„Ich merkte, dass das Teilen meiner Geschichte vielen Menschen half“ – Jules van Dongen radelte 4.800 Kilometer durch Amerika, um auf die Erkrankung Dystonie aufmerksam zu machen

PDC
Mittwoch, 24 Juni 2026 um 15:15
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Für Jules van Dongen endete die professionelle Dartkarriere genau in dem Moment, als sie eigentlich Fahrt aufnahm. Der in den Niederlanden geborene Dartspieler, der inzwischen im US-amerikanischen Parkville lebt, verlor während der Corona-Pandemie 2021 seinen Job in der Gastronomie und beschloss, aus seinem größten Hobby seinen Beruf zu machen.
Nach zwei erfolgreichen Jahren auf der amerikanischen Darts-Tour, in denen er mehrere Titel gewann, ging Van Dongen den nächsten Schritt. Bei der Q-School 2022 sicherte er sich eine Tour Card. Der Höhepunkt folgte Anfang 2024 mit seiner Teilnahme an der WM im Alexandra Palace.
Als er später in jenem Jahr seinen Profistatus verlor, kämpfte sich Van Dongen über die Q-School erneut zurück. Doch hinter den Kulissen gab es ein weitaus größeres Problem.

Eine mysteriöse Verletzung

Van Dongen bemerkte, dass es ihm zunehmend schwerfiel, seine Darts zu halten. „Zunächst dachte ich, es sei ein Problem mit meinem Grip“, erzählt Van Dongen im Gespräch mit The Kansas Ciry Star. „Ich drehe meinen Dart vor dem Wurf immer über den Daumen, aber plötzlich klappte das nicht mehr. Mein Daumen machte einfach nicht mit.“
Was als kleine Unannehmlichkeit begann, entwickelte sich zu einem hartnäckigen Problem, das ihn jahrelang verfolgte. Einige Kollegen vermuteten, er leide an Darteritus, einer mentalen Blockade, die verhindert, dass Spieler ihre Pfeile loslassen können.
Van Dongen wollte vor allem wissen, was wirklich los war. „Ich suchte einen orthopädischen Chirurgen auf, machte Physiotherapie, Akupunktur und Hypnotherapie. Ich arbeitete mit einem Sportpsychologen und ließ Nerventests und MRTs durchführen. Aber nichts half und niemand konnte mir sagen, was genau nicht stimmte.“
Nach unzähligen Untersuchungen fand Van Dongen schließlich selbst die Antwort während einer nächtlichen Internetsuche. Er stieß auf aufgabenspezifische Dystonie, eine neurologische Störung, bei der während bestimmter Handlungen Muskelkrämpfe auftreten.
In seinem Fall löste ausgerechnet die für das Halten eines Darts nötige Kneifbewegung unkontrollierte Muskelkontraktionen aus. Ein Besuch bei einem Neurologen bestätigte kurz darauf die Diagnose.
Die Erleichterung, endlich eine Antwort zu haben, wich schnell der harten Realität: Eine einfache Lösung gibt es nicht. „Akzeptanz war der schwierigste Teil. Ich hatte das Gefühl, meine Karriere sei gerade im Aufwind. Und plötzlich wird dir der Teppich unter den Füßen weggezogen.“

Auf der Suche nach einem neuen Ziel

Die Diagnose bedeutete faktisch das Ende einer Dartkarriere, an der Van Dongen zehn Jahre gearbeitet hatte. „Als ich wusste, dass meine Karriere vorbei war, fiel ich in ein Loch. Was sollte ich jetzt mit meinem Leben anfangen? Ich brauchte ein Ziel. Etwas, auf das ich hinarbeiten konnte.“
Dieses neue Ziel fand er auf dem Fahrrad. Radfahren war seit Jahren ein wichtiges Hobby. Um während seiner Dartkarriere fit zu bleiben, unternahm Van Dongen regelmäßig lange Touren und absolvierte sogar drei Ironman-Wettkämpfe.
Aus dieser Leidenschaft entstand ein ambitionierter Plan: die USA von Küste zu Küste mit dem Rad zu durchqueren. Von Santa Monica in Kalifornien nach Yorktown in Virginia, eine Strecke von über 4.800 Kilometern.
Als er die Idee zu Hause vorstellte, war die erste Reaktion seiner Frau Linda wenig überraschend. „Sie sagte: ‚Du bist verrückt. Das wird nicht passieren.‘ Einen Tag später fragte sie, was nötig sei, um es möglich zu machen. Dann stand sie voll dahinter.“
Das Projekt bekam den Namen Pedals and Points und wuchs zu weit mehr als einer persönlichen Herausforderung heran. Van Dongen wollte auf Dystonie aufmerksam machen, eine Erkrankung, die laut Zahlen der Cleveland Clinic in unterschiedlichen Formen fast 300.000 Amerikaner betrifft.
Während seiner Tour besuchte er unterwegs Dart-Locations, spielte Schaukämpfe mit lokalen Spielern und dokumentierte alles über soziale Medien. Zudem arbeitete er an einer Dokumentation über sein Abenteuer.
„Ich merkte, dass das Teilen meiner Geschichte vielen Menschen half. Ich wollte zeigen, wie groß dieses Problem eigentlich ist und wie viele damit zu tun haben.“

