VORSCHAU World Cup of Darts – Deutschland: Zwischen Formsuche, Dartitis und Fragezeichen – Schindler und Pietreczko im Kampf gegen die Zweifel

PDC
durch Nic Gayer
Dienstag, 09 Juni 2026 um 18:30
germany 4
Nicht einmal ein Jahr ist vergangen, seit Martin Schindler und Ricardo Pietreczko für eine der größten Sensationen der jüngeren World-Cup-Geschichte sorgten. „Pikachu“ verwandelte bei 62 Restpunkten den ersten Matchdart auf der Doppel-16, die Bierbecher flogen durch die Frankfurter Eissporthalle, die Menschen lagen sich vor Freude in den Armen. Eine Atmosphäre, wie man sie selbst im Darts nur selten erlebt.
Es war der nächste Meilenstein einer gigantischen Sportnation, die seit Jahren versucht, ihrer Rolle auch im Dartsport immer stärker gerecht zu werden. Knapp zwölf Monate später ist von dieser Euphorie jedoch kaum noch etwas übrig – und das, obwohl Team Deutschland in unveränderter Besetzung an den Ort eines seiner größten Triumphe zurückkehrt. In dieser Vorschau gehen wir der Frage nach, warum die Vorjahreshalbfinalisten aktuell von mehr Fragezeichen und Zweifeln als von Aufbruchsstimmung und Hoffnung umgeben sind.

Vorjahres-Halbfinalisten kehren zurück

Personell unverändert kehrt Team Deutschland in diesem Jahr ins Herz Europas zurück. Im vergangenen Jahr marschierten Schindler und Pietreczko nach souveränen 4:2- und 4:0-Erfolgen über Portugal und Singapur durch die Gruppenphase. In der K.o.-Runde setzten sie sich anschließend, wie eingangs beschrieben, sensationell mit 8:4 gegen die Titelfavoriten aus England durch, ehe das deutsche Duo auch Australien in einem nervenaufreibenden Decider bezwang und das Halbfinalticket löste.
Ricardo Pietreczko und Martin Schindler beim World Cup of Darts 2025.
Der Coup gegen England machte Schindler und Pietreczko zu deutschen Darts-Helden – nun kehrt das Duo an den Ort dieses Triumphs zurück
Damit stellten Schindler und Pietreczko das beste deutsche World-Cup-Ergebnis ein. Erstmals erreichte Team Deutschland 2020 das Halbfinale, als Max Hopp und Gabriel Clemens überraschend den langjährigen Niederlande-Fluch beendeten und mit einem 2:1-Erfolg gegen das Nachbarland erstmals in die Vorschlussrunde einzogen. Gabriel Clemens wiederholte dieses Kunststück 2023 gemeinsam mit Martin Schindler, als das Duo im Viertelfinale England mit 8:3 besiegte.

Ergebnisse von Team Deutschland beim World Cup of Darts

JahrTeamErgebnis
2010Jyhan Artut und Andree WelgeZweite Runde
2012Jyhan Artut und Bernd RoithAchtelfinale
2013Jyhan Artut und Andree WelgeViertelfinale
2014Jyhan Artut und Andree WelgeErste Runde
2015Jyhan Artut und Max HoppViertelfinale
2016Max Hopp und Jyhan ArtutErste Runde
2017Max Hopp und Martin SchindlerViertelfinale
2018Max Hopp und Martin SchindlerViertelfinale
2019Max Hopp und Martin SchindlerAchtelfinale
2020Max Hopp und Gabriel ClemensHalbfinale
2021Gabriel Clemens und Max HoppViertelfinale
2022Gabriel Clemens und Martin SchindlerViertelfinale
2023Gabriel Clemens und Martin SchindlerHalbfinale
2024Martin Schindler und Gabriel ClemensAchtelfinale
2025Martin Schindler und Ricardo PietreczkoHalbfinale

