In dieser Rubrik blicken wir regelmäßig auf einen Dartspieler aus der Vergangenheit zurück. Heute ist der Kanadier Gary Mawson an der Reihe, der vor allem mit seinem überraschenden Finaleinzug bei den UK Open 2008 für Aufsehen sorgte.
Mawson gehört zu den markantesten nordamerikanischen Dartspielern, die jemals auf höchstem Niveau aktiv waren. Auch wenn sein Name nicht denselben Stellenwert besitzt wie der der größten Weltmeister, sorgte er in den 1990er-Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts regelmäßig bei den großen PDC-Turnieren für Aufmerksamkeit. Seine internationale Laufbahn, Einsätze für mehrere Nationen und überraschende Erfolge gegen einige der größten Namen des Sports machen ihn zu einer besonderen Persönlichkeit der Darts-Geschichte.
Sohn britischer Eltern
Gary Mawson wurde in Kanada als Sohn britischer Eltern geboren. Bereits in jungen Jahren zog die Familie nach Bolton in England, wo er zwischen seinem dritten und siebten Lebensjahr lebte. Anschließend kehrte die Familie nach Kanada zurück. Aufgrund seiner britischen Herkunft und seiner Kindheit in England besitzt Mawson sowohl die kanadische als auch die britische Staatsbürgerschaft.
Später ließ er sich in den Vereinigten Staaten nieder und erhielt nach vielen Jahren auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Dadurch vertrat er im Laufe seiner Karriere sowohl Kanada als auch die USA, ehe er später wieder unter kanadischer Flagge spielte. So repräsentierte er Kanada beispielsweise beim US Darts Masters 2019.
Seinen ersten Versuch, im professionellen Darts Fuß zu fassen, unternahm Mawson bereits 1989. Er reiste nach Großbritannien, um sich mit den besten Spielern der Welt zu messen, doch der Zeitpunkt erwies sich als ungünstig. Der Dartsport befand sich damals in einer schwierigen Phase, in der sich Sponsoren und Fernsehsender weitgehend zurückgezogen hatten. Die Möglichkeiten für ausländische Spieler waren entsprechend begrenzt, weshalb Mawson nach Kanada zurückkehrte und dort seine Karriere fortsetzte.
1992 nahm er erstmals an den Canadian National Darts Championships teil. Zwar schied er im Achtelfinale aus, zeigte jedoch, dass er das Talent besaß, mit den besten Spielern Nordamerikas mitzuhalten. Zwei Jahre später veränderte die Gründung des World Darts Council, der späteren Professional Darts Corporation, die Darts-Welt grundlegend. Neben den 14 britischen Spielern, die sich von der BDO abgespalten hatten, wurden auch einige nordamerikanische Dartspieler eingeladen. Mawson gehörte zu dieser ersten Generation internationaler Teilnehmer.
TV-Debüt beim World Matchplay 1995
Sein Debüt vor den TV-Kameras feierte Mawson beim World Matchplay 1995. Dort traf er direkt auf Phil Taylor, der damals bereits als dominierende Figur des Dartsports galt. Mawson überraschte viele Beobachter, indem er früh in Führung ging. Taylor drehte die Partie jedoch noch und gewann schließlich mit 8:5. Trotz der Niederlage bewies Mawson, dass er auch auf der größten Bühne bestehen konnte.
In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre entwickelte sich Mawson zu einem festen Vertreter Kanadas bei den wichtigsten PDC-Turnieren. Zwischen 1995 und 2000 nahm er jedes Jahr am World Matchplay teil und stand zudem mehrfach beim World Grand Prix sowie bei der Weltmeisterschaft am Oche. Sein bestes Ergebnis in dieser Phase erzielte er beim World Grand Prix 1998, als er das Viertelfinale erreichte – lange Zeit seine beste Platzierung bei einem großen PDC-Turnier.
Gary Mawson sorgte 2008 mit seinem überraschenden Finaleinzug bei den UK Open für den größten Erfolg seiner außergewöhnlichen Karriere.