76 Tage voller Herausforderungen

Nach wochenlanger Vorbereitung startete Van Dongen gemeinsam mit einem Kameramann und Fahrer in Santa Monica. Schnell stellte er fest, dass die Herausforderung größer war als erwartet.
„Der erste Tag lief prima, aber an Tag zwei, drei und vier ging alles Mögliche schief. Mein Navi schickte mich buchstäblich in die Büsche. Da fragte ich mich wirklich: Woran habe ich mich da bloß gewagt?“
Es folgte ein 76 Tage dauernder Kraftakt. In Kalifornien musste er wegen Straßensperrungen über unbefestigte Bergpfade ausweichen. In New Mexico fuhr er hunderte Kilometer auf Highways, während Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit an ihm vorbeidonnerten. In Kentucky hielt er aggressive streunende Hunde mit Pfefferspray auf Abstand.
Außerdem hatte er mit vierzehn Reifenpannen zu kämpfen, eine Zahl, die er sich im Anschluss sogar als Tattoo verewigen ließ. Die Tage bestanden aus stundenlangem Radfahren und Übernachten im Camper, wobei Wasser und Strom sorgfältig rationiert werden mussten.
Das Ende der Tour war alles andere als spektakulär. Als Van Dongen Yorktown erreichte, regnete es in Strömen. Seine Familie suchte in Autos Schutz, und nur ein Journalist war anwesend, um ein Foto zu machen und eine kurze Frage zu stellen. Danach blieb er allein mit seinem Rad zurück.
Bevor er aufbrach, machte er noch ein symbolisches Foto, indem er sein Fahrrad in den Atlantischen Ozean stellte. Am Ende erwies sich das Ziel nicht als der wichtigste Teil der Reise. Unterwegs fand Van Dongen etwas wieder, das er während seiner Profikarriere verloren hatte: Freude am Spiel.
Bei Stopps unter anderem in Missouri, Kentucky und Virginia spielte er entspannte Partien mit lokalen Darterinnen und Dartern, ohne den Druck von Ranglisten, Preisgeldern oder Resultaten.
„Ich war immer extrem wettkampforientiert. Darts war zu meinem Job geworden. Auf dieser Reise habe ich wieder rein zum Spaß gespielt. Ich habe neu gelernt, Darts zu genießen, ohne dass meine Laune von Sieg oder Niederlage abhing.“

Ein Comeback mit links

Obwohl seine rechte Hand weiterhin durch Dystonie eingeschränkt ist, hat Van Dongen seinen Traum nicht vollständig aufgegeben. Die Erkrankung betrifft ausschließlich seine rechte Hand, weshalb er ein bemerkenswertes neues Projekt gestartet hat: Darten mit links zu lernen. Er hofft, letztlich der erste professionelle Darter zu werden, der sowohl rechts- als auch linkshändig auf hohem Niveau gespielt hat.
Nach neun Monaten Training ist ihm bewusst, dass es ein langer Weg wird. „Man fängt buchstäblich ganz von vorne an. Ich denke, es wird Jahre dauern, bis ich mit der linken Hand das Niveau erreiche, das ich früher rechts hatte.“
Neben seinen sportlichen Zielen setzt sich Van Dongen weiterhin für mehr Bekanntheit rund um Dystonie ein. Mit Pedals and Points sammelte er inzwischen 14.500 Dollar für die Dystonia Medical Research Foundation.
„Viele Menschen verstehen noch immer nicht genau, was Dystonie ist. Selbst für mich hat es lange gedauert, bis ich es vollständig begriffen habe. Das macht Fundraising schwierig.“
Durch seine Offenheit hat er inzwischen mehrere Sportlerinnen und Sportler unterstützt, die mit denselben Beschwerden zu kämpfen hatten. „Bei vielen habe ich dasselbe Muster gesehen. Sie erhielten ein, zwei oder sogar drei Jahre lang eine Fehldiagnose. Ich hoffe, dass wir durch mehr Aufmerksamkeit für diese Erkrankung Menschen schneller auf den richtigen Weg bringen können.“

Familie, Freunde und Durchhaltevermögen

Wenn Van Dongen auf die vergangenen Jahre zurückblickt, nennt er zwei Faktoren, die ihn aufrecht hielten. Der erste ist die Unterstützung seiner Familie, Freunde und der Dartsgemeinschaft. Besonders seine Frau Linda spielte dabei eine entscheidende Rolle, während er seinem Traum auf dem internationalen Circuit nachjagte.
„Sie haben mich finanziell und emotional unterstützt. Gerade für diese Menschen möchte ich beweisen, dass ich es noch immer kann. Hoffentlich bald mit links.“
Der zweite Faktor ist seine Unbeirrbarkeit. Dieselbe Zielstrebigkeit, die ihn einst zu einem der besten Darter der Vereinigten Staaten machte, treibt ihn nun an, neu zu beginnen, einen Kontinent zu durchqueren und seine Einschränkungen nicht bestimmen zu lassen, was er noch erreichen kann.
„Ich brauche etwas, worauf ich im Leben hinarbeiten kann. Natürlich ist das nicht angenehm, aber es hätte viel schlimmer kommen können. Ich bin gesund und ich bin noch da. Das ist, was zählt.“
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