„Wenn es nicht bald besser wird, sollte er aufhören“ – Diskussion um Karriereende von Raymond van Barneveld

PDC
Donnerstag, 09 April 2026 um 16:30
Raymond van Barneveld (2)
Vincent van der Voort ist dafür bekannt, stets Klartext zu reden und kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Der ehemalige Profispieler, heute als Coach, Experte und Unternehmer aktiv, verfolgt den modernen Dartsport weiterhin aus nächster Nähe — und nimmt dabei niemanden aus. Weder seinen Schützling Michael van Gerwen, noch die Konkurrenz und auch nicht die neue Generation.
Van der Voort ist zwar selbst kein fester Name mehr auf der ganz großen Bühne, untätig ist er aber keineswegs. Seine Tage sind mit Tätigkeiten in der Dartswelt gefüllt — von seinem eigenen Dartshop bis zu seiner Rolle bei Wimau und der ADC.
„Ich habe viel zu tun, aber auf eine angenehme Weise. Wir haben den Dartshop. Ich arbeite viel für Wimau und auch für die ADC. Und dazu kommen noch Exhibitions und Reisen. Morgen fahre ich zum Beispiel wieder mit Michael nach München“, erzählt er in einem Interview mit Online Darts, womit er auf die German Darts Grand Prix am vergangenen Wochenende anspielte.
Dabei hat er eine klare Rolle übernommen: die Begleitung von Van Gerwen in einer entscheidenden Phase von dessen Karriere. „Er steckt schon in einem anderen Projekt als vor ein paar Jahren“, sagt Van der Voort mit einem Lächeln. „Aber ich versuche, ihm zu helfen, wieder auf sein altes Niveau zu kommen. Das ist harte Arbeit.“

Die Wirkung von Rückschlägen: „Der Angstfaktor ist weg“

Dass Van Gerwen noch nicht wieder so konstant dominiert wie früher, hat laut Van der Voort mehrere Gründe. Vor allem Krankheit und private Umstände haben Spuren hinterlassen. „Diese Phase hat wirklich dafür gesorgt, dass er etwas zurückgefallen ist“, erklärt er. „Und mit all dem, was in seinem Privatleben los ist, wird es nicht einfacher. Das Wichtigste ist jetzt, dass in den kommenden Monaten außerhalb des Dartsports Ruhe einkehrt.“
Dennoch erkennt er klare Zeichen der Besserung. „Ich denke, sein Wurf ist besser als letztes Jahr. Phasenweise siehst du, was er noch kann. Aber jetzt muss er es durchziehen — und vor allem wieder anfangen zu gewinnen.“
Eine der größten Veränderungen rund um Van Gerwen sieht Van der Voort nicht einmal in seinem Spiel, sondern darin, wie Gegner ihn angehen. „Der Angstfaktor ist weg“, stellt er fest. „Früher dachten Spieler im Vorfeld: ‚Ich spiele gegen Michael; das wird schwierig.‘ Heute glaubt jeder, dass er eine Chance hat.“
Dieser Unterschied ist auf höchstem Niveau entscheidend. „Früher spielte er oft gegen Gegner, die wegen dieses Drucks nicht ihr bestes Spiel abriefen. Schau dir jetzt junge Jungs wie Luke Littler an: Da siehst du diesen Effekt wieder entstehen. Das muss Michael sich auch wieder erarbeiten.“
Trotz allem bleibt Van der Voort in Bezug auf Van Gerwen optimistisch. „Nach Siegen in Bahrain, einem Finale in Saudi-Arabien und einem Premier-League-Abend dachte man: Wir sind wieder da. Und ehrlich gesagt denke ich das immer noch.“ Doch er betont erneut: „Jetzt muss es in Titel umgemünzt werden. Das ist der nächste Schritt.“