Nach der Jahrtausendwende blieb Mawson auf dem nordamerikanischen Circuit aktiv und vertrat inzwischen die Vereinigten Staaten. Dort erarbeitete er sich einen ausgezeichneten Ruf. Seine Leistungen brachten ihm einen Startplatz bei der Las Vegas Desert Classic 2007 ein. Dort egalisierte er mit dem Viertelfinaleinzug sein bis dahin bestes TV-Ergebnis. Dank seiner konstanten Resultate qualifizierte er sich außerdem für die Premierenauflage des Grand Slam of Darts und kehrte damit erstmals seit Jahren wieder auf eine der größten PDC-Bühnen zurück.
Das Jahr 2008 entwickelte sich schließlich zum Höhepunkt seiner Karriere. Bei den US Open gelang Mawson in der Runde der letzten 32 ein beeindruckender Sieg über Raymond van Barneveld. Damit zog er ins Achtelfinale ein und bewies, dass er selbst absolute Weltklassespieler schlagen konnte.
Sensation bei den UK Open 2008
Noch beeindruckender verlief sein Auftritt wenige Wochen später bei den UK Open. Seine Teilnahme stand zunächst sogar auf der Kippe. Mawson hatte am John F. Kennedy International Airport in New York versehentlich seinen kanadischen Reisepass liegen lassen. Zum Glück hatte er noch seinen britischen Pass dabei, sodass er problemlos über den Manchester Airport nach Großbritannien einreisen und doch noch am Turnier teilnehmen konnte.
Am Oche startete Mawson anschließend eine beeindruckende Siegesserie. Er setzte sich nacheinander gegen Darren Johnson, Mark Frost, Alex Roy, Mark Lawrence, Mark Dudbridge und Wayne Jones durch und erreichte überraschend das Halbfinale. Dort wartete erneut Raymond van Barneveld, der die UK Open 2006 und 2007 gewonnen hatte und zuvor 16 Spiele in Folge bei diesem Turnier ungeschlagen geblieben war.
Mawson sorgte für eine der größten Überraschungen des Turniers, indem er van Barneveld mit 10:8 besiegte. Da die Partie live im Fernsehen übertragen wurde, erhielt seine Leistung große Aufmerksamkeit. Zudem war es bereits das zweite Mal innerhalb weniger Wochen, dass er den niederländischen Superstar bezwingen konnte. Van Barneveld hatte in den Jahren zuvor unter anderem mehrere Endspiele gegen Phil Taylor gewonnen und galt als einer der Topfavoriten auf den Titel. Mawsons Sieg wurde deshalb als echte Sensation gefeiert.
Im Finale wartete schließlich James Wade. Obwohl Mawson erneut eine starke Leistung zeigte, musste er sich Wade geschlagen geben und mit dem zweiten Platz zufriedengeben. Der Finaleinzug blieb dennoch der mit Abstand größte Erfolg seiner Profikarriere und machte ihn endgültig einem internationalen Publikum bekannt.
Ähnlichkeit mit Rafael Benítez
Während dieser denkwürdigen UK Open entstand zudem eine kuriose Nebengeschichte. Britische Fans stellten fest, dass Mawson dem damaligen Liverpool-Trainer Rafael Benítez erstaunlich ähnlich sah. Während des gesamten Turniers hallten Gesänge wie „Rafa, give us a wave“ und „Rafa Rafael“ durch die Halle. Mawson nahm es mit Humor. Als er scherzhaft gefragt wurde, ob er seinen Spitznamen künftig in „Rafa“ ändern müsse, antwortete er, Rafael Benítez werde stattdessen seinen Namen in Gary Mawson ändern – und der neue Liverpool-Trainer heiße ab sofort Gary Mawson. Dieser Spruch blieb vielen Dartsfans in Erinnerung und machte ihn beim britischen Publikum noch beliebter.
Sein Finaleinzug bei den UK Open brachte Mawson außerdem ein Ticket für den Grand Slam of Darts 2008 ein. Dort schied er allerdings bereits in der Gruppenphase aus, sodass der nächste große Erfolg ausblieb.
