„Nein, ich werde es nicht vermissen“ – die Stimme der PDC John McDonald nimmt im WM-Finale Abschied

PDC
Samstag, 03 Januar 2026 um 18:30
John McDonald hält das Mikrofon bereit, um bei der World Series die Spieler auszurufen.
Wenn seine Stimme erklingt, verändert sich die Atmosphäre im Alexandra Palace schlagartig. Der Lärm ebbt ab, die Aufmerksamkeit bündelt sich. Ein einziger Satz reicht, um aus Erwartung Ekstase zu machen. „Ladies and Gentlemen“, sagt er mit jener Ruhe, die seit Jahren zum Soundtrack des Sports gehört. In diesem Moment weiß jeder Fan: Jetzt gehört die Bühne dem Darts. John McDonald braucht keine Effekte, keine Musik, keine Dramaturgie – seine Stimme allein setzt den Startschuss für die größte Party des Dartsports. Am 3. Januar wird sie ein letztes Mal einen Walk-On eröffnen.
Dass dieser Moment überhaupt ein Abschied ist, kam für viele wie ein Schock. Nach 19 Jahren auf der Tour endet eine Ära, die Generationen begleitet und geprägt hat. Keine Ankündigungen mehr, kein Schritt auf der legendären Ally-Pally-Bühne. McDonald zieht einen bewussten Schlussstrich unter eine Laufbahn, die der Professional Darts Corporation und der gesamten Dartswelt ein unverwechselbares Gesicht – und vor allem eine unverwechselbare Stimme – gegeben hat. Die Darts WM vom 11. Dezember bis 3. Januar bildet den würdigen Rahmen für den Abschied eines Mannes, der diesem Sport für immer fehlen wird.
„Nein. Ich werde es nicht vermissen“, sagt McDonald offen gegenüber Sport 1, wenn er auf sein Karriereende angesprochen wird. Doch er bleibt nicht ohne Einordnung. „Was ich vermissen werde, sind die Leute rundherum. Es sind die besten, mit denen ich je zusammengearbeitet habe“, ergänzt er und lenkt den Blick sofort weg von sich selbst.
Der Entschluss zum Abschied reifte über lange Zeit. „Ich bin nicht eines Tages aufgewacht und habe beschlossen, dass ich den Dartsport verlassen werde“, erklärt McDonald. Für ihn sei schnell klar gewesen, dass es nur eine konsequente Lösung gibt. „Entweder ich gehe ganz oder gar nicht.“ Im Mittelpunkt stand dabei seine Familie. „Ich habe eine große Verpflichtung meiner Familie gegenüber“, sagt er. Seine Frau habe immer nach der Familie geschaut, während er unterwegs war. Heute ist er Großvater von acht Enkeln. „Es ist ein guter Zeitpunkt, um zu gehen.“
Der letzte Auftritt im WM-Finale wird emotional. Seine Frau und seine vier Söhne werden erstmals live dabei sein. „Sie waren noch nie davor da, um mich zu sehen. Was glauben Sie also?“, sagt McDonald mit einem vielsagenden Lächeln. Hinzu kommt die sportliche Dimension dieses Abends. „Es geht um eine Million Pfund. Das ist ein Rekord. Das höchste Preisgeld in der Geschichte, das von einem Dartspieler gewonnen wird“, betont er. „Das selbst sagt alles über diesen Moment aus.“
Entsprechend sorgfältig bereitet er sich vor. „Es wird das letzte Mal sein, dass mich jemand professionell hört“, sagt McDonald. „Ich muss daraus etwas ganz Besonderes machen.“ Er denke intensiv darüber nach, wolle sich sogar Stichpunkte aufschreiben. Jeder Satz soll sitzen.
Der Blick zurück führt durch fast zwei Jahrzehnte PDC-Geschichte. Stolz mischt sich dabei mit Erinnerungen an schwierige Zeiten. Eine davon stammt aus dem Jahr 2007, bei einem Aufeinandertreffen zwischen Andy Fordham und Phil Taylor. „Der Abend wurde ein riesiges Desaster“, erinnert sich McDonald. Fordham ging es sehr schlecht, Menschen standen um ihn herum.
McDonald, ausgebildeter Sanitäter, handelte sofort. „Ich habe sie alle weggeschickt, ihn auf den Boden gelegt und in die stabile Seitenlage gebracht“, schildert er. Sein Puls sei „nahezu durch die Decke gegangen“. McDonald alarmierte den Notruf. „Bringt einen Defibrillator und viel Adrenalin mit, sonst gibt es keinen Ausweg“, sagte er damals. Kurz darauf musste er dennoch auf die Bühne, Taylor zum Sieger ausrufen und nach Hause fahren. „Ich habe mir nur gedacht: Niemals wieder, oh mein Gott. Was für ein Albtraum.“ Am nächsten Tag folgte der Anruf von Barry Hearn – mit Dank und einer Idee, aus der später die Premier League Darts entstand.
Ein weiterer prägender Moment folgte im Januar 2018. McDonald holte Phil Taylor ein letztes Mal auf die WM-Bühne. „Es war atemberaubend“, sagt er rückblickend. „Ich habe ihn zum Weinen gebracht.“ Taylor habe zu ihm gesagt: „John, du hast mich zum Weinen gebracht“ und sich bedankt. McDonalds Antwort war schlicht: „Es ist okay, du verdienst es.“ Für ihn bleibt Taylor „der größte Spieler, den es je geben wird“.
Vergleiche mit der neuen Generation zieht McDonald mit Bedacht. Luke Littler sei außergewöhnlich, aber noch am Anfang. „Es sind die frühen Tage seiner Karriere“, sagt McDonald. Littler habe jedoch „einen nahezu unglaublichen Glauben an sich selbst“. Er erinnert sich an ein Gespräch bei der JDC-WM. McDonald sagte dem Teenager, dass er eines Tages vor vollem Ally Pally spielen werde. Littlers Antwort: „Ja, richtig. Am Mittwoch.“ Was folgte, ist bekannt.
Über zwei Jahrzehnte lernte McDonald die Spieler auf ganz unterschiedliche Weise kennen. „Manche Spieler fragen dich nach einem Spaziergang am Morgen, mit manchen esse ich zu Mittag“, erzählt er. Andere suchten Rat bei finanziellen oder privaten Problemen. „Wir teilen das Desaster und den Ruhm“, sagt McDonald. Für ihn gehört das zum Dartsport.
Auch körperlich verlangte der Job viel. „Ich laufe jeden Morgen vom Spielerhotel zum Ally Pally“, erklärt er. Das seien über acht Kilometer. „Aber das ist meine Entscheidung.“ Während der WM verlasse er das Hotel um 8.30 Uhr und komme erst um Mitternacht zurück. „Das ist anstrengend, auch für mich.“
Nach dem Finale beginnt ein neuer Lebensabschnitt. „Es wird keine TV-Sachen mehr von mir geben“, stellt McDonald klar. Einige Verpflichtungen stehen noch an, danach rücken Familie und Reisen in den Mittelpunkt. „Ich schulde einigen Menschen ein bisschen Zeit“, sagt er. Mit dem Wohnmobil will er neue Orte entdecken. Kroatien steht ganz oben auf der Liste.
Wenn am 3. Januar seine Stimme ein letztes Mal durch den Ally Pally hallt, endet mehr als nur eine Karriere. Es ist der Abschied eines Mannes, der dem Dartsport eine Stimme gegeben hat – und unzähligen Momenten für immer ihren Klang.
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