Niederländischer Darts im Aufschwung

Nicht nur Van Gerwen beschäftigt Van der Voort. Er ist auch in die Entwicklung anderer niederländischer Spieler eingebunden, etwa von Niels Zonneveld. „Niels ist ein sehr guter Spieler“, sagt er. „Seine Averages steigen und er zeigt immer mehr. Mein Sohn arbeitet viel mit ihm und gemeinsam versuchen wir, ihn besser zu machen. Bisher funktioniert das.“
Im größeren Bild erkennt Van der Voort eine positive Entwicklung im niederländischen Darts. „Das Niveau ist gut. Du hast Jungs wie Gian van Veen, Zonneveld, Kevin Doets — und auch Dirk van Duijvenbode spielt gut, nur bleiben die Resultate noch etwas aus.“
Dennoch fehlt etwas. „Das Problem ist: Niemand gewinnt Majors. Und solange ein Spieler alles gewinnt, bleibt das so. Daran müssen wir etwas ändern.“
Van der Voort wiederholt seine frühere Kritik an der Weltspitze, die seiner Ansicht nach zu oft gegen die absolute Nummer eins der Welt zu kurz kommt. „In der Premier League siehst du eine Verbesserung, aber außerhalb noch nicht wirklich“, sagt er. „Er gewinnt immer noch Ranglistenturniere, ohne sein bestes Spiel zeigen zu müssen. Das sagt alles.“
Er versteht das als klare Botschaft. „Die Spitze muss einfach besser spielen. Nimm Gerwyn Price — der gewinnt einen Premier-League-Abend mit fantastischem Darts. Aber das muss er auch gegen den besten Spieler tun.“

Reibung zwischen Littler und Van Veen: „Ich mag ein bisschen Rivalität“

Auffällig ist, dass Van der Voort gerade den erhöhten Spannungs- und Rivalitätsfaktor auf der Bühne schätzt — etwas, das zuletzt erneut beim Premier-League-Duell zwischen Gian van Veen und Luke Littler sichtbar wurde. „Das mag ich“, sagt er. „Liebkind, die sich ständig gratulieren, erwärmen mich nicht. Ein bisschen Kampf gehört dazu.“
Allerdings sieht er, dass junge Spieler den Umgang mit Druck und Emotionen noch lernen müssen. „Wenn du es gewohnt bist, alles zu gewinnen, ist Verlieren schwierig. Aber wie du danach reagierst — vor allem online — das muss besser werden. Da braucht es Begleitung.“
Gian van Veen und Luke Littler schütteln sich nach einem kleinen Zwischenfall auf der Bühne die Hand.
Van Veen und Littler gerieten letzte Woche bei ihrem Premier-League-Duell in Manchester auf der Bühne aneinander.
Zur aktuellen Premier League Darts äußert sich Van der Voort differenziert. „Es macht Spaß zuzuschauen, aber ich bin kein Fan des Formats“, sagt er. „Und du siehst, dass die Top Drei wirklich herausragen.“ Das sorgt für zusätzlichen Druck. „Eigentlich kämpfen drei Topspieler um einen Platz im Finale. Das ist enorm spannend.“
Für Van Gerwen liegt der Fokus jedoch anderswo. „Für ihn ist die Premier League nicht das Wichtigste. Er konzentriert sich auf Ranglistenturniere. Im Hinterkopf hat er immer: Ich muss Titel holen.“
Der wahre Gradmesser liegt laut Van der Voort im Sommer. „Das World Matchplay ist der Moment. Da muss er gut sein. Darauf arbeiten wir hin.“ Der Grund ist klar: Die Rangliste lügt nicht. „Wenn er nicht liefert, kann er sogar aus den Top 16 fallen. Das wäre ein riesiger Schock — und seinem Niveau absolut nicht angemessen.“

World-Cup-Chancen und die Zukunft von Van Barneveld

Mit Blick auf den PDC World Cup of Darts sieht Van der Voort Chancen für die Niederlande, sofern die richtigen Spieler verfügbar sind. „Mit Michael und Gian van Veen hast du ein starkes Doppel. England bleibt Favorit, aber danach spielst du ganz vorne mit.“
Auch Wesley Plaisier beeindruckt. „Was er zeigt, ist unglaublich. Drei Pro Tour Finals 2024 ohne Tourcard — das sagt alles. Aber jetzt muss er es auch auf den großen Bühnen zeigen. Dort wirst du zum echten Topspieler.“
Zum Schluss kommt auch Raymond van Barneveld zur Sprache — ein Thema, mit dem Van der Voort sichtbar ringt. „Ich halte ihn für einen der fünf oder sechs besten Spieler aller Zeiten“, sagt er. „Aber die letzten anderthalb Jahre tun seiner ‚Legacy‘ nicht gut.“ Seine Botschaft ist ehrlich, aber hart. „Wenn es nicht schnell besser wird, sollte er aufhören. Aber am Ende ist das seine Entscheidung. Er hat das Recht, selbst zu wählen.“
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