Martin Schindler: „Capitano“ auf der Suche nach Konstanz

Obwohl in den vergangenen Wochen medienwirksam vor allem über die sportliche Talfahrt von Ricardo Pietreczko diskutiert wurde, erzählt das nur einen Teil der Geschichte. Denn auch die deutsche Nummer eins Martin Schindler, die in diesem Jahr zum dritten Mal als Teamkapitän nach Frankfurt reist, erreicht 2026 noch zu selten ihr Topniveau.
Nach den ersten fünf Monaten der PDC-Saison steht „The Wall“ bei einer Siegquote von 49 Prozent. Ein Blick auf die vergangenen vier Jahre verdeutlicht, dass nicht nur Pietreczko derzeit mit seiner Form ringt: 2025 lag Schindlers Siegquote bei 64 Prozent, 2024 bei 60 Prozent, 2023 bei 56 Prozent und 2022 sogar bei starken 63 Prozent. Natürlich bleiben der deutschen Nummer eins noch fast sieben Monate, um diesen Kurs zu korrigieren. Dennoch zeichnen die Zahlen das Bild einer bislang enttäuschenden Saison.
Martin Schindler auf der European-Tour-Bühne.
Martin Schindler reist als deutsche Nummer eins nach Frankfurt – auf sein bestes Niveau konnte „The Wall“ in dieser Saison bislang jedoch nur phasenweise zurückgreifen
Ein wesentlicher Teil dieser Geschichte liegt im Saisonstart. Nicht selten wird im Sport darüber gesprochen, wie wichtig ein guter Auftakt in ein Spiel, einen Wettkampf oder eine Saison ist – und in Schindlers Fall muss man rückblickend von einem Fehlstart sprechen. Im ersten Players-Championship-Match des Jahres schrieb Schindler Schlagzeilen der ungeliebten Art: Mit einem 65er-Average unterlag der dreifache European-Tour-Champion Maik Kuivenhoven mit 0:6.
Im Interview mit DartsNews reagierte Schindler einige Wochen später im Rahmen des German Darts Grand Prix in München auf den viel diskutierten Auftritt: „Beim ersten Players Championship habe ich gemerkt, dass ich überhaupt nicht ich selbst war. Ich konnte drehen und wenden, was ich wollte – ich war überhaupt nicht Herr der Lage. Da hat, glaube ich, nur noch der Körper funktioniert, und der Kopf war wie zwei Meter daneben.“
Was auf den ersten Blick wie ein ungewöhnlicher Aussetzer wirkte, der in einem Sport der feinsten Margen zwar selten, aber durchaus vorkommen kann, entwickelte sich in den folgenden Wochen und Monaten tatsächlich zu einer Formdelle. Schindlers bislang bestes Saisonergebnis bleibt ein starker Halbfinallauf bei Players Championship 15. Dass „The Wall“ nach 20 Turnieren jedoch nur auf Rang 53 der diesjährigen Players Championship Order of Merit steht, unterstreicht die fehlende Konstanz in seinem Spiel.
Auch auf seiner ganz persönlichen Spielwiese der vergangenen Jahre, der European Tour, konnte Schindler bislang noch nicht an die Leistungen der Vorsaisons anknüpfen. In den Jahren 2024 und 2025 krönte sich „The Wall“ auf jener Tour, auf der er bereits als 17-Jähriger als Steward arbeitete, zum dreifachen Champion. Zudem beendete er die European-Tour-Saison 2024 sogar auf Rang eins der zugehörigen Order of Merit und reiste als Setzlistenerster zur Europameisterschaft nach Dortmund.
In diesem Jahr stehen nach acht Turnieren zwei Viertelfinalteilnahmen zu Buche. Zudem ist Schindler bereits dreimal in der ersten Runde ausgeschieden. Zum Vergleich: In den kompletten Saisons 2024 und 2025 zusammen schied er nur viermal zum Auftakt eines European-Tour-Turniers aus.
Also Schwarzmalerei pur vor dem World Cup of Darts 2026? Natürlich nicht. Als Martin Schindler seine Floor-Saison mit einem 65er-Average eröffnete, diskutierten Fans und Experten bereits über eine folgenschwere Krise, mögliche Verletzungsprobleme oder gar existenzbedrohende Dartitis-Sorgen. Diese dunklen Wolken konnte Schindler in den vergangenen Monaten jedoch vertreiben.
Auch wenn die Nummer 19 der Weltrangliste mit ihrer bisherigen Saison nicht zufrieden sein dürfte, hat sie ihr Weltklasse-Niveau mit Viertel- und Halbfinaleinzügen sowie Averages von 113,79, 108,78 und 105,90 Punkten immer wieder aufblitzen lassen. Und wer weiß: Vielleicht verleiht ihm die besondere Wucht der Frankfurter Eissporthalle genau die Flügel, die er für eine starke zweite Jahreshälfte braucht.

