Phil Taylor warnt die Topspieler vor Michael van Gerwen: „Ohne Druck wird er nur schwer zu schlagen sein.“
PDC
Phil Taylor steht seit Jahren nicht mehr auf der Bühne im Alexandra Palace, doch sein Gespür für den Sport ist ungebrochen. In seinem Haus bei Stoke verfolgt der 16-malige Weltmeister den Aufstieg der neuen Generation mit sichtbarem Interesse. Die Darts WM bleibt für ihn der Höhepunkt der Saison, auch wenn er selbst nicht mehr aktiv mitwirkt.
„Die WM ist nach wie vor etwas Besonderes“, sagt Taylor gegenüber Online Darts. „Ich habe das ganze Jahr über Darts genossen, mit all den neuen Gesichtern. Und es gibt eine schöne Rivalität zwischen den beiden Lukes. Das erinnert mich ein bisschen an mich und Barney damals, oder mich und Dennis. Diese Rivalität brauchst du.“
Laut Taylor steht diese WM ganz im Zeichen genau dieser Spannung zwischen den Generationen: junge, hungrige Spieler, die durchdrücken, und etablierte Namen, die „mit den Fingerspitzen“ an ihrem Status festhalten.

Phil Taylor hält es für sehr wahrscheinlich, dass die beiden Lukes erneut im WM-Finale aufeinandertreffen
„Manche Profis hängen jetzt wirklich in den Seilen. Das wird bei dieser WM interessant zu sehen sein. Es werden viele Tränen fließen und es wird genug Diskussionen hinter der Bühne geben“, prognostiziert er.
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Littler und Humphries als Maßstab
Taylor macht aus seiner Erwartung keinen Hehl: Der Weg zur Sid Waddell Trophy führt über Luke Littler und Luke Humphries. „Wenn ich ehrlich bin: In meinen Augen wird einer der beiden Lukes die WM gewinnen“, sagt er. „Luke Humphries baut sich ruhig auf, wirkt entspannt. Und Littler ist so relaxed, dass er im Stehen quasi einschlafen könnte. Er ist ein großartiger Junge, ich mag ihn enorm. Aber genau diese Gelassenheit macht ihn gefährlich.“
Die Art, wie Littler mit Druck umgeht, erkennt Taylor aus seinen eigenen dominanten Jahren wieder. „Er erinnert mich an Coventry City im Moment. Sie geraten in Rückstand und legen dann plötzlich einen Gang zu. Das hat er auch: Er liegt ein oder zwei Legs hinten und schaltet dann ein. Du denkst: Was ist das jetzt? Er hat diesen Extra-Gang, und den hatte ich früher auch. Ich lag 0–1 zurück und der Gegner sagte dann: Was wirft der jetzt? Im Kopf legst du den Schalter um und marschierst los. Das hat er.“
Damit ist Littler laut Taylor der Mann, den alle stoppen müssen. „Wer gegen ihn spielt, muss konstant sein. Humphries kann ihn im Moment matchen, Josh Rock auch, aber es geht darum: Kannst du das durchhalten? Kannst du diesen Druck aufrechterhalten?“
Ein alter Rat, den Taylor einst von Snookerlegende Steve Davis bekam, ist für ihn noch immer leitend. „Steve sagte einmal zu mir: Du musst immer gut sein und brillant, wenn es nötig ist. Unter Druck musst du dieses eine bisschen Extra bringen können. Das siehst du jetzt bei Littler.“
Unvermeidlich wird der Teenager irgendwann mit einem Formtief konfrontiert. Taylor glaubt nicht, dass ihn das brechen wird. „Jeder Dartsprofi hat irgendwann einen Rückschlag, aber ich denke, er wird damit gut umgehen“, sagt er. „Er ist eingestiegen, um es zu genießen. Er arbeitet hart, aber er schindet sich nicht am Practice Board. Was er macht, macht er gut. Er ist auch nicht geldgetrieben. Er ist erst 18. Erst wenn Frau und Familie dazukommen, musst du ans Geld denken, um die Rechnungen zu bezahlen. Jetzt lebt er noch bei seinen Eltern und hat einfach ein gutes Leben.“
Humphries, der sich still ein beeindruckendes Palmarès aufgebaut hat, ist laut Taylor vielleicht sogar unterschätzt. „Seine Leistungen sind durch den Hype um Littler nicht ganz anerkannt worden, das denke ich schon“, findet Taylor. „Luke ist ein unglaublich netter Kerl. So nett, dass es ihm manchmal im Weg stehen kann. Um mehrere WM-Titel zu holen, brauchst du dieses kleine freche Etwas. Diese Aggressivität hat er im Kopf, das siehst du in seinem Gesicht, aber er wirkt nicht aggressiv.“
An Motivation fehlt es jedenfalls nicht. „Hundertprozentig jagt er mehreren Weltmeistertiteln hinterher. Im Practice Room ist er bluternst. Er bringt sich wirklich in Stellung.“
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Van Gerwen nicht mehr im Rampenlicht
Auffällig an der diesjährigen Weltmeisterschaft: Erstmals seit Jahren gehört Michael van Gerwen für viele Fans und Experten nicht zu den Titelfavoriten. Taylor findet das eine interessante Verschiebung.
