Phil Taylor zeigt Verständnis für die Emotionen, die Luke Littler kürzlich nach seinem Sieg in der Premier League Darts zeigte. Der 16-fache Weltmeister weiß wie kaum ein anderer, wie es ist, jahrelang im Rampenlicht zu stehen und dabei regelmäßig Ziel von Kritik und feindlichen Publikumsreaktionen zu sein.
Nach seinem Sieg in der Premier League Darts ließ die junge Sensation sichtbar seinen Gefühlen freien Lauf. Littler sprach offen über den Druck, den er verspürt, und die negativen Reaktionen, mit denen er regelmäßig konfrontiert wird.
Taylor konnte sich gut hineinversetzen. „Ich habe wirklich mit ihm mitgefühlt“, sagt die Darts-Legende. „Menschen begreifen manchmal nicht, was es mit dir macht, wenn dich Tausende ausbuhen oder beschimpfen.“
Laut Taylor wird die Wirkung solcher Situationen oft unterschätzt. „Wir stehen dort, um die Leute zu unterhalten. Natürlich verdienst du als Spitzensportler gut, aber das bedeutet nicht, dass Bemerkungen und Beleidigungen spurlos an dir vorbeigehen. Am Ende bleibt es im Kopf hängen.“
Die Darts-Legende aus Stoke-on-Trent weiß, wovon sie spricht. Während seiner unerreichten Karriere wurde er zum dominierenden Spieler seiner Generation. Diese Dominanz sorgte jedoch auch dafür, dass ihm regelmäßig die Rolle des Bösewichts zugeschoben wurde. „Irgendwann hatte ich genug“, erzählt er. „Als ich aufhörte, war ich 58 Jahre alt. Barry Hearn (PDC-Vorsitzender) fragte noch, ob ich nicht ein paar Jahre weitermachen wolle, aber ich hatte es satt. Jetzt genieße ich ein ruhiges Leben, und damit bin ich sehr glücklich.“
Die Kehrseite des Erfolgs
Taylor erkennt eine klare Parallele zwischen seinen eigenen Erfahrungen und denen von Littler. „Wenn du erfolgreich bist, verändert sich die Sicht der Menschen auf dich. Zunächst finden alle großartig, was du machst, aber mit der Zeit wollen sie, dass jemand anderes gewinnt.“
Das gehört seiner Meinung nach zum Spitzensport. „Zu jedem Erfolg gehört auch eine Kehrseite. Damit musst du umgehen lernen.“
Für Littler sieht er am Ende zwei mögliche Szenarien. „Entweder er gewöhnt sich daran oder er entscheidet eines Tages, dass er keine Lust mehr hat. Das klingt hart, aber so ist es nun einmal.“
Dennoch glaubt Taylor, dass der junge Weltmeister die Qualitäten besitzt, um diese schwierigen Momente zu überwinden. „Das Publikum gewinnst du zurück, indem du gut spielst. Wirf 180er, produziere große Finishes und gewinne Matches. Dann drehen die Leute von selbst wieder um.“
Laut Taylor liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Darts und vielen anderen Sportarten in der Einsamkeit des Fachs. „Als Fußballer kannst du zu einem Mitspieler gehen und um Hilfe bitten. Im Darts stehst du allein da. Niemand kann dich retten, wenn es schiefgeht.“
Diese mentale Herausforderung vergleicht er mit Boxen. „Es ist genau wie im Ring. Du bist vollkommen auf dich gestellt. Manchmal kann sich das sehr einsam anfühlen.“
Luke Littler gewann kürzlich zum zweiten Mal in seiner Karriere die Premier League Darts
Ein außergewöhnliches Talent
Taylor hat gelegentlich Kontakt mit Littler und seiner Familie, räumt aber ein, dass der junge Engländer nicht gerade dafür bekannt ist, ständig ans Telefon zu gehen. „Ich spreche häufiger mit seinen Eltern als mit Luke selbst“, scherzt er. „Er ist ein ruhiger Junge, der vor allem sein eigenes Ding macht.“
Eine jüngste Begegnung zeigte erneut, wie besonders Littlers Talent ist. Taylor war bei einem Showturnier in Chester anwesend, bei dem Littler gegen Luke Humphries antrat. „Ich fragte ihn, ob er vor dem Spiel noch trainieren würde. Seine Antwort war simpel: ‚Nein, nicht nötig.‘“
Was danach geschah, verblüfft Taylor bis heute. „Er schlug Luke Humphries mit 8:1. Ich traute meinen Augen kaum. Sobald ich eine Halle betrete, nehme ich sofort meine Darts zum warmwerfen in die Hand. Ich könnte das niemals.“
Die Darts-Legende sieht darin gerade die Stärke des jungen Weltmeisters. „Was er macht, funktioniert offenbar. Natürlich würde ich sagen, dass ein bisschen zusätzliches Training nie schadet, aber er verfügt über ein außergewöhnliches Talent. Wirklich außergewöhnlich.“
„Darts kann sich einen Verlust von Littler nicht leisten“
Taylor hofft daher, dass Littler trotz allen Drucks und aller Aufmerksamkeit noch viele Jahre im Sport aktiv bleibt. „Es wäre unglaublich schade, wenn wir ihn verlieren würden. Was er in so jungen Jahren für Darts geleistet hat, ist unglaublich.“
Laut dem 16-fachen Weltmeister hat Littler den Sport wieder einer breiten Öffentlichkeit nähergebracht. „Er hat Darts bei einer neuen Generation von Fans wieder auf die Landkarte gesetzt. Das ist enorm wichtig für die Zukunft unseres Sports.“
Taylors Botschaft ist daher klar: Genießt das Talent von Luke Littler, solange es geht, aber vergesst nicht, dass hinter dem Weltmeister auch nur ein junger Sportler steht, der – wie jeder andere Spieler – von Kritik und negativen Reaktionen getroffen werden kann.
Eine Lektion, die Phil Taylor aus eigener Erfahrung besser kennt als jeder andere.