Ricardo Pietreczko: Der Arm der Nation

Widmen wir uns nun einem der meistdiskutierten Themen rund um den diesjährigen World Cup of Darts: Ricardo Pietreczko und seinem Kampf gegen die Dartitis. Nach einem beachtlichen Saisonfinale mit Viertelfinaleinzug bei der Europameisterschaft und dem Erreichen der dritten Runde bei der Darts WM im Ally Pally sah sich Pietreczko Anfang April plötzlich mit der größten sportlichen Krise seiner bisherigen PDC-Karriere konfrontiert.
Beim German Darts Grand Prix in München mühte sich Pietreczko zunächst noch mit einem 79er-Average gegen Ian White in die zweite Runde und zeigte in seinem Duell mit Nathan Aspinall erstmals deutliche Anzeichen einer Problematik mit seinem Wurf. Aspinall, der als einer der prominentesten Fälle des Sports gilt, die den Kampf gegen die Dartitis erfolgreich bewältigt haben, bot dem Deutschen nach der Partie im Bühneninterview sogar seine Hilfe an.
Und Aspinall sollte Recht behalten. Was zunächst nach einer Ungereimtheit im Wurf aussah, entwickelte sich in den folgenden Wochen immer mehr zum sportlichen Ernstfall. Pietreczkos Wurftechnik schien in sich zusammenzufallen wie ein Kartenhaus – und mit ihr sein gesamtes Spiel. Bei Players Championship 14 brach „Pikachu“ sein Erstrundenduell gegen Jeffrey de Zwaan nach nur zwei gespielten Legs und einem Average von unter 60 Punkten ab. Bei Players Championship 15 und 16 kam er bei zwei Erstrundenniederlagen nicht über einen 76er- beziehungsweise 66er-Average hinaus. Die Dartitis-Erkrankung, die im Dartsport bereits zahlreiche Karrieren zerstört hat, hatte nun auch den zweitbesten Dartspieler Deutschlands eingeholt.
Ricardo Pietreczko auf der European-Tour-Bühne.
Die Dartitis stellt Ricardo Pietreczko vor die größte sportliche Herausforderung seiner PDC-Karriere – aufgeben kommt für „Pikachu“ jedoch nicht infrage
Entsprechend nahmen die Diskussionen um Pietreczko – insbesondere mit Blick auf seinen bevorstehenden Start für Team Deutschland beim World Cup of Darts 2026 – Fahrt auf. Fans und Experten stellten die Frage, ob Pietreczko seinen Startplatz freiwillig aufgeben sollte, um dem deutschen Team und auch Martin Schindler bessere Erfolgschancen einzuräumen. Als logischer Ersatz wurde dabei immer wieder die aktuelle deutsche Nummer drei, Niko Springer, ins Spiel gebracht.
Auch Kapitän Schindler äußerte sich im Rahmen der European Tour in Graz am DartsNews-Mikrofon zu einer möglichen Absage seines Teamkollegen:
„Da bin ich ehrlich: Das liegt in Ricardos Hand. Wenn er sagt, er fühlt sich danach und vertraut auf sich und sein Spiel, dann vertraue ich auch ihm. Aber wenn er natürlich auch so ehrlich ist und sagt: Macht er nicht. Dann respektiere ich das – und dann finde ich das auch wirklich eine sehr, sehr gute und erwachsene Entscheidung.“
Doch Pietreczko zeigte durchweg klare Kante. Mitte Mai bestätigte er in einem Twitch-Chat, dass er den World Cup of Darts spielen werde, sofern nichts „Schlimmeres“ dazwischenkomme. Im Rahmen der International Darts Open in Riesa machte der 31-Jährige zudem deutlich, dass er zum Start des World Cups definitiv fit sein werde.
Das Turnier in Riesa markierte in gewisser Weise die sportliche Wiederauferstehung Pietreczkos. Vor allem die Geschwindigkeit, mit der der 31-Jährige seine Konkurrenzfähigkeit wiederherstellen konnte, ist bemerkenswert. Bei den International Darts Open legte Pietreczko einen denkwürdigen Auftritt hin: Der Deutsche präsentierte sich mit einem von Grund auf überarbeiteten Wurfstil, dessen Auftaktbewegung an den World-Cup-Champion von 2010, Co Stompé, erinnert.
Pietreczko wirkte auf der Bühne deutlich sicherer und befreiter und spielte sich mit Siegen gegen Maik Kuivenhoven und Danny Noppert erstmals in dieser Saison in den Finaltag eines European-Tour-Events. Diese Entwicklung bestätigte er in der vergangenen Woche mit dem Erreichen des Boardfinals bei Players Championship 20.
Die Tatsache, dass Pietreczko seinen Wurfstil innerhalb weniger Wochen elementar veränderte und mitten in diesem Prozess in den Finaltag eines European-Tour-Events einzog, verdeutlicht, wie sehr er für den Dartsport lebt – und wie gut er sein eigenes Spiel kennt. Während der Druck von außen immer größer wurde und die Tage bis zum World Cup in Frankfurt unaufhaltsam verstrichen, arbeitete Pietreczko an seinem sportlichen Comeback.
Unter Druck kühlen Kopf zu bewahren, gehört ohnehin zu den Fähigkeiten, die sinnbildlich für Pietreczkos bisherige PDC-Karriere stehen. Der 31-Jährige gilt seit Jahren als der beste Big-Game-Player des Landes. Und genau deshalb würde es ins Bild passen, wenn „Pikachu“ die Bühne in Frankfurt nutzt, um viele seiner Kritiker verstummen zu lassen.

