es ist eine derart ikonische Location. Natürlich gibt es ein paar Unterschiede zu den Events im Vereinigten Königreich, aber die Atmosphäre war fantastisch.“
Vor allem die Reaktion des amerikanischen Publikums hat den Engländer beeindruckt. „Die Fans lebten voll mit. Sie sprangen bei 180ern auf, jubelten bei wichtigen Doppeln und genossen die Matches sichtbar. Im Grunde erinnerte es stark an die Stimmung, die wir aus England kennen.“
Bunting zufolge ist es wichtig, dass sich die Sportart auch außerhalb Europas weiterentwickelt. „Wir wollen unseren Sport weltweit zeigen. Dass wir nun in New York spielen können, einer der schönsten Städte der Welt, ist großartig für Darts und für die Spieler.“
Obwohl Darts für viele Außenstehende relativ einfach wirkt, betont Bunting, dass der mentale Aspekt oft unterschätzt wird. Jedes Match beginnt mit einem spektakulären Walk-on, bei dem die Spieler unter lautem Jubel die Bühne betreten. Doch sobald der erste Pfeil Richtung Board fliegt, ändert sich alles. „Der Walk-on ist heutzutage unglaublich wichtig“, erklärt er. „Er bringt das Publikum in Schwung und erzeugt Energie. Aber sobald du auf der Bühne stehst, musst du dich sofort sammeln. Von da an zählt nur noch Konzentration.“
Gerade darin liegt laut Bunting die größte Herausforderung. „Wenn du dort oben stehst, hast du nur Kontrolle über dich selbst. Du kannst nicht bestimmen, wie dein Gegner spielt. Alles, was passiert, hängt von deinen eigenen Entscheidungen und deiner Ausführung ab. Deshalb ist Darts so eine mentale Sportart.“
Diese psychische Belastung sei mit anderen individuellen Spitzensportarten vergleichbar. Anders als im Teamsport gibt es niemanden, mit dem man Verantwortung teilt. „Wenn es gut läuft, liegt es an dir. Und wenn es schiefgeht, auch. Das macht den Druck mitunter enorm.“
Bunting spricht ungewöhnlich offen über eine schwierige Phase in seiner Laufbahn. Vor einigen Jahren kämpfte er mit Form und Ergebnissen, was sich auch auf sein Privatleben auswirkte. „Ich spielte schlecht, kam frustriert nach Hause und ließ es an meiner Familie aus“, sagt er ehrlich. „Ich zog mich zurück und merkte, dass sich etwas ändern musste.“
Auf der Suche nach Lösungen landete er bei einem Hypnotiseur und Sportpsychologen. Das erwies sich als Wendepunkt. „Er hat mir beigebracht, positiver zu denken. Das klingt vielleicht einfach, aber es hat meine Karriere verändert.“
Neben Gesprächen arbeitete Bunting intensiv an Visualisierungstechniken. „Wir visualisierten das Gewinnen von Turnieren und das Hochstemmen von Trophäen. Zwei Wochen später habe ich tatsächlich die Masters gewonnen. Das hat enorm viel Vertrauen gegeben.“
Der Hypnotiseur arbeitete zuvor auch mit anderen erfolgreichen Sportlern, darunter Snooker-Champion Kyren Wilson und MMA-Schwergewicht Tom Aspinall. Für Bunting ist das der Beweis, dass mentale Begleitung heute ein essenzieller Bestandteil des Spitzensports sein kann. „Natürlich funktioniert nicht alles für jeden. Jeder Sportler ist anders. Für mich hat es aber einen gigantischen Unterschied gemacht.“
Stephen Bunting ist in dieser Woche bei den US Darts Masters am Start
Dartitis: der Albtraum jedes Dartspielers
Im Gespräch kam auch das Phänomen Dartitis zur Sprache, eine mentale Blockade, bei der Spieler Schwierigkeiten bekommen, den Dart beim Wurf loszulassen. Das bekannteste Beispiel bleibt Ex-Weltmeister Eric Bristow, der jahrelang mit der Störung zu kämpfen hatte. Bunting versteht, wie einschneidend Dartitis sein kann. „Mein Hypnotiseur hilft auch Spielern, die damit ringen. Ich kenne Leute, die durch ihn große Schritte gemacht haben.“
Der Spezialist nutzt dabei eine auffällige Metapher. „Er vergleicht dein Gehirn mit einem Eimer. Jeder negative Gedanke fällt hinein. Irgendwann ist der Eimer voll und läuft über. Dann entstehen Stress, Angst und mitunter auch Dartitis.“
Laut Bunting geht es anschließend darum, mit diesen negativen Gedanken umzugehen. „Eine Sitzung von vierzig Minuten fühlt sich seiner Meinung nach ungefähr wie viereinhalb Stunden Schlaf an. Dadurch schaffst du gewissermaßen Platz in deinem Kopf.“
Luke Littler und die neue Generation
Natürlich durfte auch der Name Luke Littler nicht fehlen. Der junge Weltmeister bricht weiterhin Rekorde und wird von vielen als der künftige dominierende Spieler im Darts gesehen. Der Vergleich mit dem 16-fachen Weltmeister Phil Taylor wird daher regelmäßig gezogen. Dennoch glaubt Bunting nicht, dass Littler jemals dieselbe Anzahl an WM-Titeln gewinnen wird. „Ich persönlich glaube nicht, dass er sechzehn Weltmeistertitel holen wird“, sagt er. „Nicht, weil er nicht gut genug wäre, sondern weil das Niveau heutzutage viel höher ist.“
Nach Ansicht des ehemaligen Lakeside-Weltmeisters ist die Breite an der Spitze beispiellos. „Früher konntest du mit einem Average von 100 ein Turnier so gut wie sicher gewinnen. Diese Zeit ist vorbei. Heute kannst du einen Average von 100 spielen und trotzdem in der ersten Runde ausscheiden.“
Das sagt seiner Meinung nach alles über die Entwicklung des Sports. „Fast jeder an der Spitze spielt heutzutage im Schnitt um die 100. Um mitzuhalten, musst du dich kontinuierlich weiter verbessern.“
Trotzdem erwartet er, dass Littler noch viele Jahre erfolgreich sein wird. „Er hat das Alter auf seiner Seite und macht derzeit alles richtig. Wenn er mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt, wird er sicher noch mehrere Weltmeistertitel gewinnen.“
Trotz des starken Teilnehmerfeldes reist Bunting nicht nach New York, um nur dabei zu sein. Der Engländer ist gut in Form und glaubt, dass er alle Qualitäten besitzt, um nach dem Titel zu greifen. „Ich bin hier, um zu gewinnen“, sagt er entschlossen. „Ich fühle mich gut, mein Spiel passt und ich freue mich enorm auf das Turnier.“
Dieses Selbstvertrauen ist nicht selbstverständlich. Gerade die mentalen Schritte, die er in den vergangenen Jahren gemacht hat, haben dafür gesorgt, dass er wieder zu den gefährlichsten Spielern der Tour zählt.
Mit der wachsenden Popularität von Darts in den Vereinigten Staaten, einem ausverkauften Madison Square Garden und einem Teilnehmerfeld voller Weltklasseakteure scheinen alle Zutaten für ein spektakuläres Wochenende gegeben.
Und wenn es nach Stephen Bunting geht, endet dieses Wochenende mit einer weiteren besonderen Erinnerung in New York. „Ich habe alles, um um den Sieg mitzuspielen. Jetzt liegt es an mir, das auf der Bühne zu zeigen.“