„Zum ersten Mal wird vor der WM eigentlich kaum über Michael gesprochen. Und ich glaube, insgeheim gefällt ihm das“, sagt er. „Er hatte einige persönliche Probleme, aber wenn du ihn jetzt siehst, albert er wieder herum, macht Witze. Er ist wieder ein bisschen der alte ‚Jack the Lad‘ und das sehe ich gern.“
Gerade weil der Fokus so stark auf den beiden Lukes liegt, kann van Gerwen laut Taylor profitieren. „Wenn man ihn unterschätzt, kann er ruhiger spielen. Dann liegt weniger Druck auf ihm und er ist ein sehr schwerer Brocken, den man rauswerfen muss.“
Den Schlüssel für eine Rückkehr an die absolute Spitze sieht Taylor vor allem abseits des Boards. „Er muss sich hinsetzen, nachdenken, studieren“, erklärt er. „Ich habe immer auf andere Spitzensportler geschaut. Dokumentationen, Biografien. Kleine Dinge, die dich besser machen: selbst im Hotelzimmer kochen, einen Topper und ein eigenes Kissen mitnehmen, sodass du im Grunde in deinem eigenen Bett schläfst. Kein Restaurantessen während der WM, um jede Chance auf Lebensmittelvergiftung zu vermeiden.“
Die Vorgehensweise übernahm er von Bodybuildern. „Die sagten mir: Wir essen niemals im Hotel, wenn wir im Wettkampf sind. Sie nehmen einen Campingkocher und Eier mit und regeln alles selbst. Wenn sie krank werden, brauchen sie jahrelang, um verlorene Muskelmasse zurückzubekommen. Diese Art von Disziplin brauchst du auch bei einer WM. Wenn du müde bist, schlecht schläfst, brennen dir die Augen wie nach einer Stunde am Computer – und das überträgt sich direkt aufs Board.“
Anderson, Wright und der Kampf gegen die Zeit
Taylor blickt auch nach vorn auf das, was die kommenden Wochen für die anderen Ikonen des Dartsports bedeuten. Über Gary Anderson äußert er sich klar. „Ich denke, wir haben seine absolute Spitze nun gesehen“, sagt er. „Das Alter spielt mit, seine Augen sind nicht mehr, was sie einmal waren. Kann Gary noch einen WM-Titel gewinnen? Natürlich kann er das. Aber es wird jetzt sehr schwierig.“
Peter Wright, der erneut ein mühsames Jahr hinter sich hat, bleibt unerschütterlich optimistisch. „Er hat mir gesagt, dass er die WM gewinnen wird. An sein Selbstvertrauen kommst du nicht ran, das ist klar“, lacht Taylor. „Du musst im Kopf haben, dass du gewinnen kannst. Wenn dein eigener Geist nicht mitspielt, wirst du die WM nie holen. Das Training sagt dir, ob du gut genug bist. Aber in seinem Kopf sagt er: Ich kann das gewinnen. Das gefällt mir. Dann heißt es: Wir werden sehen, was passiert.“
Ein wiederkehrendes Thema in Taylors Analyse ist mentale Widerstandskraft. Nicht nur bei Champions, sondern auch bei Spielern, die abzurutschen drohen. Namen wie Dave Chisnall und Rob Cross fallen dabei.
„Du musst wirklich mental stark sein“, sagt er. „Sobald du anfängst zu verlieren, hörst du es überall. Jedes Mal, wenn du vor die Tür gehst: ‚Was ist mit dir passiert?‘ ‚Du gewinnst nie wieder.‘ ‚Du bist fertig.‘ Das waren für mich Anreize, aber ich weiß nicht, ob jeder diese Stärke hat.“
Über Chisnall spricht Taylor offen. „Es ist eigentlich schade. Er ist ein guter Spieler, hat genug Turniere gewonnen, aber nie Blackpool oder die WM. Dazu ist er definitiv in der Lage, aber ich weiß nicht, wie seine Einstellung jetzt ist.“
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Titel vor Geld
Noch immer schwingt in allem mit, dass Taylor Spitzensport anders angeht als ein Großteil der aktuellen Spitzenriege. „Ich verstehe, dass viele Spieler denken: Wenn ich in den Top-32 bleibe, verdiene ich ein paar Hunderttausend pro Jahr, dann ist das in Ordnung“, sagt er. „Aber für mich war das nie genug. Das Geld ist schön, aber ich wollte Titel. Man kann keine Trophäen essen, aber es ist schön, wenn sie hinter dir im Schrank stehen.“
Diese Gewinnermentalität verknüpft er auch mit dem Mut zur Veränderung. „Ich habe nie verstanden, dass manche Spieler seit Jahren nichts gewinnen und dann mit exakt denselben Darts, Schuhen, Klamotten und Flights weiter spielen. Da denke ich: Du hast noch nie etwas gewonnen, probier doch mal was anderes. Du musst immer nach Verbesserungen suchen.“
Am 03.01.2025 spielen zwei Dartspieler um eine Million Pfund. Das setzt sogar Taylors Ehrenliste in ein anderes Licht. „Als ich gespielt habe, waren es 500.000 Pfund“, sagt er. „Stell dir vor, du wirfst für eine Million auf das letzte Doppel. Fantastisch. Barry (Hearn) hat immer gesagt, dass er auf eine Million wollte, und er hat Wort gehalten. Es würde mich nicht wundern, wenn er das langfristig noch weiter nach oben schraubt.“
Wenn es darum geht, wer diese Million holt, bleibt Taylor bei seinem ersten Gefühl. „Für mich ist es eine Fifty-fifty-Entscheidung zwischen ein paar Namen“, sagt er. „Josh Rock hat eine großartige Chance, die beiden Lukes natürlich, und Michael würde ich niemals streichen. Aber wenn du mich jetzt fragst, wer das Finale erreicht… dann sage ich: Es könnten durchaus wieder die beiden Lukes sein.“
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Nic GayerRedakteur
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Heute berichtet er für Dartsnews.de über den professionellen Dartsport und ordnet das aktuelle Geschehen ein – von großen Turnieren bis zu Entwicklungen abseits der Bühne.