Fazit

Auf den ersten Blick scheint Team Deutschland vor dem World Cup of Darts 2026 tatsächlich weit von der Euphorie entfernt zu sein, die vor zwölf Monaten durch die Frankfurter Eissporthalle schwappte. Martin Schindler sucht weiterhin nach der Konstanz vergangener Jahre, Ricardo Pietreczko kämpfte sich in den vergangenen Wochen durch die größte sportliche Krise seiner Karriere. Die Zweifel, die das deutsche Team derzeit begleiten, kommen also nicht von ungefähr.
Und dennoch wäre es fahrlässig, Schindler und Pietreczko allein auf ihre Schwierigkeiten der vergangenen Monate zu reduzieren. Der Teamkapitän hat sein Weltklasse-Niveau auch in dieser Saison bereits mehrfach aufblitzen lassen, während Pietreczko eindrucksvoll bewiesen hat, wie groß seine Widerstandsfähigkeit ist. Vor allem aber hat das deutsche Duo im vergangenen Jahr gezeigt, dass es auf der größten Team-Bühne des Sports über sich hinauswachsen kann.
Vielleicht liegt genau darin die größte Chance. Selten war die Erwartungshaltung rund um Team Deutschland vor einem World Cup of Darts so verhalten wie in diesem Jahr. Die Diskussionen drehten sich in den vergangenen Wochen weniger um mögliche Erfolge als um Formkrisen, Zweifel und personelle Alternativen. Der Druck, unbedingt liefern zu müssen, dürfte daher geringer sein als noch vor zwölf Monaten. Schindler und Pietreczko reisen nicht als große Hoffnungsträger nach Frankfurt, sondern als ein Team, dessen Potenzial viele derzeit schwer einzuordnen wissen. Und genau das könnte sich in den kommenden Tagen als Vorteil erweisen.
Klatscht 2Besucher 2
loading

Gerade In

Beliebte Nachrichten

Aktuelle Kommentare

Loading