Auch in den folgenden Jahren blieb Mawson auf internationaler Ebene aktiv. 2012 vertrat er gemeinsam mit Darin Young die Vereinigten Staaten beim World Cup of Darts. Das US-Duo erreichte das Viertelfinale, wo England mit 3:1 zu stark war. Für einen besonderen Höhepunkt sorgte Mawson dennoch: Er gewann sein Einzel gegen den damals 15-maligen Weltmeister Phil Taylor – einer der größten Einzelerfolge seiner Karriere.
Ein Jahr später schrieb Mawson auf nordamerikanischem Boden erneut Geschichte. Bei den Las Vegas Open 2013 gelang ihm ein perfekter 9-Darter, den er mit dem Turniersieg krönte. Im Finale setzte er sich gegen Wes Newton durch.
Nach einigen ruhigeren Jahren kehrte Mawson 2019 auf die PDC-Bühne zurück. Über die nordamerikanische Qualifikationsrangliste sicherte er sich einen Startplatz beim US Darts Masters. Bemerkenswert war dabei, dass er wieder für Kanada antrat und damit zu dem Land zurückkehrte, das er während des Großteils seiner frühen Karriere vertreten hatte. In der ersten Runde bot er Gerwyn Price lange Paroli, musste sich dem späteren Weltmeister jedoch mit 4:6 geschlagen geben.
Sein Platz in der Darts-Geschichte
Auch wenn Gary Mawson nie Weltmeister wurde, zählt er zu den erfolgreichsten nordamerikanischen Dartspielern seiner Generation. Seine überraschenden Siege gegen Größen wie Raymond van Barneveld und Phil Taylor, der Finaleinzug bei den UK Open sowie seine internationale Karriere unter drei verschiedenen Nationalitäten haben ihm einen besonderen Platz in der Geschichte des Dartsports gesichert.
WM-Ergebnisse von Gary Mawson
Jahr
Ergebnis
Gegner
Resultat
1997
Gruppenphase
Bob Anderson / Eric Bristow
1:3-Niederlage gegen Bob Anderson, 3:1-Sieg gegen Eric Bristow
1998
Gruppenphase
John Lowe / Peter Manley
3:0-Sieg gegen John Lowe, 0:3-Niederlage gegen Peter Manley
1999
Zweite Runde
John Ferrell
2:3-Niederlage
2000
Erste Runde
Keith Deller
0:3-Niederlage
2008
Erste Runde
Kevin Painter
0:3-Niederlage
2011
Erste Runde
Phil Taylor
0:3-Niederlage
Auch 2026 noch aktiv
Inzwischen ist Mawson 63 Jahre alt, bleibt dem nordamerikanischen Dartsport aber weiterhin erhalten. So qualifizierte er sich für die US Darts Masters, ein Turnier der World Series of Darts. Im Madison Square Garden unterlag er in der ersten Runde Jonny Clayton mit 2:6. Außerdem war er im vergangenen Jahr auch noch bei der MODUS Super Series am Start. Trotz seines fortgeschrittenen Alters brennt das Feuer für den Dartsport bei Mawson also noch immer – und vielleicht wird er auch in den kommenden Jahren noch einmal auf einer PDC-Bühne zu sehen sein.
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Heute berichtet er für Dartsnews.de über den professionellen Dartsport und ordnet das aktuelle Geschehen ein – von großen Turnieren bis zu Entwicklungen abseits der Bühne.
Regelmäßig ist er bei Events vor Ort und begleitet rund 20 Turniere pro Jahr, wo er Interviews führt, unter anderem mit Luke Littler, Luke Humphries, Michael van Gerwen, Gerwyn Price sowie Martin Schindler, Gian van Veen und Josh Rock.
Zudem ist er eine der prägenden Stimmen im englischsprachigen Dartsnews Podcast und Co-Host des Sport-Podcasts Overtime Takes.
Nic arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus.
In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.