Regelmäßig ist er bei Events vor Ort und begleitet rund 20 Turniere pro Jahr, wo er Interviews führt, unter anderem mit Luke Littler, Luke Humphries, Michael van Gerwen, Gerwyn Price sowie Martin Schindler, Gian van Veen und Josh Rock.
Zudem ist er eine der prägenden Stimmen im englischsprachigen Dartsnews Podcast und Co-Host des Sport-Podcasts Overtime Takes.
Nic arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus.
In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.
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Aktuelle Kommentare
- Keiner der Spieler darf sich über Pfiffe oder nicht vorhandenen Respekt beschweren. Ich war Donnerstag, Freitag, Samstagabend und Sonntagnachmittag vor Ort. Es war immer ein sehr faires Publikum. Und wenn Littler und seine Mutter jetzt auch noch respektvoll mit anderen Spielern umgehen, sollte den Aussagen von Littler nichts im Wege stehen.
Grobi25-10-2026 - Sorry, Mensur, zu spät. Wer solche Aussagen in tiefer Emotionalität äußert, der meint diese ernst. Denn das rationale Denken funktioniert in solchen (positiven) Stressmomenten seltens. Und wenn die Wahrnehmung so eingeschränkt ist, dass ich als Profispieler nicht mitbekomme, dass mein Gegner Matchdarts hat, dann stimmt in der Wahrnehmung etwas nicht. Also sorry, Mensur. Entschuldigung nicht angenommen, zumindest von mir. Und was vom Inhalt seines Statement ist mit KI geschrieben? Steht ganz oben. NI wäre hier angebracht gewesen.
Grobi12-10-2026 - Weiß man ob es die rechte oder linke Hand ist? In jedem Fall extrem bitter….Robertuil09-10-2026
- Ricke Evans ist Stand jetzt für die WM qualifiziert. Quelle: Dartsrankings In der ProTour Rangliste werden die Personen rausgerechnet, die bereits qualifiziert sind. Das hat der Autor hier nicht berücksichtigt.FabianD24-09-2026
- Aspinall lag 1:3 hinten , nicht 1:4 🎯Pool1809419-09-2026
- Was ein toller Mensch er doch gewesen ist. Der deutsche Dartsport wäre ohne ihn lange nicht da, wo er heute wäre. Super Artikel 👍ArturBoruc24-08-2026
- Und wer ist jetzt für Amsterdam qualifiziert?Julian1122-08-2026
- Er hat keinen Bock auf Deutschland und findet es hier schrecklich, weil er (zwei-)mal bei einem oder zwei Turnieren von einigen "Dartfans" ausgepfiffen wurde. Das mochte er nicht und deswegen bleibt es Deutschland fern. Ausnahme war der World Cup, da siegte sein Patriotismus und der Ehrgeiz, einmal alles gewonnen zu haben. Er hat es auch mal selbst so geschrieben bzw gesagt, dass er Deutschland (gemeint sind wahrscheinlich Turniere in Deutschland) schrecklich findet.
Grobi18-08-2026 - Danke für den ausführlichen Bericht über Jamie. Generell finde ich es klasse das du dich "fast vergessenen Spielern" annimmst. Wäre grundsätzlich bei Dartnews ein interessantes Dauerthema.XJRLion18-08-2026
- „Littler findet Deutschland einfach ein schreckliches Land“Reißerische Überschrift, aber Gründe lieferst du leider keine. Klar kann man verstehen das einige Topspieler, wie kürzlich Gary Anderson, sagten das er "keinen Bock darauf habe" mehrere Std. am Flughafen zu stehen bis es aufgrund aller Kontrollen weitergeht. Doch erklär uns, gerade aufgrund deiner Überschrift, bitte warum Luke scheinbar grundsätzlich keinen Bock auf Deutschland hat.XJRLion18-08-2026











